Öffentliche Führung durch die MVHS
Führung
Fr, 24. April 2026, 15–16 Uhr

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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts formierte sich in München ein Kreis von Künstlerinnen und Künstlern mit einer Vision. Sie hatten das gemeinsame Ziel, die Kunst zu erneuern und die Gesellschaft zu verändern.
Besonders wichtig in diesem Unterfangen waren die beiden Ausstellungen der Redaktion Der Blaue Reiter in München 1911–12. Der Titel nahm explizit Bezug auf das Vorhaben des Almanachs: Dieses programmatische Jahrbuch etablierte den Blauen Reiter als Teil eines weltweiten, epochen- und gattungsüberschreitenden Kunstschaffens. Der Blaue Reiter war jedoch mehr als das: Er basierte auf einem Netzwerk des Austauschs, das kulturelle Unterschiede als kreative Ressource verstand. In einem transnationalen Dialog – vom Deutschen Kaiserreich und Frankreich bis ins Russische Reich und in die USA – schufen die Beteiligten neue Bildsprachen für eine sich wandelnde Welt. Viele von ihnen lebten unkonventionelle Lebensentwürfe, stellten Geschlechterrollen in Frage und suchten nach neuen Formen der Darstellung jenseits bürgerlicher Normen.
Die Ausstellung rückt ihre wegweisenden Errungenschaften in den Mittelpunkt – von Franz Marcs symbolischer Farbtheorie über Wassily Kandinskys Abstraktionen bis hin zu Alexander Sacharoffs performativen Grenzüberschreitungen. Besonderes Augenmerk gilt den Künstlerinnen, die – für ihre Zeit ungewöhnlich sichtbar – eine zentrale Rolle in der Bewegung spielten. Neben Gabriele Münters expressiver Malerei treten ausdrucksstarke Selbstporträts von Elisabeth Epstein, die dramatischen Gemälde der Kosmopolitin Marianne von Werefkin und Maria Franck-Marcs hintergründige Stillleben und utopische Kinderwelten.
Bedeutende Neuzugänge zur Sammlung des Lenbachhauses wie die großformatigen abstrakten Kompositionen von Wilhelm Morgner oder sozialkritische Werke von Emmy Klinker und Albert Bloch sind erstmals zu sehen. Mit über 240 Arbeiten eröffnet die Ausstellung neue Perspektiven auf eine der bedeutendsten Bewegungen der europäischen Avantgarde und zeigt, wie aktuell ihre Fragen nach Emanzipation, ästhetischer Praxis und gattungsübergreifenden Innovationen auch heute sind. Der Blauen Reiter verstand Kunst als Botschaft und nicht als bloßes Problem der (schönen) Form. So beschreibt Else Lasker-Schüler 1911 in einem Gedicht die Suche nach einem weiteren Horizont mit den Worten: "Über die Welt hinaus."
Die Ausstellung findet im Rahmen der Vorbereitungen unseres Jubiläums "100 Jahre Lenbachhaus 1929 / 2029" statt.
Eine Kooperation des Lenbachhauses und der Gabriele Münter- und Johannes-Eichner-Stiftung. Mit freundlicher Unterstützung von Förderverein Lenbachhaus e.V.
Mit Werken von: Albert Bloch, Erma Bossi, Wladimir Burljuk, Heinrich Campendonk, Robert Delaunay, Elisabeth Iwanowna Epstein, Otto Freundlich, Maria Franck-Marc, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Emmy Klinker, Moissey Kogan, Alfred Kubin, Else Lasker-Schüler, August Macke, Franz Marc, Wilhelm Morgner, Gabriele Münter, Jean-Bloé Niestlé, Alexander Sacharoff, Marianne von Werefkin und andere
Kuratiert von Melanie Vietmeier und Matthias Mühling
Kuratorische Assistenz: Johannes Michael Stanislaus
“Jahrelang waren Kandinsky, Marc & Co. außer Haus, nun hängen die allermeisten Bilder des berühmten Künstlerkreises wieder im Lenbachhaus. Dort hat man den Ikonen der Moderne eine neue Ausstellung spendiert. Höchst sehenswert.”
"Den Höhepunkt bildet ein Raum in tiefem Nachtblau mit Werken von Wassily Kandinsky. Unter dem Titel seines Essays Das Geistige in der Kunst" leuchten die Bilder wie farbige Galaxien und zeigen den Weg des Künstlers von gegenständlichen Motiven zu reiner Abstraktion. Das muss man sehen, erleben, fühlen."
“Auf blau getünchten Wänden leuchten Kandinskys Farben wie aus einer anderen Welt. Mal lässig zu Reitern oder Figuren geformt, mal den Gegenstand hinter sich lassend. Man betrachtet das mittlerweile differenzierter, die Abstraktion geht längst nicht mehr allein auf sein Konto. Aber auch das ist in dieser klugen, inspirierenden Neueinrichtung zu sehen."
“Das neue Farb- und Raumkonzept lässt Besucher:innen in die intensive Welt dieser Avantgardebewegung eintauchen und eröffnet faszinierende Einblicke in die Geschichte und Visionen der Künstler:innen. […] Die Ausstellung verdeutlicht, wie aktuell die Fragen nach Emanzipation, ästhetischer Praxis und gattungsübergreifender Innovation noch heute sind. Kunst wurde von den Künstler:innen des Blauen Reiters als Botschaft verstanden, nicht nur als Spiel mit Form und Farbe – wie Else Lasker-Schüler 1911 poetisch ausdrückte: ‘Über die Welt hinaus.’”
“Das Lenbachhaus, […] hat seinen Überblick aus 150 Werken über diese Strömung der Klassischen Moderne neu kuratiert, und das mit zwei Neuheiten: mit erstmals ausgestellten Neuzugängen zur Sammlung sowie mit mehr Frauen denn je.”
“Gattungen, Genres, Materialien, Zeit, Raum, Nationalitäten, nichts davon spielte für die Künstler des “Blauen Reiter” eine Rolle. Nicht die Vorbereitung der Abstraktion ist das Verdienst dieser Gruppe, sondern das gelebte Nebeneinander unterschiedlichster Ausdruckswege, die Auffassung von Kunst als einer universellen Grenz- und Zeitüberschreitenden Sprache. Ein Besuch im Münchner Lenbachhaus heißt nichts weniger als Eintauchen in diese Vision.”
"Doch das Lenbachhaus hebt Gabriele Münter nun regelrecht aufs Schild. Widmet Ihr den ersten großen Saal in der Ausstellung. Dort, wo sie früher mit den männlichen ‚Reitern‘, allen voran Kandinsky, Ihrem früheren Lehrer […] um Aufmerksamkeit ringen musste, strahlt Ihr Werk jetzt von tief aquamarinblau gestrichenen Wänden wie ein Solitär. […] ‘Die Dame im Sessel’, ein Portrait einer Stenografin aus dem Jahr 1929 im Stil der Neuen Sachlichkeit. Allein wie die Interessant gebundene Pluderhose und die spitzen roten Schuhe mit den gedrechselten Beinen des Sessels korrespondieren, ist bemerkenswert. Mehr noch, wie der zweifarbige Hintergrund ausleuchtendem Hellblau und warmen Rotton die Frau in dem Sessel plastisch hervortreten lassen, sie so präsent machen, dass sie beinahe den Bildrahmen zu sprengen droht, das ist ganz große Kunst."

Wilhelm Morgner
Ornamentale Komposition XIII, 1912

Wilhelm Morgner
Ornamentale Komposition XV

Wassily Kandinsky
Impression III (Konzert), 1911

Alexej von Jawlensky
Bildnis des Tänzers Alexander Sacharoff, 1909

Franz Marc
Äffchen und Mensch, um 1912

August Macke
Türkisches Café, 1914

Franz Marc
Kühe, rot, grün, gelb, 1911

Wassily Kandinsky
Improvisation 19, 1911

Gabriele Münter
Sinnende, 1917

Wassily Kandinsky
Improvisation Sintflut, 1913

Wassily Kandinsky
Romantische Landschaft, 1911

Marianne von Werefkin
In die Nacht hinein, 1910

Maria Franck-Marc
Blumen und gelbe Disteln, um 1913

Erma Bossi
Selbstbildnis (als Bildnis von Marianne von Werefkin 1970 erworben), um 1910

Alexej von Jawlensky
Spanierin, 1913