Orhan Pamuk

Der Trost der Dinge

Orhan Pamuk

"Wahrhafte Museen sind Orte, an denen sich die Zeit in Raum verwandelt."
(Orhan Pamuk, in "Museum der Unschuld")

"Zur Zeit meiner Kindheit gab es noch sehr wenige Museen in Istanbul, meist historische Bauten, die unter Denkmalschutz standen, oder wie Behörden anmutende Einrichtungen. Erst als ich später die kleinen, unscheinbaren Museen entdeckte, die sich in den Nebenstraßen europäischer Städte verbargen, merkte ich, dass Museen (genauso wie Romane) auch die Geschichte einzelner Individuen erzählen können. Zudem wurde mir klar, dass ein ganz besonderer Wert von Museen darin liegt, zu zeigen, in welchem Zusammenhang sich die Objekte zueinander befinden, wie sie sich auf Menschen und deren Gedanken und Sorgen beziehen. Das nenne ich die Kraft der Dinge – eine tröstende Kraft gegen die vergehende Zeit." (Orhan Pamuk, in "Der Trost der Dinge")

Orhan Pamuk (*1952 in Istanbul) – der erste türkische Schriftsteller, der den Literaturnobelpreis erhielt – präsentiert im Lenbachhaus sein vielseitiges, kreatives Schaffen als Autor, Fotograf, Zeichner, Kurator, Museumsgründer und bedeutende politische Stimme unserer Gegenwart. Pamuk erzählt seine Geschichten anhand von Objekten. Ausgehend von seinem Istanbuler "Museum der Unschuld" mit Alltagsgegenständen zum gleichnamigen Roman überführt er Literatur in den Raum des Museums und schafft begehbare Fiktionen. Pamuk zeigt in seinem Museum die Liebesgeschichte des Fabrikantensohns Kemal und seiner schönen Cousine Füsun. Als ihre Liebesbeziehung in einer Tragödie endet, richtet Kemal ein Museum ein, in dem Tausende von Gegenständen ausgestellt sind, die ihn an Füsun erinnern. Die Objekte spiegeln zugleich das tägliche Leben in Istanbul zwischen den 1950er und den 2000er Jahren wider – und damit auch Zeitgeschehen, Geschlechterrollen oder das zeitgenössische Kino. In dreidimensionalen Collagen, die wie Wunderkammern eine eigene Welt erschaffen, entfaltet die Macht der Dinge eine poetische Kraft. In München sind 40 Kabinette aus dem Istanbuler Museum zu sehen, die Pamuk für diese Wanderausstellung nachgestaltet hat.

Eigens für die Ausstellung entstehen zusätzlich neue Werke, die sich in Auseinandersetzung mit der Sammlung des Lenbachhauses und Künstlern wie Paul Klee und Alfred Kubin mit weiteren Romanen Pamuks verflechten. Indem er über die besondere Art von Trost nachdenkt, die uns Dinge spenden können, greift er Themen auf, die ihn seit vielen Jahren beschäftigen: kultureller Wandel, "Okzidentalismus" und "Orientalismus", Fiktion und Erinnerung, und die Rolle von Museen.

Pamuks bisher weitgehend unbekannte Seite als bildender Künstler wird in weiteren Werkserien teils erstmalig der Öffentlichkeit präsentiert. Eine Auswahl seiner Gemälde, Zeichnungen, Skizzenbücher und Notizbücher sowie Fotografien gewährt einen sehr persönlichen Einblick in sein vielschichtiges Œuvre, in dem er sich auf immer neue Weise seiner Heimatstadt Istanbul, ihrer bewegten Historie vom Osmanischen Reich bis zur Republik Türkei sowie den Menschen, die in ihr leben, nähert. In seinen Romanen wie auch seinem konzeptuellen und bildnerischen Werk vermittelt sich dabei ein Seelenzustand der Melancholie oder der kollektiven Stimmung des "Hüzün" und inspiriert zur Diskussion über das Aufeinandertreffen und Verschmelzen von Kulturen. Orhan Pamuk erschafft daraus ein Gesamtkunstwerk: "Ich schreibe, weil ich die Wirklichkeit nur ertrage, wenn ich sie verändern kann."

Im Rahmen der Ausstellung wird das Video-Triptychon des Künstlers Ali Kazma "A House of Ink" gezeigt, das sich mit Pamuks literarischem und künstlerischem Werk, seinem Atelier, seiner Bibliothek und seinem umfangreichen Archiv befasst. Courtesy der Künstler und Francesca Minini, Mailand.
 
Kuratiert von Melanie Vietmeier und Matthias Mühling
 
Wanderausstellung des Museum der Unschuld und der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in Zusammenarbeit mit dem Lenbachhaus München und dem DOX Centre for Contemporary Art, Prag.

Zur Ausstellung erscheint die Publikation "Orhan Pamuk. Der Trost der Dinge“ (in deutscher Sprache).
Münchner Ausgabe, 272 Seiten, 33 EUR.
Hanser Verlag
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Mit freundlicher Unterstützung des Förderverein Lenbachhaus e.V.
 

Hinweis zur Barrierefreiheit: Die Ausstellung befindet sich im Erdgeschoss des Lenbachhauses. Hier finden Sie eine Wegbeschreibung.
Ein Bereich der Ausstellung ist sehr dunkel. Einige Vitrinen sind nicht unterfahrbar; Teile der Vitrinen sind vom Rollstuhl aus nicht komplett einzusehen.

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Stimmen

"Die Vermischung von Welten, von Gefundenem und Erfundenem, Orient und Okzident, Kunst und Alltagsgeschichte, sie macht den großen Reiz der Dioramen aus, die ein Stück weit auch an alte Wunderkammern erinnern."

Jürgen Moises, SZ

"Wer den Schriftsteller Orhan Pamuk als Künstler und Individuum genauer kennenlernen möchte, ist in dieser Ausstellung am rechten Ort."

Thomas Kretschmer, BR24

"Es ist eine Ausstellung, die man nicht nur gesehen haben sollte, sondern die jeder Besucher, jede Besucherin erleben muss. Ein Glücksfall."

Michael Schleicher, Münchner Merkur

"[Orhan Pamuks] Ausstellung  ‚Der Trost der Dinge‘ präsentiert sich so vielgestaltig, dass man sich mit einem geborenen Erzähler wie ihm tagelang darin verlieren könnte. [...] So viel Einblick in ein kreatives Gehirn war selten, immer getrieben von der Frage, was taucht aus der Erinnerung auf - ein Bild oder ein Wort?“

Hannes Hintermeier, F.A.Z.

"Das ist ungemein anregend, in diesem Kosmos kommt man der Welt so leicht abhanden wie in einem guten Roman."

Christa Sigg, Abendzeitung

"Yazar Orhan Pamuk yerine bu sefer sanatçı Orhan Pamuk'tan haber var. Nobel ödüllü yazarın daha önce hiç görülmemiş resim, çizim ve enstalasyonları […] [16 Mayıs’tan beri] Münih'teki Lenbachhaus Müzesi'nde sergilenecek."
[DE Übersetzung:] "Statt des Schriftstellers Orhan Pamuk gibt es diesmal Neues vom Künstler Orhan Pamuk. Die nie zuvor gezeigten Gemälde, Zeichnungen und Installationen des Nobelpreisträgers sind [seit 16. Mai] im Museum Lenbachhaus in München zu sehen."

Olkan Özyurt, 10 Haber

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