Die "Blauen Reiterreiterinnen"
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Im Jahr 1913 schrieb Else Lasker-Schüler an ihre Freundin Marianne von Werefkin:
"Hochverehrte Prinzessin, vieladeliger wilder Junge, süße Malerin,
wann darf ich kommen – ich träume von der Süßigkeit Ihrer Bilder.
(Der Prinz von Theben) Else Lasker-Schüler (Der blauen Reiterreiterin Freundin)“
Else Lasker-Schüler spielte gerne mit Geschlechterrollen und Identitäten, sich selbst bezeichnete sie auch als Prinz von Theben. Ihre Wortfindung der "Blauen Reiterreiterin" für die Künstlerinnen des Blauen Reiters steht leitmotivisch über dem Ausstellungsprojekt.
Erstmals widmen wir uns umfassend den Künstlerinnen im Umfeld des Blauen Reiters und rücken deren bedeutenden Beitrag zur Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts in den Fokus. Sie waren Kosmopolitinnen, Mäzeninnen und Pionierinnen einer neuartigen Kunst. Sie wagten es, nationale, gesellschaftliche und künstlerische Grenzen zu überschreiten. Ihre Leben waren geprägt von Selbstbehauptung, Emanzipation und künstlerischem Aufbruch.
"Ab nach München", schrieb Gabriele Münter euphorisch, als sie ihr Kunststudium aufnahm. Es war mutig, die Kunst als Beruf zu wählen: Der Zugang zu Kunstakademien war Frauen verwehrt. Gleichstellung wurde durch Gesetze unterbunden. Die selbstorganisierte Damenakademie in München bot jedoch erste Ausbildungsmöglichkeiten für Künstlerinnen und verschiedene Vereine kämpften für das Frauenwahlrecht. Die revolutionäre Haltung der Künstlerinnen übertrug sich auch auf ihre Kunst. In ihren Bildern, Briefen und Texten suchten sie einen neuen Zugang zur Welt. Mit ihren Ideen trugen sie maßgeblich zur Entstehung einer expressionistischen Kunst bei. So spiegeln die Porträts, Stillleben und Landschaften einen bisher unbekannten Umgang mit Farbe und Form wider. Die Künstlerinnen fanden eine innovative Auseinandersetzung mit der Natur, Spiritualität und der menschlichen Existenz. Ihr Blick auf soziale Realitäten und antibürgerliche und unangepasste Identitäten zeugt von einer bewussten Abgrenzung von traditionellen Normen in einem männlich dominierten Kunstsystem.
Die vorgestellten Künstlerinnen waren Freundinnen und Konkurrentinnen, Mitbegründerinnen der Neuen Künstlervereinigung München (NKVM) und aktiv im Kreis des Blauen Reiters. In Marianne von Werefkins "Rosa Salon" wurden künstlerische und politische Themen diskutiert und eine neue Geschichte der Kunst auf den Weg gebracht. Mit Ausstellungen in der renommierten Galerie Der Sturm suchte Gabriele Münter die Öffentlichkeit. Dank Elisabeth Epsteins grenzüberschreitendem Netzwerk und ihrem Kontakt zu Robert Delaunay und Sonia Delaunay-Terk beteiligte sich die französische Avantgarde am Blauen Reiter. Carla Pohle vermittelte in ihrer Grafik eine soziale und politische Botschaft, die sich mit Armut, Klasse und Krieg auseinandersetzte.
Zeitlich spannt die Ausstellung einen Bogen von der Bedeutung Münchens um 1900 als Ort einer starken Frauenrechtsbewegung über den Blauen Reiter bis hin zum Wirken der Künstlerinnen in der Weimarer Republik, im Exil und bis in die 1940er Jahre. Mit einem besonderen Augenmerk auf sozial konstruierte Rollenbilder, Identitätsfragen und Geschlechterrollen sowie den internationalen Netzwerken zwischen München, Paris und Moskau wird die vielfältige Ästhetik der "Blauen Reiterreiterinnen" erstmals gewürdigt.
Mit Werken von: Erma Bossi – Sonia Delaunay-Terk – Emmi Dresler – Elisabeth Epstein – Elisabeth Erdmann-Macke – Natalja Gontscharowa – Else Lasker-Schüler – Maria Franck-Marc – Olga Meerson – Gabriele Münter – Carla Pohle – Marianne von Werefkin
Eine Ausstellung der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München in Kooperation mit dem Museum Wiesbaden und dem Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen sowie der Fondazione Marianne Werefkin in Ascona/CH.
Die Ausstellung findet im Rahmen der Feierlichkeiten anlässlich des 150. Geburtstages von Gabriele Münter statt. Zugleich richtet die UNESCO 2027 ein Gedenkjahr zu Ehren der Künstlerin Gabriele Münter aus.
Eine Kooperation des Lenbachhauses und der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung. Mit großzügiger Unterstützung des Förderverein Lenbachhaus e.V.
Die Ausstellung wird gefördert von der Kulturstiftung der Länder.
Der begleitende Katalog erscheint im Hirmer Verlag in separaten deutschen, englischen und italienischen Ausgaben. Der Katalog wird gefördert von der Ernst von Siemens Kunststiftung.


