Günter Fruhtrunk in Paris

Von Susanne Böller.

Zum 100. Geburtstag widmet das Lenbachhaus Günter Fruhtrunk (1923–1982) eine umfassende Ausstellung. Der in München geborene und verstorbene Maler wird – aufgrund seiner langjährigen Lehrtätigkeit und seines Wirkens in dieser Stadt – häufig vor allem als "Münchner Künstler" wahrgenommen. Doch der führende Vertreter der konkreten Malerei in der Bundesrepublik hatte seine Kunst von 1954 bis 1967 in Paris entwickelt und seine Karriere von dort aus aufgebaut.

Erstmals legt eine Ausstellung nun das Augenmerk auf diesen wichtigen Abschnitt seiner künstlerischen Karriere und lässt Günter Fruhtrunk in Bild und Wort – sprich in der Ausstellung und im begleitenden Buch – so weit wie möglich selbst zu Wort kommen. Über zeitgenössische Ausstellungskataloge und Kritiken lässt sich nachvollziehen, welche Werke Fruhtrunk selbst für seine Ausstellungen auswählte und welche dort besondere Beachtung fanden. Die reichlich erhaltenen Briefe Fruhtrunks, seiner Frau und seiner Freund*innen und Unterstützer*innen, seiner Kritiker*innen und Galerist*innen sind Schlüssel zur Erzählung schon fast vergessener Geschichten und bedeuten auch eine Reise durch die 1950er und 1960er Jahre in der BRD und in Frankreich.

Fruhtrunk lebte als junger Künstler Anfang der 1950er Jahre in Freiburg im Breisgau im Südwesten Deutschlands, damals noch Teil der französischen Besatzungszone. Dort kooperierten rührige deutsche Vermittler mit französischen Amtsträgern, die für die Umerziehung der deutschen Bevölkerung zuständig waren. Sie förderten das Interesse junger Deutscher an moderner französischer Kunst.
 
Wie viele andere Künstler*innen nach dem 2. Weltkrieg hatte Fruhtrunk bereits für sich entschieden, dass eine gegenständliche Malerei für ihn sinnlos wäre. Er malte abstrakt und erfreute sich lokaler Anerkennung. Doch seitdem er 1953 einige Wochen im Atelier des berühmten Fernand Léger in Paris verbracht hatte, wollte er wieder dorthin. 1954 gelang es ihm dann, ein Stipendium für Paris zu bekommen. Bereits in den ersten Monaten eröffnete sich ihm ein weites Feld künstlerischer Anregungen, auf das er nicht mehr verzichten mochte. So setzte er alles daran zu bleiben. Doch was interessierte ihn hier eigentlich so?

In seiner Bitte um Verlängerung seines Stipendiums an den Generaldirektor für kulturelle Angelegenheiten in der französischen Besatzungszone, benannte er im November 1954 vor allem zwei Dinge: In den vergangenen Monaten in Paris habe er bei seinem Studium der Maltechniken des 20. Jahrhunderts seine Kenntnisse in Bezug auf den Bildraum und auf die Konzeption der Valeurs, der Farbwerte, bereichert. Daraus sollte sich für Fruhtrunk über die nächsten Jahre ein vorrangiges künstlerisches Ziel ergeben: die Realisierung eines neuen Farb-Licht-Raumes, die man als seine ureigenste Bild(er)findung bezeichnen darf.

Doch zunächst musste er als Künstler in Paris Fuß fassen. Dass es ihm gelang, verdankte Fruhtrunk der Wertschätzung, die gleich zu Anfang Jean Arp, Michel Seuphor und Sonja Delaunay seiner Person und seinem künstlerischen Arbeiten entgegenbrachten: Künstler*innen, die bereits vor dem Krieg europäisch dachten und länderübergreifend arbeiteten. Inzwischen waren sie bemüht, den abgerissenen Dialog zwischen Frankreich und Deutschland neu zu beleben, dabei unterstützten sie die junge Generation von Künstler*innen. Wenn Fruhtrunk in den folgenden Jahren in Deutschland ausstellen konnte, dann war dies meist der Initiative jener zu verdanken, die junge, abstrakte Kunst auch als Mittel der kulturellen Verständigung sahen.

1955 fand in einem (Altherren-)Künstlerclub, dem Cercle Volnay, die erste Ausstellung abstrakter deutscher Kunst in Paris nach dem Krieg statt. Es war eine sehr umfangreiche, unübersichtliche Ausstellung. Mittendrin hing ein Bild des jungen Günter Fruhtrunk, ein "Monument für Malewitsch".

Diese Hommage an Malewitsch, die über eine großzügige Schenkung Jahrzehnte später in die Sammlung des Lenbachhauses gelangte und nun Teil der Ausstellung ist, kann man als Ausgangspunkt jenes Weges betrachten, den Fruhtrunk von nun an ging. Er befreite seine Bilder radikal von allen externen und persönlichen Bezügen, er löste Figur von Raum, verstärkte geometrische Klarheit, setzte Form und Farbe so nebeneinander, dass Bewegung entstand.

"Bewegung" war ein Schlüsselwort unter den Künstler*innen der Galerie Denise René. Auf Vermittlung Arps wird Fruhtrunk ab 1957 von Denise René vertreten, der bedeutendsten Pariser Galeristin für konstruktive und konkrete Kunst. Ein schwieriges Unterfangen in jenen Jahren, als sich zwei Fraktionen abstrakt arbeitender Künstler*innen ziemlich unversöhnlich gegenüberstanden: Die erfolgreicheren Tachisten (ihre Richtung wird heute meist als Informel bezeichnet) und die kämpferischen Vertreter*innen der konstruktiven und konkreten Kunst. Erst Ende der 1950er Jahre wurde der Wettstreit zugunsten der konkreten Kunst entschieden.

Für Fruhtrunk bedeutete diese anregende, "bewegungsorientierte" Gesellschaft viel. Ebenso wie Denise René und ihre Künstler*innen orientiert er sich auch außerhalb Frankreichs – nach Deutschland, Belgien und Italien – er baute Kontakte auf und bemühte sich um Ausstellungsbeteiligungen.

Ausgehend von seiner frühen Naturbeobachtung und dem Aquarellieren von Landschaften, einer Praxis, die er interessanterweise im Privaten immer beibehielt, gelangte Fruhtrunk von der gegenständlichen zur gegenstandslosen, zur konstruktiven und schließlich zur konkreten Malerei. Er nahm diese (Fort)Schritte von Anfang der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre im Eiltempo. Von Anfang an haftet seinen Bildschöpfungen etwas Elementares an, selbst kleine Formate wirken nie "kleinlich", sondern eher monumental. Das zeigt sich am besten vor den Bildern selbst, vor verwandten Motiven, die er in unterschiedlichen Größen ausführte.
 
Mit großer Präzision und Geduld malte er Bilder, die von allem Persönlichen befreit, nur Formen und Farben wirken lassen, jedes Element beeinflusst das nächstliegende – ein Prozess, den die Bilder festhalten. Ein Film von 1962 am Anfang der Ausstellung zeigt das besser als man es mit Worten beschreiben könnte.

Inzwischen gelang es Fruhtrunk, einen in der Bewegung des Auges auf der Bildfläche entstehenden Licht-Raum zu schaffen. Das klingt erst mal paradox. Doch gerade durch die Überforderung des Auges, das versucht, in dem übersteigerten Zusammenwirken von Formen und Farben ein Prinzip zu erkennen, entsteht die Illusion eines Lichtraums. Dieser Lichtraum ermöglicht, ja fordert, freies, aber intensives Schauen. Viele Künstler*innen der Galerie Denise René entwickelten in den 1960er Jahren die "art cinétique", einen französischen Vorläufer der Op-Art, oder sie setzten Objekte direkt in Bewegung. Das allerdings ließ Fruhtrunk nicht als "Mouvement" im eigentlichen Sinne gelten, es schien ihm allzu einfach.

Mit den Jahren etablierte sich Fruhtrunk in Paris, er hatte Galeristen in Marseille, Mailand und Köln, die ihn vertraten. Ein Großteil seiner Ausstellungsbeteiligungen und Bilderverkäufen, ob in Frankreich, Deutschland oder anderen europäischen Ländern, verdankte sich Unterstützer*innen in Frankreich. 1963 erhielt er eine wichtige Einzelausstellung im Museum am Ostwall in Dortmund: Überhaupt stellte sich Anerkennung in Deutschland vor allem zwischen Rhein und Ruhr ein, wo die Akzeptanz abstrakter Malerei und die finanziellen Mittel größer waren. Hier konnte Fruhtrunk auch einige Kunst am Bau-Projekte realisieren. Er selbst betrachtete sich als Teil der dortigen Kunstszene.

Letztlich gelang es ihm nicht, auf dem Pariser Kunstmarkt richtig Fuß zu fassen. Seine angespannte wirtschaftliche Lage legte ihm nahe, sich nach einer zuverlässigen Einkommensquelle, einer Professur umzusehen. Paris bot da keine Möglichkeiten. Dagegen hatte ihn ein Künstlerkollege der Galerie Denise René, Jean Deyrolle, der seit Jahren an der Münchner Akademie unterrichtete, schon 1964 auf eine freiwerdende Professur aufmerksam gemacht. Eine Berufung Fruhtrunks als Leiter einer Malklasse ergab sich erst 1967. Professor wurde er erst deutlich später, nicht zuletzt weil er darauf bestand, seinen Wohnsitz in Frankreich beizubehalten. Denn seine künstlerischen Beziehungen nach Paris, waren in seinen und auch in den Augen seiner Student*innen ein entscheidendes Kapital.

1968 war Fruhtrunk endlich zur documenta eingeladen, ein Ereignis, das er lange Jahre vorbereitet hatte. So schließt auch unsere Ausstellung mit einem Bild aus dem documenta-Jahr, das der Künstler dem Lenbachhaus nach seiner ersten Retrospektive von 1973 schenkte.