Paul Klee, Föhn im Marc'schen Garten, 1915, 102

Föhn im Marc'schen Garten von Paul Klee

Datierung
1915, 102
Objektart
Zeichnung / Arbeit auf Papier
Material
Aquarell auf Papier auf Karton
Maße
32,3 cm x 24,5 cm
Signatur / Beschriftung
Mitte r. mit Tusche: Klee; auf dem Karton u. l.: 1915 102; rückseitig auf Karton: Föhn im Marc'schen Garten
Ausgestellt
Nein
Inventarnummer
G 13266
Zugang
Ankauf 1964
Creditline
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Zitiervorschlag / Permalink
Paul Klee, Föhn im Marc'schen Garten, 1915, 102, Aquarell auf Papier auf Karton, 32,3 cm x 24,5 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
https://www.lenbachhaus.de/entdecken/sammlung-online/detail/foehn-im-marcschen-garten-30019875

Werktext

Das Aquarell "Föhn im Marc'schen Garten" demonstriert meisterlich die 'Eroberung der Farbe', die Paul Klee seit seiner Tunisreise mit August Macke und Louis Moilliet im April 1914 gelungen war. Klee hatte bis 1914 überwiegend mit den graphischen Techniken der Zeichnung und Radierung experimentiert. Um den Gebrauch der Farbe, die ihm als Ausdrucksmittel der Wirklichkeit besonders problematisch erschien, rang er in einer langsamen Entwicklung, deren theoretische Reflexionen sich in seinen Tagebuchaufzeichnungen verfolgen lassen. Auch für ihn, wie in anderer Weise für August Macke und Franz Marc, wurden die aus farbigen Simultankontrasten aufgebauten, quasi-abstrakten "Fensterbilder" des Franzosen Robert Delaunay zu einer entscheidenden Seherfahrung. Im April 1912 besuchte Klee Delaunay in dessen Pariser Atelier und schrieb im Sommer dieses Jahres in einer Ausstellungsbesprechung des 'Modernen Bundes' in Zürich über die dort gezeigten "Fensterbilder" des Franzosen, im Gegensatz zu den Kubisten habe dieser der Inkonsequenz bei der Zertrümmerung des Gegenstandes "in verblüffend einfacher Weise dadurch abzuhelfen gewusst, dass er den Typus eines selbstständigen Bildes schuf, das ohne Motive aus der Natur ein ganz abstraktes Formendasein führt. Ein Gebilde von plastischem Leben, nota bene, von einem Teppich fast ebenso weit entfernt, wie eine bachsche Fuge". Dennoch sollte es noch zwei Jahre dauern, bis Klee unter dem überwältigenden Eindruck des farbigen südlichen Lichts auf der Tunisreise seinen eigenen Durchbruch zur Farbe findet. Am 16. April 1914 notiert er in Kairouan die berühmten Worte in sein Tagebuch: "Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler."

In "Föhn im Marc'schen Garten" sind diese Erfahrungen in eine lockere, souverän gestaltete Farbarchitektur eingegangen. Aus zarten farbigen Rauten, Quadraten und Dreiecken, die sich bis zur Durchsichtigkeit aufhellen und an den Schnittstellen empfindlich überlagern, entsteht das Bild des ebenso intensiven wie transparenten Farbenspiels eines Föhntages im bayerischen Alpenvorland. Spiegelungen von Firmament und Erde sind durch korrespondierende Farbwaben zum Ausdruck gebracht, die über die Natur hinaus auf die in ihr gesetzmäßig wirkenden Prinzipien verweisen. Ein Leitmotiv in Klees Schaffen wird damit sichtbar, für das er die unterschiedlichsten formalen Lösungen gefunden hat. Rudimente der Naturformen werden in geometrische Elemente gefasst und, etwa im violetten Dreieck des Berges, zu planimetrischen Flächen entspannt. Damit folgt Klee einem System, das er bereits in den Tunisaquarellen entwickelte, in denen allerdings oft noch zeichenhafte gegenständliche Chiffren in das bunte Gewebe hineinragen, während hier das Motiv der Föhnlandschaft vollständig mit den Farbstrukturen zur Deckung gekommen ist.