Unter Freiem Himmel

Unterwegs mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter 13. Oktober 2020 – 6. Juni 2021

Wassily Kandinsky und Gabriele Münter – wir kennen sie als zentrale Figuren der Künstler*innenformation Der Blaue Reiter. Bereits vor dieser Zeit verband die beiden eine enge künstlerische Beziehung. Die Ausstellung widmet sich erstmals ihren gemeinsamen Wegen in den Jahren von 1902 bis 1908. Auf zahlreichen Reisen schuf das Paar kleine Malereien und Fotografien: unter freiem Himmel und mit leichtem Gepäck. Etwa in Kallmünz, Rotterdam, Tunis, Rapallo und Paris entstanden Ölskizzen, Fotografien und Zeichnungen direkt vor den Motiven. Unter diesen Werken befinden sich zahlreiche Ölstudien, Fotografien und Skizzenbücher von Gabriele Münter, die zum ersten Mal in einer Ausstellung gezeigt werden. Sie ermöglichen uns, die besonders nahe, gemeinsame Auseinandersetzung des Paares mit denselben Motiven und künstlerischen Techniken nachzuvollziehen, zeigen uns gleichzeitig aber auch die ganz persönlichen, individuellen Wahrnehmungen ihrer Umgebung.

Auf Einladung des an der Phalanx-Schule lehrenden Kandinsky nahm Münter am Sommeraufenthalt seiner Klasse 1902 in Kochel teil. Unterwegs mit Kamera, Paletten, kleinen Malpappen, zusammengefalteter Staffelei und verschließbaren Farbtuben fuhren sie mit dem Fahrrad durch die Landschaften des Voralpenlandes. Nach den ersten gemeinsamen Wochen in Kochel verbrachten sie den zweiten Malsommer der Klasse Kandinskys 1903 in Kallmünz, nun als Paar.

Hier entwickelten sie ein erkennbar aufeinander bezogenes künstlerisches Arbeiten, das sie in den nächsten Jahren während ihrer gemeinsamen Reisen fortführen sollten. Sie näherten sich demselben Motiv, nutzten dabei verschiedene Techniken, verwendeten unterwegs entstandene Fotografien auch als Vorlage für Zeichnungen, Holzschnitte und Gemälde und diskutierten über individuelle künstlerische Weiterentwicklungen.

Ab 1904 begab sich das Paar bis 1908 auf Reisen. Mobilität bestimmte ihr Privatleben sowie ihre künstlerische Arbeit. Sie widmeten sich vorwiegend Landschaften und Architekturen der gewählten Zielorte. Dabei folgten sie den Wegen, die auch in Reiseführern der Zeit vorgeschlagen und von touristischen Vorgänger*innen geebnet wurden, ob in Deutschland, den Niederlanden, Italien oder Tunesien. In ihrer Arbeitsweise zeigt sich der Einfluss des Impressionismus: Der Pinsel wurde kaum genutzt und die Farbe nahezu ungemischt mit dem Palettenmesser aufgetragen. Die Formate sind klein und intim, der Einsatz der Farbe stand im Mittelpunkt ihres Interesses. Unberührt von der sozialen Realität der Welt orientierten sich ihre Arbeiten an der Erscheinung der Oberflächen.

Neben den Ölskizzen entstanden zahlreiche Fotografien, die insbesondere Münter fertigte; ihre Kodak-Rollfilmkamera trug sie stets bei sich. In ihnen zeigt sich der Gestaltungswille einer Malerin, deren Fotografien heute für uns nicht mehr nur einen dokumentarischen und privaten Wert besitzen. Es sind Fotos, deren künstlerischer Blick uns in Er­staunen versetzt. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der fotografischen und ge­malten Bilder zeigen uns die Fragestellungen dieses modernen Künstler*innenpaares. Von Kallmünz bis Karthago begaben sie sich mit antiakademischen und impressionistischen Mitteln auf die Suche nach einer zeitgenössischen Ästhetik in der Malerei.

Nach vier Jahren Reisezeit mit einem abschließenden Jahr in Paris 1906–1907 kehrten sie nach Deutschland zurück, verbrachten den Winter in Berlin, das Frühjahr in Südtirol, bevor sie im Frühsommer 1908 den Entschluss fassten, das unstete und sozial reduzierte Wanderleben zu beenden und sich wieder dauerhaft in München nieder­zulassen. An diesem Punkt endet die Ausstellung, die die besondere künstlerische Nähe Kandinskys und Münters in den frühen gemeinsamen Jahren von 1902 bis 1908 herausstellt.

Kuratiert von Sarah Louisa Henn und Matthias Mühling

Eine Kooperation des Lenbachhauses mit der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung

Mit freundlicher Unterstützung des Förderverein Lenbachhaus e.V.

Wandtexte (PDF)

Stimmen

"Besonders bemerkenswert an der von Sarah Louisa Henn und Matthias Mühling so umsichtig kuratierten Schau ist eine geschickte Verschränkung von Kunst, Geschichte und Politik. Neben den Landschaftszeichnungen, den Tier- oder Porträtskizzen und Ölminiaturen sieht man beispielsweise Kandinskys oder Münters Entwürfe für ihre bohèmehaften "Reformkleider", mit denen es auch Frauen endlich möglich war, ein Fahrrad zu besteigen. Häufig sind jenseits eines Objektes im Vordergrund Personen oder Dinge auf den Bildern zu sehen, die einen Einblick in den Tourismus jener Zeit erlauben. Der war stark von kolonialen Strukturen oder Typisierungen geprägt. Und schon damals nicht mehr harmlos und unschuldig." (Ulrike Frick, Münchner Merkur)

"Auch die städtische Galerie im Lenbachhaus München, die dank Gabriele Münters Schenkung die weltweit bedeutendste Sammlung von Werken des Blauen Reiters besitzt, hat sich bisher fast ausschließlich auf die in zahlosen Publikationen gefeierten Jahre vor dem ersten Weltkrieg bezogen. Jetzt eröffnet sie erstmals den Blick auf die Jahre davor, auf das erstaunlich vielfältige Werk, das Münter und Kandinsky auf ihren gemeinsamen Reisen geschaffen haben, auf die begeisternd frischen und spontanen Gemälde, Ölskizzen und Zeichnungen, von denen viele noch nie ausgestellt waren, und auf die malerisch komponierten Fotografien Münters, die das Reisegeschehen auf überraschend moderne Weise begleiten." (Evelyn Vogel, Süddeutsche Zeitung)

"Das Paar war Motor und Keimzelle einer Bewegung, die sich von der akademischen Malerei verabschiedete – die mit Lenbach und Stuck herausragende Vertreter in München hatte. Kandinsky, wie Münter später sagte, habe ihr Talent 'geliebt, verstanden, geschützt und gefördert' – auch wenn sein energisches Antreiben sie manchmal ärgerte. Ihn beeindruckte besonders ihre expressive Linienführung, die sie aus ihren Zeichnungen übernommen hatte." (Martin Zeyn, Bayrischer Rundfunk)

Video

Unter freiem Himmel – Begrüßung und Einführung von Direktor Matthias Mühling
Unter freiem Himmel – Begrüßung und Einführung von Sarah Louisa Henn, Kuratorin der Ausstellung

Werke

Installationsansichten