Scanner schnurren wie Katzen im Archiv

Die Ethik und Ästhetik digitaler Fotografien

Von Dora Imhof und dem Künstlerinnenkollektiv U5

Die Ausstellung "Out of Focus. Leonore Mau und Haiti", die noch bis am 15. Februar im Lenbachhaus zu sehen ist, setzt sich mit dem Nachlass der deutschen Fotografin Leonore Mau (1916–2013) auseinander. Im Zentrum stehen dabei Fragen des ethischen Umgangs mit den Fotografien, die in den 1970er-Jahren auf mehreren Reisen nach Haiti entstandenen.

Zwei Aspekte sind für die Bearbeitung und Präsentation dieser Aufnahmen grundlegend: Ethische und ästhetische Überlegungen sind eng verflochten und die Digitalisierung von Fotografien hat große Auswirkungen auf beide Aspekte. Zudem betrifft die Digitalisierung alle Etappen der Arbeit mit diesem Nachlass. Am sichtbarsten ist sie natürlich in der aktuellen Ausstellung. Wer sie bereits besucht hat, war vielleicht überrascht, denn man betritt einen Raum, der ganz anders ist als eine klassische Fotoausstellung. Hier sind keine gerahmten Bilder an der Wand zu sehen. Die Intervention des Künstlerinnenkollektivs U5, in Zusammenarbeit mit ALIAS Architects und Madafi Pierre, unterscheidet sich damit von den Präsentationen, die zu Lebzeiten der Fotografin stattfanden. Leonore Mau hat ihre Fotografien in Form von Papierabzügen ausgestellt. Sie hat auch immer mit analogen Kameras fotografiert. So besteht ihr Nachlass aus Tausenden von Farbdias, Ektachromen, Negativen und Kontaktabzügen. 

The photograph is newly temporal

"Out of Focus. Leonore Mau und Haiti" steht im Kontext von grundlegenden Veränderungen der Produktion und Rezeption von Fotografie. Die Fragilität von historischen Abzügen, aber auch das Schwinden von technischem Wissen, Laboren und Papierträgern stellen Künstler*innen und Museen vor große Herausforderungen und verlangen neue Herangehensweisen. Manche Künstler*innen und Kunsthistoriker*innen betonen, wie wichtig es ist, am Analogen und seinen spezifischen Qualitäten festzuhalten. Die Digitalisierung eröffnet allerdings auch neue künstlerische Zugänge. Dies war auch unlängst Thema im Gespräch "The Future of Photography: A Roundtable" in der Zeitschrift "Artforum". Dort sagte die Kuratorin Roxana Marcoci: "Contemporary photographic practices subvert the medium’s historical association with static representation by engaging with questions of process, temporality, duration, and flux. The rise of the cinematic, the algorithmic, of AI and rapid computational systems, has reconfigured the image from something fixed and retrospective to something generative and elastic. The photograph is newly temporal". Übersetzung: "Zeitgenössische fotografische Praktiken brechen die historische Assoziation des Mediums mit statischer Darstellung auf, indem sie sich mit Fragen des Entstehungsprozesses, der Zeitlichkeit, Dauer und des Wandels auseinandersetzen. Der Aufstieg des Filmischen, des Algorithmischen, der KI und schneller computergestützter Systeme hat das Bild von etwas Statischem und Retrospektivem zu etwas Generativem und Elastischem umgestaltet. Die Fotografie ist neu zeitlich geworden."
"The Future of Photography: A Roundtable", by Ketuta Alexi-Meskhishvili, Thomas Demand, Florian Ebner, Roxana Marcoci, Christian Scheidemann, Jeff Wall, Pablo Larios, Artforum, November 2025. 

Die Digitalisierung ist selbstverständlich keine neue Erscheinung. So beschrieb die amerikanische Kunsthistorikerin Rosalind Krauss in ihrem Buch "A Voyage on the North Sea" bereits vor 25 Jahren eine "Post-Medium Condition", in der sich – auch durch den Einfluss neuer Technologien – die Grenzen zwischen traditionellen Kunstformen auflösen. Seither hat die Digitalkamera die Fotografie grundlegend verändert, sowohl in der Kunst als auch im Alltag (vor wie vielen Minuten machten Sie eine Aufnahme mit dem Handy oder scrollten durch einen Feed?). Digitale (oder digitalisierte) Fotografien sind potenziell beweglich und zeitlich, sie sind wandelbar und sie können wandern. Vier Aspekte zeigen sich ganz konkret in unserem Projekt. 

Scannen

Eine wichtige Voraussetzung für die Ausstellung war die Digitalisierung aller Haiti-Bilder Leonore Maus im Forschungsprojekt "Out of Focus", das Teil war vom SNF-Forschungsprojekts "Konflikt und Kooperation. Episteme und Methoden zwischen Kunstgeschichte, Kunst und Ethnologie in den performativen Bildpraktiken der Vodun", Principal Investigator Prof. Dr. Bärbel Küster, Kunsthistorisches Institut der Universität Zürich, August 2021 bis Oktober 2024. Rund 3.000 Aufnahmen aus Haiti fanden sich in ihrem Archiv. Wir scannten alle mit einem Filmscanner und einem Scanner mit Negativaufsatz im bpk-Fotoarchiv in Berlin. Jedes Bild musste einzeln eingelegt werden, bevor es hochaufgelöst als Pixelreihe für Pixelreihe von oben nach unten und begleitet von diesem katzenähnlichem Schnurren auf dem Bildschirm erschien. Weil der Scanprozess so zeitaufwendig war, reisten wir 2022/23 mehrmals nach Berlin. Wir freuten uns darauf, dass Herr Maeusel, der Hauswart des bpk-Fotoarchivs, uns stets freundlich die Tür öffnete, bevor wir in der repetitiven, meditativen Arbeit versanken.

Durch das Scannen werden analoge Fotografien verfügbar. Sie können vervielfältigt und herumschickt, gemeinsam am Bildschirm betrachtet und online gestellt werden. Jede künstlerische Intervention ist grundsätzlich möglich. Dafür geht im digitalen Bild die Haptik und Materialität der analogen Aufnahmen verloren. Das Korn der Fotografie fehlt. Das Scannen macht zudem alle Fotografien gleich bzw. gleichwertig. Es gibt keine Unterscheidung von Abzug, Dia oder Negativ. Das Format der Bilder ist variabel.

Auswählen

Von den 3.000 in Haiti entstandenen Bildern sind nun rund 200 Fotografien in der Ausstellung zu sehen. Für die Auswahl waren ethische Überlegungen zentral. Mau fotografierte in den 1970er-Jahren hochsensible spirituelle Erfahrungen wie Initiationsriten. Solche Rituale waren (und sind) nicht öffentlich; sie heute auszustellen, verletzt die Rechte und die Würde der damals fotografierten Menschen. Andere Bilder zeigen Menschen, die offensichtlich keine Handlungsmacht hatten zu entscheiden, ob sie fotografiert werden wollen oder nicht. Auch diese Bilder werden im Lenbachhaus nicht gezeigt. Die Entscheidung, welche Fotografien ethisch problematisch sind, trafen wir nicht alleine, sondern im Austausch mit Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Vodoupriester*innen aus Haiti.

Für die Ausstellung in München wählten wir Fotografien aus, die dem stereotypen Image von Haiti andere Bilder entgegenzusetzen vermögen. Dazu zählen Fotografien des täglichen Lebens oder Aufnahmen der historischen Gingerbread-Häuser oder von Gebäuden, die heute zerstört sind, wie das kürzliche abgebrannte berühmte Hotel Oloffson oder der im Erdbeben von 2010 zerstörte Nationalpalast in Port-au-Prince. Andere Bilder fanden wir aus ästhetischen Gründen interessant, aufgrund ihrer Farben, Formen und der gelungenen Komposition. Wir interessierten uns für die zahlreichen Fotografien von Tourist*innen, weil sie ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Verflechtungen zeigen und heute, wo der Alltag für die Bewohner*innen von Port-au-Prince durch die Dominanz von Banden lebensgefährlich sein kann und Tourist*innen schon lange nicht mehr kommen, undenkbar sind.

Projizieren/Verflüssigen

Leonore Maus Fotografien erscheinen in der Ausstellung "Out of Focus. Leonore Mau und Haiti" als Projektionen auf Wasser. Die fließenden, schwimmenden Bilder werden für einige Sekunden mit Überblendungen projiziert. Das Wasser – nicht das Papier – wird via Computer oder Speicherkarte zum "Bildträger". Die Betrachtenden können nicht selbst entscheiden, wie lange sie die vorbeiziehenden Fotografien betrachten, die Bilder sind nicht individuell verfügbar. Zugleich entfalten die leuchtenden Bilder eine starke Präsenz im Raum und die Projektion kann einen Sog entwickeln. Die statischen Aufnahmen erscheinen als Film; es ist möglich, in ihn einzutauchen. Diese Form der Präsentation steht dem fotografischen Einzelbild skeptisch gegenüber. Sie will die Betrachtenden für einen langen Moment um eine gemeinsame Mitte versammeln. Das Licht der Projektion wird im Wasserbecken reflektiert und erhellt die Gesichter der Anwesenden. So wird das Betrachten an sich thematisiert und im Raum aufgeführt. Durch die künstlerische Intervention ist "Out of Focus" keine (kunst)historische Ausstellung, sie zeigt keine "Originale", keine Dokumente in Vitrinen, stattdessen überführt sie die Fotografien in die Gegenwart.    

Restituieren

Die Digitalisierung macht es zudem leichter, die Fotografien Leonore Maus nach Haiti zurückbringen. Überlegungen für eine Restitution waren im Laufe des Forschungsprojekts zentral. Ein ethischer Umgang mit dem Nachlass beinhaltet, dass Maus Fotografien in Haiti für verschiedene Bevölkerungsgruppen – nicht nur Wissenschaftler*innen, sondern gerade auch Personenkreise, die auf den Fotografien mehrheitlich zu sehen sind – zugänglich werden. Bereits während des Forschungsprojekts und in der Ausstellung im Lenbachhaus hat sich gezeigt, wieviele konkrete persönliche Erinnerungen Haitianer*innen mit Leonore Maus Fotografien verbinden. Aufgrund ihres kulturellen Hintergrunds und Wissens erkennen sie viele Dinge, die europäische Betrachter*innen nicht sehen. Durch seinen Umfang und seine Vielfalt ist der Nachlass zudem ein wichtiges Zeugnis der Geschichte und des kulturellen Erbes des Landes, wie Erol Josué, Vodou-Priester, Musiker und Direktor des Bureau National d’Ethnologie in Port-au-Prince, in der Eröffnungsrede im Lenbachhaus November 2025 betonte. Es ist essenziell, dass Entscheidungen über den Zugang zu und den Umgang mit dem Nachlass im Austausch mit Haitianer*innen stattfinden.

Die Zusammenarbeit mit Expert*innen aus Haiti hat uns gezeigt, dass eine derartige Restitution mehr sein muss als eine Übergabe oder gar eine "Abgabe". Das Potenzial der Fotografien liegt gerade darin, dass sie viele unterschiedliche Lesearten zulassen. Durch die verschiedenen Sichtweisen auf die Bilder und den Dialog über sie machen sie ungleiche Machtverhältnisse deutlich und tragen zur Korrektur einer vereinfachten, eurozentrischen Geschichtsschreibung bei. So ist die Ausstellung im Lenbachhaus eine wichtige Etappe in einem größeren Projekt, das weitergehen muss.