Ein Ferngespräch
Eröffnung
Mo, 11. Mai 2026, 19–22 Uhr

Szenen aus der Weimarer Republik
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Die Künstlerin Käte Hoch zeigt ihren Freund Erich Müller-Kamp telefonierend am Schreibtisch. Ein Ferngespräch, so rät Kurt Tucholsky, soll möglichst deutlich und dialektfrei geführt werden, sonst können die Überwachungsbeamten dem Dialog nicht folgen. Sich selbst malt Hoch in den Farben der Suffragetten und mit Bubikopf. Auch junge Angestellte schneiden sich die Haare kurz. Sie tippen schnell, rauchen Kette und gehen abends ins Kino oder Tanzlokal. Sie lieben Charleston und Shimmy, hören Schmachtfetzen, Swing und Jazz.
Irmgard Keuns "Kunstseidenes Mädchen" träumt von schmalen Silhouetten und Schuhen mit Eidechsenkappen. Ré Soupault entwickelt ein Transformationskleid, das im Büro direkt für den Abend umgewandelt werden kann. Im Variété werden Geschlechterrollen durchlässig, Monokel senden Signale. Bordelle bilden einen etablierten Rahmen für Sexarbeit.
Die Wirtschaft blüht, oft auf Pump, Teile der Bevölkerung verarmen, nicht nur während der Hyperinflation und der Weltwirtschaftskrise. Kriegsversehrte, Arbeiterinnen, Arbeitslose und Veilchenverkäufer prägen die Straßen und konterkarieren die Golden Twenties. Oskar Maria Graf verteilt mit einer Arbeitsgruppe antifaschistische Flugblätter, in Schwabing treffen sich Feminist*innen und das Münchner Antikriegs-Komitee und eine Ortsgruppe der revolutionären Künstler*innen-Vereinigung ASSO bastelt an einer Zeitschrift. George Grosz zeigt den Aufstieg der Nationalsozialisten und karikiert den Hitlergruß.
Das neue Theater von Helene Weigel und Bertolt Brecht sehnt sich nach der Wucht des Boxens und versucht sich an Dialogen, die wie Kinnhaken sitzen. 1923 wird die erste staatlich kontrollierte Rundfunksendung in Deutschland ausgestrahlt – Max Radler malt einen Fabrikarbeiter beim Radiohören. 1930 macht Tim Gidal im Deutschen Museum ein Foto von einer der ersten Fernsehübertragungen.
Die Ausstellung konzentriert sich auf konkrete Geschichten und greifbare Details, statt große Thesen zur Weimarer Zeit zu formulieren. Zu den verschütteten Möglichkeiten der Weimarer Republik soll so ein Kontakt hergestellt werden – ein Ferngespräch.
Mit Werken von Käte Hoch, Heinrich Hoerle, Karl Hubbuch, Lotte Jacobi, Grethe Jürgens, Jeanne Mammen, Gabriele Münter, Christian Schad, August Sander, Rudolf Schlichter u.a.
In Kooperation mit dem Münchner Stadtmuseum und mit großzügiger Unterstützung einer Privatsammlung
Kuratiert von Karin Althaus, Adrian Djukić und Matthias Mühling

Käte Hoch
Bildnis Dr. E. Müller-Kamp, 1929

Rudolf Schlichter
Bildnis eines zweijährigen Mädchens, 1932

Gabriele Münter
Die Unvergleichliche (Die Dichterin Sylvia von Harden), 1928

Willy Jaeckel
Dame mit Zigarette, 1925

Rudolf Belling
Kopf in Messing, 1925

Rudolf Schlichter
Bertolt Brecht, um 1926

Rudolf Schlichter
Helene Weigel, 1928

Käte Hoch
Selbstbildnis, 1929

Alfred Kubin
Tanzprobe, 1922

Gabriele Münter
Dame im Sessel, schreibend (Stenographie. Schweizerin in Pyjama), 1929

Christian Schad
Operation, 1929

Max Radler
Der Radiohörer, 1930

Karl Hubbuch
Tanzbar, undatiert

Herbert Ploberger
Porträt eines Augenarztes, um 1928/1930

Käte Hoch
Neubau, 1927

Max Beckmann
Operation, 1915, 1915

Christoph Voll
Joseph, 1923/24

Wilhelm Heise
Verblühender Frühling, 1926

Georg Schrimpf
Oskar Maria Graf, 1918

Käte Hoch
Ohne Titel