Franz Marc, Kühe, rot, grün, gelb, 1911

Kühe, rot, grün, gelb von Franz Marc

Datierung
1911
Objektart
Gemälde
Material
Öl auf Leinwand
Maße
62 cm x 87,5 cm
Signatur / Beschriftung
u. r.: Marc; auf dem Keilrahmen: Sindelsdorf Marc
Ausgestellt
Inventarnummer
G 13140
Zugang
Ankauf 1960
Creditline
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Zitiervorschlag / Permalink
Franz Marc, Kühe, rot, grün, gelb, 1911, Öl auf Leinwand, 62 cm x 87,5 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
https://www.lenbachhaus.de/entdecken/sammlung-online/detail/kuehe-rot-gruen-gelb-30020407

Werktext

"Kühe, gelb-rot-grün" gehen zwei verwandte Versionen voraus, darunter das seinerzeit berühmt-berüchtigte Gemälde "Gelbe Kuh" (Solomon R. Guggenheim Museum, New York), das Marc auf der ersten Ausstellung des 'Blauen Reiter' im Dezember 1911 ausgestellt hatte. Selbst unter den ehemaligen Kollegen der 'Neuen Künstlervereinigung München' rief es Unverständnis und Empörung hervor. So bezeichnete etwa Alexander Kanoldt das Bild als eine "ganz miserable Arbeit". Tatsächlich hat die Darstellung einer springenden gelben Kuh wie kein anderes Werk von Franz Marc Kopfschütteln und Missbilligung unter den Zeitgenossen hervorgerufen, wie Klaus Lankheit belegen konnte.

Es gab jedoch auch Zeugnisse expressionistischer Begeisterung, etwa die des Dichters Theodor Däubler, der in seinem Hymnus auf die Kuh sang: "Sie trägt einen Tropfen Sonne in der Seele." Walter Mehring schrieb von dem "brüllenden Kuh-Gelb". Es ließe sich kaum ein besserer Kommentar zu diesem Bild finden als Kandinskys Anmerkungen über das Wesen der Farbe Gelb in seinem Traktat "Über das Geistige in der Kunst", der zur Zeit der ersten Ausstellung des 'Blauen Reiter' erschien: Gelb, Orange und Rot flößen "Ideen der Freude" ein, Gelb ist "die typisch irdische Farbe", tönt grell wie eine "hochklingende Trompete", wirkt "exzentrisch" und suggeriert "das Springen über die Grenze, das Zerstreuen der Kraft in die Umgebung". Däubler deutet in dichterischer Umschreibung auch die Folgen dieser Farbwahl für die anderen Elemente des Bildes an: "Die gelbe Kuh sieht die Welt blau."

Auch für das hier zu sehende, später entstandene Bild "Kühe, gelb-rot-grün" scheint die Farbsymbolik eine konstituierende Rolle zu spielen. In dieser Version sind hinter die gelbe Kuh ein rotes Kalb und ein grüner Stier gestellt, der Landschaftsraum ist durch nachtschwarzes Dunkel ersetzt, vorn ziehen sich unbestimmte Bodenwellen von Orange, Blau – "ein durchaus festlicher Klang" (Marc) – und Karminrot entlang. Wie in vielen mehrfigurigen Tierbildern Marcs ist der Rhythmus der typisierten Tierkörper für die formale Struktur der Komposition entscheidend. In einem Brief vom 22. Februar 1911 an seine Gefährtin Maria schließt Franz Marc seine Ausführungen über den "Ausdruck" eines Bildes mit den Worten: "Die Natur ist gesetzlos, weil unendlich, ein unendliches Nebeneinander und Nacheinander. Unser Geist schafft sich selber enge, straffe Gesetze, die ihm die Wiedergabe der unendlichen Natur möglich machen." Mit dem irrationalen Bildmotiv einer springenden gelben Kuh hat Marc dabei einmal mehr alle Grenzen des traditionellen Genres der Tiermalerei auf provozierend eigenschöpferische Weise gesprengt.

Werktext aus: Friedel, Helmut; Hoberg, Annegret: Der Blaue Reiter im Lenbachhaus München. Prestel Verlag, 2007.