Auf der Suche nach Paul Hoecker

Zwei Reiseberichte

Von Philipp Gufler, Nicholas Maniu und Christina Spachtholz von der Paul Hoecker Forschungsgruppe

Im März 2025 eröffnete das Lenbachhaus die Sammlungspräsentation "Was zu verschwinden droht, wird Bild. Mensch – Natur – Kunst". In der Ausstellung ist auch eine Neuerwerbung des Museums zu sehen: das Gemälde "Sage und Volkslied" (vor 1907) von Paul Hoecker. Der ehemalige Professor an der Münchner Kunstakademie galt als großer Erneuerer und ist heute nahezu vergessen. Das Lenbachhaus will den schwulen Künstler zusammen mit der Paul Hoecker Forschungsgruppe am Forum Queeres Archiv München wieder ins Bewusstsein rücken. Neben einem kurzen Einblick in Hoeckers Geschichte sollen im Folgenden zwei kurze Reiseberichte Einblicke in die Arbeit der Forschungsgruppe geben und den Weg von "Sage und Volkslied" ins Lenbachhaus nachskizzieren.

Paul Hoecker (1854–1910) war eine einflussreiche, lange übersehene Figur der Münchner Kunstszene um 1900. Als Maler, Professor an der Akademie der Bildenden Künste und Mitbegründer der Münchner Secession wirkte er in einer Phase grundlegender Umbrüche an der Schnittstelle von Tradition und Moderne. 

Nach seinem Studium an der Münchner Akademie (Klasse Wilhelm von Diez) und längeren Aufenthalten in Paris, den norddeutschen Küstenregionen, Holland, Italien und Berlin wurde Hoecker im ungewöhnlich jungen Alter von 36 Jahren zum Professor berufen. Seine Malklasse erlangte rasch einen exzellenten Ruf: Mit seinem revolutionären Lehrstil – er verlegte den Unterricht von den Ateliers aufs Land, zur Pleinairmalerei – prägte er eine neue, kreative Künstlergeneration. Fast alle Gründungsmitglieder der Künstlervereinigung "Die Scholle" sowie einige frühe Illustrierende der Zeitschrift "Die Jugend" gingen aus seiner Klasse hervor. 

Hoeckers eigenes Œuvre umfasst eine Vielfalt an Themen: von Marinedarstellungen über holländische Genrebilder, Nonnenporträts bis hin zu humorvollen Pierrots. Trotz seines spröden Humors und seines einfühlsamen Umgangs mit den Schülern galt Hoecker privat als zurückgezogen. In einem Brief an den Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld gestand er, dessen Einsatz für die Abschaffung des §175 (Kriminalisierung von Homosexualität zwischen Männern) zu unterstützen – traute sich jedoch nicht, dies öffentlich zu bekunden, aus Angst, sich selbst zu enttarnen. 

Ein Skandal im Jahr 1897 – ausgelöst durch homophobe Gerüchte um ein Marienbild, für das ein männlicher Sexarbeiter Modell gestanden haben soll – zwang Hoecker zum Rücktritt von seiner Professur. In den folgenden Jahren lebte er in Italien, auf Capri und in Rom, bevor er sich ab 1901 in das Haus seiner Eltern im schlesischen Oberlangenau (heute Długopole Górne) zurückzog. Obwohl er weiterhin künstlerisch arbeitete, konnte er an frühere Erfolge nicht mehr anknüpfen und geriet in eine prekäre wirtschaftliche Lage. Seine Werke und sein Wirken gerieten in Vergessenheit; viele seiner Gemälde gelten heute als verschollen. 

Im Rahmen unserer Forschungsgruppe arbeiten wir daran, Paul Hoeckers Leben und Werk neu zu kontextualisieren. Seine Bedeutung für die Münchner Kunstszene wird erst heute allmählich sichtbar – sein Beitrag verdient eine erneute, differenzierte Betrachtung, und so verdienen es auch seine nahezu vergessenen Werke.

Das Lenbachhaus zeigt mit "Sage und Volkslied" eines jener Gemälde, das beinahe vollständig von der Bildfläche verschwunden wäre (hierzu später mehr): ein Triptychon in einem reich mit Blüten und Früchten verzierten Goldrahmen. Im Zentrum: ein Junge, versunken in Gedanken über seiner Lektüre, der Blick entrückt nach links zu einem Rotkehlchen – Symbol für Träumerei und Hoffnung. Auf der rechten Seite eine Krähe, Sinnbild für Ernsthaftigkeit und Endlichkeit. Der Junge wendet sich, wie von seinem Buch, auch von der Krähe ab – er folgt dem leichten, träumerischen Pfad. Der im Rahmen eingearbeitete Titel des Werkes spielt auf die Gegensätzlichkeit an: fantastische Sage versus schwermütiges Volkslied.

Wer sich mit Hoecker beschäftigt, erkennt die autobiografischen Züge des Werkes sofort. Es erzählt vom Ringen zwischen innerer Wahrheit und äußerer Konformität, von der Angst vor gesellschaftlicher Ächtung – und von der Sehnsucht, dennoch bei sich selbst anzukommen. 

Seit der Gründung der Forschungsgruppe im Jahr 2019 arbeiten die Mitglieder konsequent an der Erschließung seines Gesamtwerks. Dazu zählen auch wiederholte Aufrufe an die Öffentlichkeit, um mehr über den Verbleib von Hoeckers Gemälden zu erfahren. Auf einen dieser Aufrufe hin erhielt die Forschungsgruppe einen Anruf von einem privaten Sammler aus der Schweiz. In Gesprächen offenbarte dieser, dass er Gemälde des Künstlers besitzt – darunter auch "Sage und Volkslied". Für die Forschungsgruppe stellte dies einen bedeutenden Meilenstein dar. 

Der Sammler erwies sich als regelrechter Glücksfall: Neben mehreren Gemälden verfügte er über ein bemerkenswert fundiertes Wissen über Paul Hoecker. Zudem teilte er das Anliegen der Forschungsgruppe, Hoecker in der Museumslandschaft wieder stärker sichtbar zu machen. Die Einladung zu einem Besuch nahm die Forschungsgruppe dankend an. 

Im Juni 2024 trafen Philipp Gufler und Nicholas Maniu im Haus des Sammlers ein und wurden in ein lichtdurchflutetes Arbeitszimmer geführt. An den Wänden hingen neben zahlreichen anderen Ölgemälden auch drei Werke von Paul Hoecker. "Sage und Volkslied" war dabei so positioniert, dass es dem Fenster gegenüber hing – eine schöne Parallele zum Bildinhalt, in dem Schatten und Reflexionen eines Fensters im Hintergrund zu erkennen sind. Es war ein besonderer Moment, Hoeckers Kunst in einem so intimen Rahmen erleben zu dürfen. Über mehrere Jahrzehnte hinweg begleiteten diese Werke das Leben des Sammlers, der bereits seit den 1970er-Jahren den Spuren Hoeckers folgte. So reiste er unter anderem mehrfach auf die Insel Capri, wo Hoecker nach seinem Ausscheiden aus der Akademie Zeit verbrachte.

Den Anfang seiner Leidenschaft für Hoecker bildete ein Zufallsfund während eines Italienurlaubs: Der Sammler entdeckte zwei Gemälde und erwarb sie – ohne zu wissen, von wem sie stammten. Erst Anfang der 1970er-Jahre stieß er beim Durchblättern der Zeitschrift "Die Jugend" (Heft Nr. 48, 1907) auf eine Abbildung des Gemäldes "Sage und Volkslied". Dieser Fund lieferte den entscheidenden Hinweis auf Paul Hoecker. Trotz Hoeckers bewusst vollzogenem Rückzug aus der Münchner Kunstszene hielten seine ehemaligen Studierenden weiterhin zu ihm und platzierten seine Werke immer wieder in Zeitschriften wie "Die Jugend", an denen sie mitarbeiteten. Die sich über zwei Seiten erstreckende Farbreproduktion weckte das Interesse des Schweizer Sammlers – doch wie bei einem Großteil von Hoeckers Arbeiten war der Verbleib des Gemäldes zunächst unbekannt. 

1991 tauchte "Sage und Volkslied" unerwartet in einem Schweizer Auktionshaus auf, und ihm gelang die Ersteigerung des Werks. Hoeckers Briefkorrespondenz aus dieser Zeit – die zum Teil im Forum Queeres Archiv München aufbewahrt wird – legt nahe, dass das Gemälde bereits kurz nach seiner Entstehung im Jahr 1907 in die Schweiz verkauft wurde. Seit der Erwerbung begleitete "Sage und Volkslied" fortan über drei Jahrzehnte das Leben des Sammlers, weswegen ihm der Abschied von dem Werk auch nicht leichtfiel. Sowohl die Forschungsgruppe als auch das Lenbachhaus sind äußerst dankbar, das Werk als Teil der Sammlung des 19. Jahrhunderts heute wieder einem größeren Publikum zugänglich machen zu können – und damit auch Paul Hoeckers Namen in der Münchner Kunstlandschaft und darüber hinaus bekannter zu machen.

Ein weiteres Ziel der Forschungsgruppe ist es, auf Paul Hoeckers Werk und Leben auch außerhalb von Deutschland, im Besonderen in seiner Heimat, dem heutigen Polen, aufmerksam zu machen. Nachdem Hoecker seine Professur an der Münchner Kunstakademie aufgeben musste, verbrachte er mehrere Jahre im selbst auferlegten Exil in Italien und später in seinem Geburtsort Oberlangenau in Schlesien. Nach einer nochmaligen Reise nach München starb Hoecker am 13. Januar 1910 dort. Seine Asche wurde in das Familiengrab in Oberlangenau überführt, das Paul Hoecker noch zu Lebzeiten gestaltete.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die größten Teile Schlesiens polnisches Staatsgebiet. Paul Hoeckers Nichte Vally Walter durfte mit ihrer Familie als einzige deutsche Familie im Ort bleiben, da ihre Tochter als Ärztin von der inzwischen polnischen Bevölkerung gebraucht wurde. Nach ihrem Tod musste das Hoecker-Haus den polnischen Behörden übergeben werden. Teile des Familiennachlasses aus Dokumenten, Briefen, Skizzen und Fotografien von Paul Hoecker befinden sich dank einer Schenkung der Nachkommen von Vally Walter im Forum Queeres Archiv München. Ein weiterer Teil befindet sich durch eine Schenkung eines polnisch-ukrainischen Sammlers seit 1952 im Chanenko Museum in Kyjiw.

In mehreren Gemälden verewigte Paul Hoecker sein Geburtshaus. Ein lang geplantes Anliegen der Forschungsgruppe war es, zum Hoecker-Haus in das heutige Długopole Górne zu fahren. Im April 2025 besichtigte Philipp Gufler mit Karol Radziszewski, Michał Suchora und Giovanni Pilato das Hoecker-Haus. Im Hoecker-Haus befinden sich heute mehrere Mietwohnungen. Der Atelieranbau wird von der Gemeinde als Lager und Veranstaltungsort genutzt. Zusammen mit dem Pfarrer und einem Vertreter der Gemeinde konnten Teile des Gebäudes besichtigt werden. Trotz eines Feuers, das vor wenigen Jahren im oberen Stockwerk des Wohnhauses ausbrach, sind viele Details aus Hoeckers Zeit wie das Treppengelände noch erhalten. Nur die fast unleserliche Inschrift "Hoecker-Haus" im Stein des Türrahmens am Eingang des Wohnhauses verweist auf Paul Hoecker und seine Familie. 

Sein Grab neben der Kirche ist heute das einzige deutsche Familiengrab auf dem Friedhof in Długopole Górne, das noch erhalten ist. Durch verschiedene Bodenabsenkungen droht der Grabstein jedoch abzurutschen. Der junge Gemeindepfarrer war dem Interesse der Forschungsgruppe an Paul Hoecker und der Ortsgeschichte sofort aufgeschlossen. Nach einem Besuch der Kirche zeigte er Gufler und Radziszewski im Pfarrhaus ein Gemälde eines Mönchs mit dem Jesuskind, das Paul Hoecker zugeschrieben wird. Dem Pfarrer ist es, wie auch der Forschungsgruppe, ein Anliegen, den Grabstein der Familie Hoecker zu restaurieren und damit auch für zukünftige Generationen zugänglich zu machen. 

In der Gegend im Südwesten Polens, unweit der tschechischen Grenze, stehen viele preußische Schlösser und Gebäude kurz vor dem Verfall. Seit dem Systemwechsel von 1989 gibt es ein wachsendes Bedürfnis, historische Gebäude zu erhalten und zu restaurieren. Der ökonomische Aufschwung, den Polen in den letzten Jahrzehnten erlebt hat, ist in Paul Hoeckers Gemeindeort und der Gegend südlich von Wrocław (ehemals Breslau) erst langsam zu spüren. So hat Niederschlesien mit den vielen verfallenen Schlössern und bürgerlichen Gebäuden aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die kaum verändert wurden, fast etwas Verwunschenes. Fast fühlt man sich in Paul Hoeckers Lebenszeit um die Jahrhundertwende zurückgeworfen. 

An Paul Hoecker als gemeinsame deutsch-polnisch queere Geschichte aufmerksam zu machen, ist der Forschungsgruppe ein wichtiges Anliegen. Beim Konteksty Festival of Ephemeral Art im von Długopole Górne benachbarten Sokołowsko zeigte Philipp Gufler vom 17. bis 20. Juli 2025 die Performance "Paul’s House“ zu seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit Paul Hoeckers Geburtshaus, Leben und Werk.