Aber hier leben? Nein danke.

Surrealismus + Antifaschismus

Aber hier leben? Nein danke.

„Die menschliche Seele ist international.“ (Bulletin International du surréalisme [Mezinárodní Buletin Surrealismu], Prag, April 1935)
 
„Wir wissen, wie die Dinge hier in Martinique stehen. [...] Von den mächtigen Bomben und anderen Kriegsgeräten, die uns die moderne Welt zur Verfügung stellt, hat unsere Kühnheit den Surrealismus auserwählt, welcher in unserer Zeit die sicherste Chance auf Erfolg bietet.“ (Suzanne Césaire, "1943: Surréalisme et nous", in: Tropiques, Nr. 8–9, 1943).
 
Der Surrealismus war eine stark politisierte Kunstbewegung von internationaler Reichweite und internationalistischen Überzeugungen. Surrealist*innen prangerten die europäische Kolonialpolitik an, organisierten sich gegen faschistische Bewegungen, kämpften im Spanischen Bürgerkrieg, riefen Wehrmachtssoldaten zur Sabotage auf, wurden interniert und verfolgt, flohen aus Europa, fielen im Krieg. Sie schrieben Poesie, feilten an der Dekonstruktion einer vermeintlich rationalen Sprache in einer vermeintlich rationalen Welt, arbeiteten an Gemälden und kollektiven Zeichnungen, fotografierten und collagierten, organisierten Ausstellungen.

Die Regierung und Besatzung durch faschistische Parteien in mehreren Ländern Europas und weltweit wie auch die Welt- und Kolonialkriege politisierten den Surrealismus zur Zeit seiner Entstehung und zwangen die Leben seiner Protagonist*innen in unvorhersehbare Bahnen. Diesen Entwicklungen stehen erstaunliche Begegnungen und internationale Solidarisierungen gegenüber, deren Verbindungslinien von Prag nach Coyoacán in Mexico City, von Kairo ins republikanische Spanien, von Marseille nach Fort-de-France auf Martinique reichten.

Surrealistisches Denken und Handeln fand damals und findet heute an mehreren Orten gleichzeitig statt. Statt als didaktische, lineare Erzählung wird die Ausstellung in mehrere Episoden strukturiert, angeordnet ähnlich einer Landkarte. Ziel ist es, den Surrealismus als die streitbare, international vernetzte und hoch-politisierte Bewegung sichtbar zu machen, als die ihn seine Vertreter*innen verstanden haben, bei gleichzeitigem Verzicht auf einen funktionalen oder illustrativen Kunstbegriff. Um das politische Selbstverständnis des Surrealismus erforschen und darstellen zu können, arbeiten wir mit dem für den Surrealismus zentralen Begriff des Antifaschismus. Wenn diese Bewegung heute von besonderem Interesse ist, dann deshalb, weil sie einfache Korrelationen zwischen politischem Wunsch und ästhetischer Form ablehnte. „Das Überflüssige setzt das Notwendige voraus“, schrieb ein Mitglied der Pariser Surrealistengruppe La Main à Plume über die dialektische Natur der Poesie und der militanten Aktion.

Nicht zuletzt aufgrund dieser wesentlichen, aber offenen Beziehung zwischen Kunst und Politik wurde der Surrealismus über diese Zeit hinaus immer wieder für politische Bewegungen herangezogen: Als Standpunkt und Methode, die sich oft ganz selbstverständlich mit emanzipatorischen Anliegen verbindet, wurde er in der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung, den internationalen Bewegungen von 1968 und von Vertretern des Pan-Afrikanismus aufgegriffen. Die Ausstellung am Lenbachhaus sieht sich als Bündelung von Versuchen, einen immer noch eng definierten und politisch verharmlosten surrealistischen Kanon zu revidieren und die Frage zu beantworten: Was ist Surrealismus?

Vorläufige Künstler*innenliste Manuel Álvarez Bravo, Lola Álvarez Bravo, Art & Liberté, Georges Bataille, Hans Bellmer, Victor Brauner, André Breton, Claude Cahun und Marcel Moore, Leonora Carrington, Aimé Césaire, Suzanne Césaire, Óscar Domínguez, Robert Desnos, Paul Éluard, Max Ernst, Esteban Francés, Eugenio Granell, Groupe Octobre, John Heartfield, Jindřich Heisler, Jacques Hérold (geb. Herold Blumer), Ted Joans, Ida Kar, Germaine Krull, Wifredo Lam, Dyno Lowenstein, René Magritte, Dora Maar, La Main à Plume, Maruja Mallo, André Masson, Roberto Matta, China Miéville, Lee Miller, Joan Miró, Wolfgang Paalen, Pablo Picasso, Jacques Prévert, Jindřich Štyrský, Yves Tanguy, Karel Teige, Toyen, Remedios Varo, Wols

Kuratiert von Stephanie Weber, Adrian Djukić, Karin Althaus

Mit freundlicher Unterstützung des Förderverein Lenbachhaus e.V.

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