Bring your own!

von Niklas Barth.

Wolfgang Tillmans hat mit seiner Reihe "PLAYBACK ROOM" einen Ort im Lenbachhaus etabliert, der speziell für die Wiedergabe von Musikaufnahmen in höchster Qualität konzipiert ist. Am Freitag, den 08. April 2016, laden Superpaper und das Lenbachhaus Sie gemeinsam dazu ein, eigene Musikstücke mitzubringen und mit uns im "PLAYBACK ROOM" anzuhören. Einige Gäste haben bereits zugesagt. Sie bringen folgende Musik mit:

Martin Fengel (Künstler) – Jackie DeShannon – Windows and Doors (What The World Now Needs Is Love – Imperial Records – 1968)

"Mein Freund Andrew Rush spielte mir das erste Mal 'Windows and Doors' in San Francisco vor. Er bekam sich gar nicht mehr ein vor Lachen, was für ein lustig-bescheuerter Text da gesungen wird. Das Lied selbst ist großartig, die Geigen, die Trompeten, wie sich die Melodien verschränken, wie sie rauf und runter gehen. Fantastisch. Burt Bacharach hat es komponiert und als ich vor zwei Jahren durch Frutti d'Oro spazierte, um Mauern und Zäune zu fotografieren, bekam ich es nicht mehr aus dem Kopf. Schade, dass Andrew nicht dabei sein kann, wenn das Lied im Lenbachhaus läuft. Gar nicht so sehr, weil er es dort dann 'in einer besonderen Qualität' hätte hören können. Es wäre einfach so schön gewesen, Andrew wiederzusehen."

FX Karl (BR/Superpaper): John Lennon – Working Class Hero (John Lennon/Plastic Ono Band – Apple – 1970)


"Es hat womöglich nicht nur an den strammen Mojitos gelegen, die in Schalen so groß wie halbe Fußbälle serviert wurden, weshalb wir jeden Tag zur Blauen Stunde, dem Zwischenreich bevor die Dämmerung von der Nacht gefressen wird, in diese Strandbar in Puerto Escondido an der mexikanischen Pazifikküste gegangen sind. Es lag ganz sicher auch an dem magischen Moment, als in dieser Bar immer zur gleichen Zeit John Lennons 'Working Class Hero' gespielt wurde.Während die letzten Surfer ihre Bretter aus dem Wasser zogen und wir in der Hängematte dem Geist des Mojito huldigten, Minze, Limetten und kubanischer Rum, konnte man das süße Versprechen in John Lennons Stimme fast glauben: dass es so etwas wie Gerechtigkeit vielleicht doch einmal geben könnte."

Beni Brachtel (SVS/Bartellow) – Stevie Wonder – Living for the City (Innervisions – Tamla – 1973)

"Stevie Wonder hat auf der Platte 'Innervisions' SÄMTLICHE Instrumente selbst eingespielt. Ohne Overdubbing natürlich ausgeschlossen. An einem so grandiosen Song (einem grandiosen Album!) an jedem Instrument beteiligt zu sein, ohne sich zu verfrickeln, ist eine Meisterleistung. 'Living for the City' ist daher ein Meilenstein der produzierten Musik."

Peter Wacha (Rote Sonne/Disko B) – DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT – Osten währt am Längsten (Die Kleinen und die Bösen – Mute Records –1980)

"DAF waren mit 'DER PLAN' die modernste, deutsche Punkband, ihre Musik war futuristisch, minimal, kompromisslos, erotisch, komplett neu erdacht. Der Techno-Musik haben sie den Weg bereitet. Außerdem ist der Track 'Osten währt am Längsten' im Studio von Sound-Genie Conny Plank entstanden."

Katrin Weber (Galerie f5,6) – Split Enz – Shark Attack (True Colours – Mushroom Records – 1980)

"Ich begründe nicht gerne. Lustigerweise kann ich diese Abneigung bei Musik leicht erklären. In Lindau am Bodensee, wo ich aufgewachsen bin, gab es ein Geschäft für Musik, die "Plattenkiste". 1992 hab ich dort das Album 'Woodface' der Band 'Crowded House' an die Kasse getragen. Dazu wurde mir, ohne Erklärung, einfach noch 'True Colours' der 'Split Enz' gelegt. Es folgte eine über Jahre wortlose Erziehung hin zu Musik, zu der ich sonst keinen Zugang gehabt hätte. Vielen Dank, Harry Pilz."

Andreas Neumeister (Schriftsteller) – Jah Wobble / Jaki Liebezeit / Holger Czukay – How Much Are They? (How Much Are They? – Welt-Rekord – 1981)

"HOW MUCH ARE THEY?: Ungefähr zu dem Zeitpunkt als John 'Rotten' Lydon bei den leider schon in Auflösung befindlichen 'Can' als Sänger einsteigen wollte, tat sich sein P.I.L.-Mitstreiter Jah Wobble mit der ehemaligen Rhythmustruppe (Jaki Liebezeit und Holger Czukay), den freiesten, undeutschesten Krautrockern von 'Can' zusammen. Sie nahmen für eine Maxi diesen dubbigen Postkraut-Postpunk-Track auf. So mag ich's am liebsten: eine sonisch-tanzbare Pop-Frechheit, ohne groß darüber zu reden, ihrer Zeit um mindestens zehn Jahre voraus. How much is it?: unbezahlbar – kostbarer als eine Symphonie.”

Ayzit Bostan (Modedesignerin) – David Bowie – Cat People (Putting Out Fire) (Cat People OST – MCA– 1982)


"Ich bin ein großer David Bowie-Fan. Der Song ist der Titelsong aus dem Film 'Cat People' von Paul Schrader, mit Nastassja Kinski in der Hauptrolle. Giorgio Moroder hat die Filmmusik und den Titelsong geschrieben, David Bowie hat die Lyrics zu diesem Song geschrieben und gesungen. Ich habe eine Sweater-Collaboration mit Martin Fengel im Jahr 2012 'Cat People' genannt, auf der eine rauchende und trinkende Katze zu sehen ist."

Niklas Barth (Superpaper) – Frank de Wulf – Compression Remix (The B-Sides Remixed 12" – Music Man Records – 1990)

"Irgendwann kam einer auf die Idee, auf die B-Seite einer Platte nicht noch ein neues Stück zu packen, sondern eine Version der A-Seite, als Remix speziell für den DJ. Die Musik, so hat es Westbam einmal formuliert, schreite deshalb schneller voran, als die Literatur, die Kunst oder die Philosophie, weil es dort eben keine B-Seiten gebe. Auf diesen B-Seiten haben sie in den 90ern die Techno-Hochmoderne ausgerufen."

The Rabinas (DJ Team) – Grand Puba – Ya Know How It Goes (Ya Know How It Goes – Elektra – 1992)

"Wir sind beide mit Hip-Hop groß geworden, jedoch zu anderen Epochen. Somit verschiebt sich der Old School Begriff je nach Betrachter. Bei 'Grand Puba' sind wir uns aber einig. Immer. Feinster Old School-Rap, schönes Ottis Redding Sample, und außerdem: die beste Platte, die wir im Optimal für den heutigen Abend herausziehen konnten. Zwingend!"

Michael Reinboth (Compost Records) – Arthur Russell – In The Light Of The Miracle (Another Thought – Point Music – 1994)


"Arthur Russell war ein Visionär. Er hat in den 70ern den Sound der 80er, Garage House und was man gemeinhin mit Nu-Jazz, Balearic, Proto- oder Disco House verbindet, vorweggenommen. Das Besondere an seinen frühen, wie späten Produktionen ist das repetitive Element – also das was später Sampling / Loops / DJ-Tools ausmachte. Was kaum jemand weiß, Arthur Russell war auch einmal Studiomusiker bei den 'Talking Heads'. Er hat an deren Stück 'I Zimbra' (was man auch hört, finde ich) mitgewirkt. Aber David Byrne hat ihn noch während der Produktion rausgeschmissen, weil Russell ihm zu minimalistisch, zu repetitiv war. Das hat mir Arthur Russell 1991 persönlich in einem seiner letzten Interviews vor seinem Tod gesteckt, mit der Anmerkung, dass er damals eher auf so ellenlange minimale Disco-Grooves von Hamilton Bohannon stand, was dem Kopf der 'Talking Heads' dann aber irgendwie zu banal war. Das Interview mit Arthur Russell war noch für 'Network Press', dem Vorläufer der heutigen 'Groove'."

Katja Eichinger (Schriftstellerin) – The Jon Spencer Blues Explosion – Greyhound Part 1 (Experiment Remixes – Matador –1995)

"Ich weiß noch genau, wie ich 1997 zum ersten Mal diesen Moby Remix von 'Greyhound' gehört habe. Das war in der Wohnung meines Nachbars in Notting Hill. Es war eine Offenbarung. Die Welt sah danach anders aus. Ich finde, das ist die perfekte Filmmusik – also wenn ich diesen Track höre, sehe ich Bilder vor mir. Die 'Jon Spencer Blues Explosion' funktioniert als Band für mich am Besten live, aber dieser Remix, der funktioniert nur als Studiomusik."

Chris Fitzpatrick (Kunstverein München) – Maryanne Amacher – Head Rhythm 1 and Plaything 2 (Sound Characters (Making The Third Ear) – Tzadik – 1999)

"In 'Head Rhythm 1', which morphs into 'Plaything 2', sound artist Maryanne Amacher (1938-2009) employs a psychoacoustic phenomenon called a 'combination tone' (or 'Tartini Tone', after the violinist Giuseppe Tartini who discovered it). Real tones play in a pattern, which has been constructed to generate the hallucinatory perception of other tones in the brain of the listener, making what Amacher called 'the third ear'. In other words, Amacher's composition requires our ears not only to listen, but to sing."

Saksia Diez (Schmuckdesignerin) – PJ Harvey & Thom Yorke – The Mess We're In (Stories from the City, Stories from the Sea – Island – 2000)

"In diesem Song ist alles drin. Leidenschaft und Schmerz, Sehnsucht und Trennung, Nähe und Einsamkeit, Augenblick und Ewigkeit, Schicksal und Zufall, Zärtlichkeit und Sturm, Anfang und Ende, die Stadt und ihre Geräusche, Innen und Außen, Stille und Aufruhr, Tag und Nacht, Guy & Girl, an einem ganz normalen Mittwoch. Ein Song, der mich immer berührt."

Mirko Hecktor (Mjunik Disco) – Mireilles – Unknown (Unknown – Yare – Unknown)

"'Yare' is a great and sought after label from Venezuela during the 1970s. Its discography is incomplete and loads of its records are not listed on discogs, the most important internet database and marketplace for vinyl nowadays. The music can hardly be found on the world wide web, in record stores or on second hand markets. Knowing about and collecting those lost archives is the essence of DJ culture. Recalling this forgotten and destroyed past is a vital part of reinventing and rebuilding the future. The track of this non-traceable band called 'Mireilles' which will be played is a very interesting hybrid of mid 1970s west coast big band disco fused with cumbia, latin and african polyrhythmic drumming brought to South America due to african diaspora."

Reinhold Böh (Meisterschule für Mode) – DJ Hell – Bodyfarm² (Teufelswerk – Gigolo – 2009)

"Ich habe diesen Track ausgewählt, weil ich mich von Wolfgang Tillmans Musikauswahl leiten lassen wollte. Dazu kommt aber noch, dass ein Track von 'DJ Hell' wohl niemals auf einer High-End-Hifi-Messe vorgespielt werden würde."

Klaus St. Rainer (Die Goldenen Bar) – Maryam Saleh – Nouh Al Hamam (Sawtuha – JAKARTA – 2014)

"I thought a long time about my choice. And this is the best record I can come up with regarding the political situation within the last year after the uprisings in the middle east more than three years ago. The lyrics on this compilation of female singers from Tunisia, Egypt and Libya are against corruption, despotism, patronization and narrow-mindedness. The studio session was funded by the German Federal Foreign Office."

Kill The Tills (DJs) – Terranova – Tourette (Headache EP 12” – Kompakt – 2014)


"Fetisch von 'Terranova' ist für uns eine Art musikalischer Mentor, Wegbegleiter und Onkel zugleich. Durch die Zusammenarbeit an diversen Videoclips und gemeinsamen Clubabenden als DJs sind wir nicht nur künstlerisch, sondern auch freundschaftlich zusammengewachsen. Der Track 'Tourette' ist für uns Techno im schönsten Sinne."

Chris Dercon (Tate Modern London) – Daniel Haaksman – Sembène (African Fabrics – Man Recordings – 2016)

"Given my long passion for all sorts of fabrics, that is: weaving many different things and many different expressions together; as in: everything is connected to everything else; and: my recent passion for a new kind of afro-futurism, which is spreading like a virus from Johannisburg, Bamako, Ouagadougou to Dakar (which all reminds me of Wolfgang's 'Neue Welt')."

Polly (Pollyester) – Polly – Untiteled (CDR – Unreleased – 2016)

"Mich interessiert besonders, wie eine Skizze, etwas Unfertiges auf dieser Anlage klingt. Deshalb stelle ich eine her. Ein Entwurf, der noch nicht weiß, ob er mal Pop werden will, oder etwas Abstraktes."

 

BRING YOUR OWN!
Fr, 8. April 2016, 19 Uhr
im Lenbachhaus

An unserer Bar im Atrium bieten wir Ihnen verschiedene Drinks und Erfrischungsgetränke von Aqua Monaco und Partisan Vodka an. Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei.

Ein Letztes: Bitte beachten Sie, dass wir ausschließlich digitale Audiodateien in hoher Qualität (WAV- oder Flac-Dateien und in Ausnahmen MP3-256/312, jedoch möglichst keine kleineren Dateien), CDs oder Vinyl abspielen können und die Musikstücke aus zeitlichen Gründen eine Länge von 10 Minuten nicht überschreiten sollten.

Niklas Barth ist Soziologe an der LMU München. Dort arbeitet er im DFG-Projekt "Übersetzungskonflikte" am Lehrstuhl Prof. Armin Nassehi. Neben seiner Tätigkeit als Wissenschaftler schreibt er für Superpaper als Theater- und Kulturkritker.

Veröffentlicht am 6. April 2016.