Gruppendynamik
Der Blaue Reiter und
Kollektive der Moderne

Im Rahmen des Programms "Museum Global. Sammlungen des 20. Jahrhunderts in globaler Perspektive" der Kulturstiftung des Bundes


Nach einer erregten, beinahe in Handgreiflichkeiten ausartenden Diskussion erklärten Wassily Kandinsky, Franz Marc und Gabriele Münter am 2. Dezember 1911 ihren Austritt aus der Neuen Künstlervereinigung München. Nur zwei Wochen nach dem Eklat richteten sie mit ihren Mitstreiter*innen in der Münchner Galerie Thannhauser eine Gegenausstellung ein. Sie zeigten neben eigenen Arbeiten Werke von August Macke, Robert Delaunay, Elisabeth Epstein, David und Wladimir Burljuk, Arnold Schönberg und Henri Rousseau. Der Titel "Die Erste Ausstellung der Redaktion Der Blaue Reiter" nahm explizit Bezug auf das Vorhaben des Almanach: Dieses programmatische Jahrbuch etablierte den Blauen Reiter als einen der ersten transnationalen Künstler*innenkreise.

In zwei ineinandergreifenden Ausstellungsprojekten zeigt die Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München ihre bedeutende Sammlung zur Kunst des Blauen Reiter im Dialog mit künstlerischen Kollektiven der Moderne weltweit. Tatsächlich lässt sich ab etwa 1900 eine überraschende Fülle an kollektiven Prozessen und Gruppenbildungen unter Künstler*innen feststellen. In Ausstellungen und Schriften formulierten sie gemeinsame ästhetische Haltungen und ihre Absicht, geistige und gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Die Auseinandersetzung mit den Phänomenen Kollektiv und Gruppendynamik ermöglicht, Kategorien wie Autorschaft und künstlerische Autonomie zu diskutieren. Kunst rückt so als Gemeinschaftsprozess und intensiv geführte Debatte ins Zentrum.

Den Künstler*innen aus dem Kreis des Blauen Reiter galt Kunst als universelle Sprache. Ihr Credo lautete: "Das ganze Werk, Kunst genannt, kennt keine Grenzen und Völker, sondern die Menschheit." Gefangen in der Zeit der kolonialen Weltordnung vor dem Ersten Weltkrieg gelang es auch ihnen nicht, eine emanzipatorische Praxis von Kunst jenseits nationaler Zugehörigkeit sowie tradierter Hierarchien und Gattungen umzusetzen. Trotzdem ist für das Vorhaben des Lenbachhauses der darin intendierte Gedanke einer Gleichberechtigung jedweder Kulturproduktion grundlegend. Statt Stilgeschichte oder Ästhetiken in einen Wettstreit der Erscheinungsformen treten zu lassen, werden in unseren Ausstellungen die Entwicklungen von Kollektiven, ihre historischen Kontexte, ihre politischen Intentionen und konkreten sowie zuweilen utopischen Ideen beleuchtet. Spuren kollektiver Arbeit finden sich in Manifesten, Ausstellungen, Zeitschriften, Gemeinschaftswerken, neu gegründeten Schulen und Agitation. Der gewählte Zeitraum von etwa 1900 bis 1970 schließt den Beginn pluraler Modernisierungsbewegungen ein und umfasst am Ende dieser Periode zugleich Dekolonisierungsprozesse und die Bildung neuer Nationen.

Die Gruppe lebt von Zusammenschluss und Bruch, ihre Dynamik ist unberechenbar: Gemeinsames Arbeiten, Gespräche, Geselligkeit, Rivalität, Freundschaft, Offenheit, Inklusion, Abgrenzung, Ermüdung, Streit, Liebe, Polemik und Enthusiasmus zeichnen sie aus. Gruppen bieten uns ein mögliches Modell, Kunst überindividuell zu denken: Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum, sie basiert auf Austausch und gesellschaftlichem Leben.

Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes

Das Projekt "Gruppendynamik – Der Blaue Reiter und Kollektive der Moderne" ist Teil der Initiative Museum Global der Kulturstiftung des Bundes. Zuvor haben bereits das Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, die Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, und die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, ihre Sammlungs-, Forschungs- und Ausstellungsarbeit in eine globale Perspektive gerückt und an der Erzählung einer pluralen Moderne mitgewirkt.


Die beiden Ausstellungen:

1.
Gruppendynamik – Der Blaue Reiter
Lenbachhaus, März 2021, Dauer ca. 2 Jahre

2.
Gruppendynamik – Kollektive der Moderne
Lenbachhaus, Oktober 2021 – März 2022

Symposium "Gruppendynamik – Kollektive der Moderne"

Ziel des Symposiums ist es, Neues zu lernen über verschiedenste "Kollektive der Moderne" und die Art, wie etablierte Narrations- und Präsentationsmuster die kunsthistorische und kuratorische Arbeit bestimmen. Wir möchten unser Wissen über Kollektive erweitern und vertiefen und durch den Austausch mit den geladenen Referent*innen mehr erfahren über Künstlerinnen und Künstler, Bewegungen und Diskurse, die innerhalb ihrer spezifischen kunsthistorischen Erzählungen längst etabliert sind, andernorts jedoch weitgehend unbekannt sind. So richten die Vorträge den Blick exemplarisch auf Künstler*innengruppierungen an verschiedenen Orten der Welt. Berichtet wird über die jeweiligen Motivationen dieser Kollektive, ihre spezifischen Arbeits- und Ausdrucksformen, die historischen und politischen Kontexte, innerhalb derer sie sich formierten, sowie über den Einfluss, den diese Bewegungen auf die weitere Entwicklung der Kunst in ihrer Zeit und an ihrem jeweiligen Ort nahmen. Wir hoffen, dass das Symposium dazu beitragen wird, grundlegende Diskussionen über gruppendynamische Prozesse und kollektive Arbeitsformen anzustoßen und damit auch eine kritische Auseinandersetzung mit etablierten Kategorien wie Autorschaft, Autonomie und kanonischer Ästhetik zu initiieren.

Weitere Informationen zum Symposium