Sheela Gowda. It.. Matters

31. März 2020 – 18. Oktober 2020

Sheela Gowda (*1957 in Bhadravati, Indien) lebt und arbeitet in Bengaluru. Das Lenbachhaus zeigt ihre erste museale Einzelausstellung in Deutschland.

Für ihre raumfüllenden Installationen verwendet Gowda landesspezifische Materialien, die durch Beschaffenheit, Farbe oder Geruch eine narrative Atmosphäre erzeugen und zugleich metaphorische Kraft entfalten. Der künstlerische Einsatz von Kuhdung, Kumkum-Pulver, Kokosfasern, Haaren, Nadeln, Fäden, Steinen, Teerfässern oder Abdeckplanen verbindet Vorstellungen von Handwerk und von Alltagsgebrauch mit poetischer Aufladung und bezieht sich auf das städtische wie ländliche Leben in Indien.

Arbeitsbedingungen, Produktionskreisläufe, urbane Infrastruktur, traditionelles und modernes Leben sind Themen in Sheela Gowdas Kunst. Sie spürt die Materialien auf, die diese Themen repräsentieren, und setzt sie in Werke mit narrativem und assoziativem Bezug um. Dabei erzählen die Materialien und ihr gestalterischer Einsatz Geschichten, die mit kultisch-spirituellem Gebrauch einerseits und mit dem wirtschaftlich-funktionalen Nutzen ihrer Verwertung anderseits zusammenhängen. Fragen nach Arbeitsleistung sind den Werken ebenso eingeschrieben wie die Rituale des täglichen Lebens in vorindustriellen und heutigen Traditionen.

In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren arbeitete Sheela Gowda mit Ölmalerei, die ihre späteren Themen bereits enthielt. Das Alltagsleben der indischen Mittelschicht, Konflikte von Frauen im Arbeits- wie privaten Leben sowie über die Medien vermittelte Bilder politischer und sozialer Spannungen waren früh Gegenstand ihres gesellschaftskritischen Denkens. Ab 1992 setzte sie Kuhdung als gestalterisches Mittel zunächst für Bilder, dann auch räumlich-installativ ein, bevor sie sich anschließend neuen Materialien zuwendete.

Kuhdung als künstlerisches Material geht für Sheela Gowda mit politischem Bewusstsein einher: Die im hinduistischen Indien als heilig verehrte Kuh wird von der derzeitigen Regierung als Mittel der Stimmungsmache instrumentalisiert, um einem Hindu-Nationalismus neue Nahrung zu geben, der in den frühen 1990er Jahren die politische Bühne betrat. Gowda verleiht dem allgegenwärtigen Dung von Kühen durch ihren künstlerischen Einsatz neue Brisanz.

Die Ausstellung zeigt mehrere Werkphasen: Am Beginn stehen die ersten Kuhdung-Gemälde von 1992. Sie werden hier erstmals in Europa gezeigt. Installationen aus Teerfässern, Gewürzmahlsteinen, Haar, Holz sowie Medienbilder führen Gowdas künstlerischen Weg fort. Ihre neueste, eigens für das Lenbachhaus geschaffene Arbeit aus Kuhdung bedeutet eine Wiederkehr von dessen Relevanz in der aktuellen innenpolitischen Konfliktsituation.

Sheela Gowda war vertreten bei den Biennalen in São Paulo 2014, Gwangju 2014, Kochi 2012, Venedig 2009, Sharjah 2009, Lyon 2007 sowie bei der documenta 12, 2007. Einzelausstellungen fanden u.a. statt: 2019 im BombasGens, Valencia, und im HangarBicocca, Mailand; 2017 in der Ikon Gallery, Birmingham; 2015 im Para Site, Hongkong; 2014 in der daad Galerie, Berlin, im IMMA, Dublin, und im Centre international d'Art et du Paysage, Vassivière; 2013 in der Lunds Konsthall, Lund, und im Van Abbemuseum, Eindhoven, und 2010 im Office for Contemporary Art, Oslo.

Kuratiert von Eva Huttenlauch

Zur Ausstellung erscheint ein Künstlerbuch mit einer Bildauswahl von Sheela Gowda sowie Texten von Eva Huttenlauch und Janaki Nair (deutsch/englisch) im Steidl Verlag.

"Shedding Light", 2020
Dieser Dokumentarfilm über Sheela Gowda ist zur Ausstellung entstanden und enthält Interviews mit Ute Meta Bauer, Sheela Gowda, Eva Huttenlauch, Zehra Jumabhoy und Hans Ulrich Obrist.
Dauer: 30 Min.
Von Friedrich Rackwitz und Stephan Vorbrugg.
Den Film können Sie hier ansehen.

Publikation
Sheela Gowda. It.. Matters
Deutsch/Englisch
Hrsg.: Eva Huttenlauch und Matthias Mühling
Texte von Eva Huttenlauch und Janaki Nair
Gestaltung von Avinash Veeraraghavan und Holger Feroudj/Steidl Design
184 Seiten, 21,5 x 26,5 cm, Hardcover
ISBN: 978-3-95829-705-0

Die Ausstellung findet in Verbindung mit dem Maria-Lassnig-Preis statt, der 2019 an Sheela Gowda verliehen wurde.
 

Begleitheft (PDF)

Künstlerbuch – Auszug (PDF)

Katalog (Webshop)

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Stimmen

"All the materials I use have a kind of life before I have used them. They have a context that is different from the way I use them. And I work on that, I don't want to erase that history, that context. It's almost like I look at them and feel them so intensely that they begin to become something else. I guess that's what I do, with things. Because I look at it, I feel it, I maybe caress it, I enjoy it (…) I give it a presence and an identity that will make other people look at it. Not just see it as some abandoned object. It can hold its own, enough to be gazed at." (Sheela Gowda, Künstlerin)

"Man lernt in der Ausstellung eine indische Künstlerin kennen und durch sie einiges über unsere Welt. Vieles, was in ihren Kunstwerken und den von ihr verwendeten Materialien steckt, betrifft nicht nur Indien - aber ihr Land und dessen Alltagsmaterialien sind der Ausgangspunkt für Sheela Gowda. Ihre Fragen sind weltumspannend und betreffen uns alle. Die globale Wirtschaft, die globale Industrie, das Verschwinden von kleinem Handwerk und von Werkstätten, die Umstellung auf riesige Produktionswege und -mechanismen und dadurch auch die Zerstörung bisheriger Infrastruktur – all das kommt in ihren Arbeiten zum Tragen (...). Sheela Gowda übersetzt diese Themen in eine abstrakte visuelle Sprache. Insofern ist diese Ausstellung nicht nur für ein Publikum aufschlussreich, das sich für Indien interessiert. Im Gegenteil: Gowdas Arbeiten sprechen eine internationale Sprache." (Eva Huttenlauch, Kuratorin Lenbachhaus)

"Sheela Gowda hat als Malerin angefangen. Sie interessieren die Bezüge zwischen Objekten, die Linien, die da entstehen, die Zwischenräume. Man kann sagen, dass ihre Installationen Malerei im erweiterten Raum ist, also die Erweiterung von Linien, Bezügen in den Raum hinein." (Ute Meta Bauer, Direktorin Centre for Contemporary Art Singapur)

"Sheela Gowda hat eine magische Fähigkeit, aus Alltagsmaterialien Räume und Erfahrungen zu erzeugen. Ihre Installationen sind Portale, die uns in eine andere Welt führen." (Hans Ulrich Obrist, Künstlerischer Leiter Serpentine Galleries London)

"India has a Hindu-right government, that believes in a Hindu nation that at the same time talks the language of ultra-globalization and economic progress. It’s two sides of a coin, it is oppressive for the ordinary man, for people who don't fit into that narrative. Either because they are not upper-caste Hindus like the Dalits, they are all Muslims, or the farmers, who are dying in droves and killing themselves. Many of these people are like the unseen characters behind Sheela Gowda's work." (Zehra Jumabhoy, Kunsthistorikerin)

Video

ZOOM IN – Where Cows Walk. Kuhdung im Werk von Sheela Gowda
ZOOM IN – "Behold" (2009) von Sheela Gowda
"Forever Sheela Gowda!"
Trailer zu "Shedding Light – Ein Porträt der Künstlerin Sheela Gowda"
Shedding Light – Ein Porträt der Künstlerin Sheela Gowda
UNCUT – Sheela Gowda im Gespräch
Begrüßung von Direktor Matthias Mühling zur Eröffnung
Begrüßung und Einführung von Kuratorin Eva Huttenlauch zur Eröffnung
Künstlergespräch mit Sheela Gowda anlässlich der Verleihung des Maria Lassnig Preis
Laudatio von Ute Meta Bauer für Sheela Gowda anlässlich der Verleihung des Maria Lassnig Preis 2019

Werke