Von Matthias Mühling und Karin Althaus.

Seit einigen Jahrzehnten besitzt das Lenbachhaus ein Porträt von Bertolt Brecht. Es stammt aus der Hand von Rudolf Schlichter und hat das Bild des Dichters so nachhaltig geprägt, dass wir ihn uns bis heute so vorstellen wie ihn Schlichter um 1926 gemalt hat: mit Lederjacke und Zigarre. Selbst wer mit dem Namen dieses Malers nicht vertraut ist, kennt doch viele seiner Porträts der 1920er-Jahre. Wie kaum ein anderer prägt Schlichter unsere Vorstellung vom Erscheinungsbild der Menschen der Weimarer Republik. Seine Kollegen wie Christian Schad, Otto Dix oder George Grosz haben die von ihnen Porträtierten eher überzeichnet und schärfer dargestellt. Schlichters Porträts hingegen funktionieren fast wie die Fotografien August Sanders und erreichen genau wie diese einen ikonischen Status durch ihre sachliche Realitätstreue. Für Sanders Bilder war dies in der Technik der Fotografie bereits angelegt, für Schlichters Malerei keineswegs.

Das „Realistische“ der Malerei Schlichters entsprang der Erfahrung des Ersten Weltkriegs, welcher nicht nur seine Sicht auf die Welt und den Menschen radikal veränderte. Zutiefst erschüttert distanzierten sich viele Künstler von den formalen Experimenten der Avantgarde wie Kubismus, Expressionismus und Abstraktion und konzentrierten sich auf eine nüchtern-realistische Wiedergabe der Wirklichkeit. Gemeinsam ist den Künstlern der Neuen Sachlichkeit ein gegenständliches Interesse; dieses orientiert sich explizit an traditionellen Bildauffassungen. Stilistisch heterogen, verbinden sie Themen der zeitgenössischen Wirklichkeit wie der Krieg, das Leben in der Großstadt, die Entwicklung der Technik, soziale Verhältnisse und die Wahl klassischer Bildgattungen wie Stillleben und Porträt. Dies sind die Grundmerkmale der Kunstrichtung seit sich Gustav Friedrich Hartlaub und Franz Roh 1925 an ihre Beschreibung wagten, und die Neue Sachlichkeit zum „Verständigungsbegriff“ geworden ist, der verschiedenste gesellschaftliche Theorien und ideologische Konzepte in sich fasst.

Die Weimarer Republik und ihre Kunst ist heute wieder zu einer der gefragtesten Projektionsflächen unserer Gegenwart geworden. Vielen Museen zeigen aufwendige Ausstellungen, die Preise in den Auktionen steigen. Berlin, ein Knotenpunkt nicht nur für die Künstler der Neuen Sachlichkeit, war damals wie heute Europas Metropole, die vor allem dann besucht oder bewohnt wurde, wenn es um Kunst, das Feiern oder ein freies, extravagantes oder queeres Leben jenseits der bürgerlichen Enge ging. Nicht selten ging es auch um alle diese Dinge gleichzeitig – wie oft im Leben der Boheme. Die Kunst der Neuen Sachlichkeit im Allgemeinen und Rudolf Schlichter im Besonderen haben dieses Leben festgehalten, in all seiner Widersprüchlichkeit. War doch die zarte Pflanze der Freiheit und des Andersseins bedroht durch die ökonomischen Wirren und die erstarkende radikale Rechte in Gestalt der NSDAP. Und waren doch die Künstler selbst oft ideologisch indifferent, genau wie Schlichter, der sich als ehemaliges Mitglied der KPD ab 1927 von den Ideen der Kommunisten entfernte und sich dem Katholizismus und den sogenannten Neuen Nationalisten zuwandte. Genau in diesen Jahren, 1928, hat Schlichter auch Brechts Lebensgefährtin und Mutter seines Sohnes, Helene Weigel gemalt. Die beiden waren damals schon ein Paar, im Leben und in der Arbeit. Schon vor ihrer Beziehung mit Brecht hatte Helene Weigel eine erstaunliche Karriere und ab 1949 hat sie erfolgreich bis zu ihrem Tod 1971 ein Theater geleitet. Doch immer wenn von Helene Weigel die Rede ist, dauert es nicht lange bis die „vielen Affären“ ihres Geliebten und späteren Ehemannes Bertolt Brecht zur Sprache kommen. Wie auch immer es sich für Helene Weigel angefühlt haben mag, sie ist mit ihm durch Dick und Dünn gegangen, bis zu seinem Tod 1956. Auch danach hat sie sich nie von ihm distanziert.

Heute gibt es – dankenswerter und realistischer Weise – selbst bei Facebook eine Beschreibung für den Beziehungsstatus: „Es ist kompliziert“. So war es auch bei Weigel und Brecht – ein Leben lang. Und jeder der ernsthaft und länger eine Beziehung geführt hat, weiß, dass diese nicht ohne größere Komplikationen zu haben ist. Besonders wenn sich Familie, Leben, Politik und Arbeit in einer Beziehung überschneiden. So wie bei den Brechts: sie hatten gemeinsame Kinder, sie haben gemeinsam gearbeitet, gestritten, eine Diktatur überlebt, im Exil überdauert und wohl genau deshalb so große und schöne Dinge geschaffen.

All das hat Schlichter in seinen Porträts der beiden eingefangen. Wir sehen zwei Menschen, für die etwas auf dem Spiel steht, die für etwas stehen: Lederjacke und Zigarre, ein einfaches Kleid und ein Bühnenbild. Die „schaffenden Hände“ sind bei beiden Porträts überproportional und ganz ähnlich ins Bild gesetzt.

Schlichter erzählt aber noch mehr und tut dies, ganz klassisch, über die Accessoires und die Hintergründe. Hinter Brecht sehen wir ein Automobil, die Lüftungsschlitze der Motorhaube und den Kotflügel. Brecht mochte Automobile. Er war ein vielgereister Mann, der sich auch schon mal einen Sonnenbrand zuzog von den langen Fahrten im Cabriolet. Fast meinen wir etwas gerötete Stellen in seinem Gesicht zu sehen. Zur Zeit der Entstehung des Porträts benutzte Brecht das Auto sogar als Metapher im von ihm gemeinsam mit Elisabeth Hauptmann entwickelten Lustspiel Mann ist Mann. „Hier wird heute Abend ein Mensch wie ein Auto ummontiert, Ohne daß er irgendetwas dabei verliert“ heißt es im Zwischenspruch von Mann ist Mann. Der Mensch ein Automobil, eine Maschine ohne tiefere dauernde Eigenschaften.

1926 ist das Jahr, in dem sich Brecht ein Automobil kaufte. Einen gebrauchten englischen Daimler, Baujahr 1921 für 1500 Mark. Er hatte dafür ein Darlehen aufnehmen müssen. Das gab Ärger, als seine damalige Ehefrau Marianne davon erfuhr. Erstens: 1500 Mark waren sehr viel Geld, der durchschnittliche Wochenlohn betrug damals 100 Mark. Zweitens: Das teure Stück gehörte offiziell Helene Weigel. Brecht schreibt an seine Frau Marianne: „Ich habe 1.500 M für ein Auto entliehen, Otto und Weigel haben es gekauft, auf den Namen der Weigel, da ich nicht da bin, es gehört mir, das heißt ich verkaufe es wieder, da ich die 1.500 M nicht zurückzahlen könnte, wie ich geglaubt habe. Dieses Geld (1.500 M) habe ich also nicht in Form eines Autos der Weigel geschenkt!“ Das Geld stammte anscheinend von Brechts Schulfreund Otto Müllereisert, der Brecht sehr verbunden war und ihm nicht nur mit Geld als Freund zur Seite stand. Was auch immer sich Schlichter mit dem Auto im Hintergrund gedacht hat, es ist mehr als nur ein Automobil. Es war schon damals Statussymbol, stand für Modernität, Zukunft und (technische) Extravaganz.

Auch Helene Weigel mochte Automobile. Nach dem Tod Brechts kaufte sie einen Mercedes Ponton und benutzte ihn privat und als Intendantin des Berliner Ensembles. Das Auto war kein bescheidenes Gebrauchsobjekt in der damaligen Bundesrepublik und in der DDR schon gar nicht. Während also Brecht von Schlichter mit einem Automobil als sprechendes Accessoire gemalt wurde, wählte er für Helene Weigels Porträt das Bühnenbild von Mann ist Mann, das ebenfalls 1926 seine Premiere feierte. Brechts Porträt zeigt also das Auto, das Helene Weigel gehörte und Weigels Porträt zeigt das Bühnenbild des Stücks, das Brecht just in dem Jahr schrieb, in dem er ihr das Auto gekauft hatte. Was er jedoch abstritt, denn er war ja noch verheiratetet.

1930 heiratet er wieder, diesmal Helene Weigel. Die Ehe hielt ein Leben lang. Nun hängen die Porträts des Paares im Lenbachhaus. Diese Wiedervereinigung verdanken wir der Ernst von Siemens Kunststiftung und ihrem Generalsekretärs Martin Hoernes. Die Porträts zeigen zwei Menschen, an die wir uns erinnern sollten. Und an Rudolf Schlichter natürlich sowieso.

Das Porträt von Helene Weigel des Künstlers Rudolf Schlichter ist eine Dauerleihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung.

Veröffentlicht am 31. Januar 2018

Ein Gedanke zu “Von Autos und Menschen – Die Porträts von Helene Weigel und Bertolt Brecht von Rudolf Schlichter

  1. toller kommentar. erhellend. lebendig geschrieben. daraufhin ist der besuch der bilder ein muss und ein Genuss. einzig. man hätte die Fotos grösser abbilden können. aber sie wollen mich ja im Museum sehen..ganz sicher komm ich. und werde mir noch ein bisschen mehr Infos in Buchform über weite und Brecht zu kommen lassen. da hilft sicher auch aus ausleihbare riesensortiment der Stadtbibliothek.

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