Michaela Melián, Föhren­wald

Michaela Melián Föhrenwald 2005 Diaprojektion Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München Foto: Lenbachhaus © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Von Heike Ander.

Die Siedlung Föhrenwald bei Wolfratshausen entstand im Zuge nationalsozialistischer Wohnungsbaupolitik als Mustersiedlung. Sie wurde ab 1940 als Lager für ausländische Zwangsarbeiter und dienstverpflichtete deutsche Arbeiter der nahegelegenen Munitionsfabriken benutzt. Nach Kriegsende diente der Ort mehr als zehn Jahre lang als exterritoriale Siedlung für jüdische „Displaced Persons“ – Überlebende der Vernichtungs- und Konzentrationslager, die nicht mehr in ihre Heimatländer zurückkehren konnten. Nach Auflösung des selbstverwalteten Lagers wurden seit 1956 schließlich deutsche heimatvertriebene Familien in Föhrenwald angesiedelt.

Trotz der wechselvollen Geschichte verändert sich das Gesicht der Siedlung kaum. Ihre Geschichte spiegelt sich am deutlichsten in den Straßennamen: Die „Danziger Freiheit“ wird zum „Independence Place“ und schließlich zum „Kolpingplatz“. Die unter nationalsozialistischer Herrschaft geplanten Gebäude bleiben im Wesentlichen die selben und repräsentieren die Ideale einer bis heute gültigen Form der Eigenheimidylle.

Michaela Meliáns Föhrenwald erzählt die Geschichte der gleichnamigen Siedlung (heute Waldram) als multimediale Installation: Der begehbare Raum präsentiert eine Diaprojektion, die die heutige Siedlung in Zeichnungen aus weißen Linien auf schwarzem
Grund sichtbar werden lässt. Langsam überblenden sich die im dunklen Raum schwebenden Zeichnungen der Häuser ineinander und imaginieren einen Spaziergang durch die Siedlung. Die Bilderschleife wird überlagert von einem Soundloop aus Sprache und Musik.

Verschiedene Stimmen berichten aus den unterschiedlichen Phasen der Siedlung. Das Material dafür liefern Texte aus der Entstehungszeit der Siedlung, Berichte von Zwangsarbeitern und Interviews mit jüdischen Bewohnern sowie mit den seit 1956 dort
angesiedelten Heimatvertriebenen, deren Familien teilweise noch heute dort wohnen. Schauspieler sprechen in sachlichem Ton das bearbeitete Interviewmaterial; Kinderstimmen lesen die historischen Dokumente. Diese vielstimmige Collage ist eingebettet in Musik, die in ihrem gleichmäßigen Strömen die einzelnen Texte
verbindet. Als Ausgangsmaterial für die Komposition wurden Fragmente, oft nur das Rauschen, Kratzen, d. h. das Abspielgeräusch von Schellackplatten mit Werken von Bach, Beethoven, Donizetti, Mendelssohn und Schubert, teils als konstituierende
oder auch rein atmosphärische Elemente verwendet und dicht in ambientem Sound verwebt. Diese Samples stammen von Aufnahmen, die in den Jahren 1931–38 von den jüdischen Schallplattenfirmen Semer und Lukraphon in Zusammenarbeit mit
dem Jüdischen Kulturbund in Deutschland veröffentlicht wurden.

Der Soundtrack von Föhrenwald wurde vom Bayerischen Rundfunk – Hörspiel und Medienkunst produziert, das Hörspiel gewann den Online-Award 2005 der ARD-Hörspieltage und wurde 2006 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden, dem wichtigsten Preis für Audioart im deutschsprachigen Raum, ausgezeichnet.

Heike Ander kuratierte 2005 die Ausstellung „Michaela Melián – Föhrenwald“ im Kunstraum München. 2016 wurde „Föhrenwald“ in der Ausstellung „Michaela Melián. Electric Ladyland“ im Lenbachhaus gezeigt und dieser Artikel im Begleitheft zur Ausstellung veröffentlicht. Aktuell ist die Diaprojektion im Rahmen der Ausstellung „I’m a Believer – Pop Art und Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung“ zu sehen.

Veröffentlicht am 9. August 2018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.