Gib mir fünf!

Von Eva Huttenlauch und Sebastian Schneider.

Im März 2018 eröffneten wir die Ausstellung I’m a Believer. Pop Art und Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung. Dabei handelt es sich um die mittlerweile vierte Sammlungspräsentation seit der Wiedereröffnung des Lenbachhauses im Jahr 2013. Schon die vorherigen Ausgaben – An der Isar (2014), SO EIN DING MUSS ICH AUCH HABEN (2015), Mentales Gelb. Sonnenhöchststand (2017) – haben viel Malerei des Abstrakten Expressionismus und des Informel gezeigt: Hans Hofmann, Asger Jorn oder die Gruppe SPUR. In I’m a Believer beschäftigen wir uns mit dem, was danach kam: mit der Pop Art von Andy Warhol, Ulrike Ottinger, Thomas Bayrle bzw. auch dem sogenannten „Kapitalistischen Realismus“ von Sigmar Polke. Im Folgenden stellen wir drei Bücher und zwei CDs vor, anhand derer man sich mit ausgewählten Künstlerinnen der Ausstellung aber auch mit dem kuratorischen Konzept vertieft beschäftigen kann.

1. Schirn Kunsthalle Frankfurt: between art and life: Vom Abstrakten Expressionismus zur Pop Art (1999)

1999 fand in der Schirn Kunsthalle Frankfurt die Ausstellung between art and life. Vom Abstrakten Expressionismus zur Pop Art statt, die nachvollzog, wie sich die beiden Kunstströmungen nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA entwickelten. Zunächst fand der Abstrakte Expressionsimus als bedeutendste Bewegung in der Geschichte der amerikanischen Kunst internationale Anerkennung. In den sechziger Jahren entwickelte sich schließlich antithetisch dazu die Pop Art. Der Katalog zur Ausstellung arbeitet sehr anschaulich die Entwicklungen der beiden Malerei-Strömungen heraus. Für die Vorbereitung von I’m a Believer. Pop Art und Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung war die Lektüre dieses Katalogs sehr aufschlussreich.

2. Tate Modern: The World Goes Pop (2015)

Ulrike Ottinger zählt zu den bekanntesten Filmemacherinnen aus Deutschland. Dass sie in den 1960er Jahren in Paris als Malerin arbeitete, wissen dagegen nur wenige. Im politischen Klima der Studentenunruhen setzte sie sich kritisch mit der Vormachtstellung der USA und dem (Kultur-)Imperialismus westlicher Nationen auseinander. Ihre Bilder lassen sich stilistisch der Pop Art zuordnen und beweisen, dass diese Kunstrichtung in den 1950er und 1960er Jahren keineswegs ein ausschließlich auf die USA und England beschränktes Phänomen blieb: Auch in anderen Teilen Europas, in Lateinamerika, Asien und dem Nahen Osten griffen junge Künstlerinnen und Künstler die visuelle Sprache der Werbung und Massenkultur auf, um die eigene Gegenwart kritisch zu befragen. 2015 stellte die Londoner Tate Modern in der groß angelegten Ausstellung The World Goes Pop einige dieser bisher kaum bekannten Vertreterinnen und Vertreter der Pop Art vor – darunter auch Ulrike Ottinger und Thomas Bayrle, der in unserer Ausstellung auch mit einem eigenen Künstlerraum vertreten ist. Der Katalog zur Londoner Ausstellung liefert umfangreiches Bildmaterial und lädt dazu ein, über den Rand der Warhol’schen Suppendose hinauszuschauen. Interviews und Textbeiträge führen ein in Themen wie die Entstehung der Pop Art in der ehemaligen Sowjetunion oder deren feministische Ausrichtung in Argentinien. Der Fokus auf Pop Art als globales Phänomen zeigt das politisch subversive Potenzial dieser Kunstrichtung überzeugend auf.

Da Ulrike Ottingers Arbeiten einen wichtigen Schwerpunkt in „I’m a Believer“ darstellen und der gesamten Ausstellung ihren Titel geben, wird sie auch zur Ideengeberin der folgenden Empfehlung.

3. Various artists: 60s classics (vol. 5)

Der Titel unserer Ausstellung I’m a Believer ist einer Druckgrafik von Ulrike Ottinger entlehnt, die in der Ausstellung zu sehen ist. Die Künstlerin wiederum verwendete für ihre Grafik den Titel des Liedes von The Monkees, die im selben Jahr, 1968 ihre gleichnamige Single veröffentlichten. Ulrike Ottinger schenkte uns zur Ausstellungsvorbereitung die CD 60s classics (vol. 5), auf der das Lied gleich als erster Titel zu hören ist. Da über dem ersten Teil der Ausstellung der Geist der 1960er Jahre schwebt, um nicht zu sagen, „schwingt“, passt diese Musik-Kompilation in die Rubrik Gib mir 5 unseres Blogs.

4. Michaela Melián, Heike Ander: Föhrenwald (2006)

Auch Michaela Meliáns Multimedia-Installation Föhrenwald (2005) ist in der neuen Sammlungspräsentation ausgestellt. Das Werk thematisiert die bewegte Geschichte einer Siedlung, die heute zur Gemeinde Wolfratshausen südlich von München gehört. Föhrenwald entstand in den späten 1930er Jahre als nationalsozialistische Mustersiedlung und beheimatete die in den nahegelegen Munitionsfabriken beschäftigten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges diente der Ort als „Lager“ für Displaced Persons: heimatlos gewordene jüdische Überlebende der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Für sie war Föhrenwald eine Zwischenstation bevor sie nach Israel, Argentinien oder in die USA emigrierten. 1956 wurde Föhrenwald vom Katholischen Siedlungswerk gekauft, um dort kinderreiche Familien anzusiedeln, die aus ehemals deutschen Gebieten vertrieben worden waren. Inzwischen wurde Föhrenwald in Waldram umbenannt. Kaum noch etwas deutet auf seine Vergangenheit hin, in der sich die zentralen Konflikte des 20. Jahrhunderts zu verdichten scheinen.

Eine Bürgerinitiative hat es sich zum Ziel gemacht, das Erbe des Ortes zu bewahren und dem Vergessen Einhalt zu gebieten. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass im ehemaligen jüdischen Badehaus am 26. Oktober 2018 eine Gedenkstätte ihre Tore geöffnet hat. Der „Erinnerungsort Badehaus“ dokumentiert in einer Ausstellung die Geschichte des Ortes anhand vielfältiger Materialien.

Für ihre Installation im Lenbachhaus verwendete Michaela Melián Aussagen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und erstellte daraus ein Hörstück, das die Videoinstallation begleitet. Auf einer CD kann man das Hörspiel nachhören, das beiliegende Booklet liefert einen Text von Heike Ander, der die Geschichte des Ortes sowie das Werk von Michaela Melián erläutert.

5. Christian Kämmerling: Sigmar Polke, Tourist (1995)
Süddeutsche Zeitung Magazin No. 46, 17. November 1995

Sigmar Polke gilt als einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Pop Art. Mehrere seiner Werke sind auch in I’m a Believer vertreten. Polke schöpfte sein umfangreiches Motivrepertoire aus Werbeprospekten sowie Kitschpostkarten und Kinofilmen. Seine künstlerische Aneignung weitverbreiteter (Medien-)Bilder lässt an Strategien namhafter Vertreter der US-amerikanischen Pop Art wie Andy Warhol denken. Dennoch transportiert sich in Polkes Werken eine weitaus kritischere, wenn nicht gar zynische Haltung, die es vor allem auf die Enge der westdeutschen Nachkriegsrealität abgesehen hat.

Bei der vorbereitenden Recherche sind wir in der museumseigenen Bibliothek auf einen wahren Schatz gestoßen: Zwischen all den dicken Museumskatalogen, die das Werk des heute weltbekannten Malers dokumentieren, fand sich ein vergilbtes SZ-Magazin aus den 1990er Jahren. Dabei handelte es sich um die Nummer 46 des Jahres 1995, also jene Ausgabe, deren Gestaltung traditionell von einer Künstlerin oder einem Künstler verantwortet wird. Der für diese Ausgabe beauftragte Sigmar Polke gestalte einen Großteil des Hefts mit den für ihn typischen schwarz weißen Rasterbildern, für die er auf Motive aus Zeitungen und Illustrierten zurückgriff und sie malerisch verfremdete. Auf die Bilderserie folgt ein Text von Christian Kämmerling, in dem der Autor schildert, wie sein Versuch scheiterte, mit Polke ein Interview für dieses Heft auf den Weg zu bringen. Gespickt mit Beschreibungen zu Polkes Werk sowie Anekdoten über das Auftreten des Künstlers in der Kunstwelt entsteht dabei ein Text, wie er für die Pop-Literatur der 1990er Jahre typisch ist. Nebenbei gelingt es ihm, Polkes Tempo und seine ironischen Untertöne auf textlicher Ebene zu spiegeln. Abgerundet wird der Beitrag durch die Fotografien von Augustina von Nagel, die Polke – egal ob im Supermarkt, am Flipperautomaten oder im Hollywood-Urlaub – in der unmöglichen Mode der Neunzigerjahre zeigen. Oder in den Worten von Kämmerling: „Polke provoziert auch [durch seinen Look], in dem er ganz arglos so aussieht wie ein deutscher Tourist, der auf dem Markusplatz in Venedig seinen Bus verpasst hat.“

Eva Huttenlauch ist Kuratorin der Ausstellung I’m a Believer. Pop Art und Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung und Sammlungsleiterin, Kunst nach 1945 am Lenbachhaus.

Sebastian Schneider ist wissenschaftlicher Volontär am Lenbachhaus.

Veröffentlicht am 8. November 2018

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