Gib mir fünf!

Von Eva Huttenlauch und Sebastian Schneider.

1. Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts, 1943

Die Gedankenwelt von Joseph Beuys beruht auf verschiedenen geistigen Einflüssen, die er verarbeitete und zu seinem eigenen Weltbild zusammenfügte. Für ihn wichtige Denker und geistige Strömungen waren die deutsche Romantik mit ihren Hauptvertretern Goethe, Hölderlin, Novalis sowie die deutsche und französische Existenzphilosophie. Als Kind seiner Zeit (geb. 1921) waren für ihn Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre von großer Bedeutung. Heideggers Sein und Zeit erschien 1927, Sartres Das Sein und das Nichts wurde 1943 publiziert. Es ist aufschlussreich, anhand von Das Sein und das Nichts ein paar gedankliche Hintergründe zur Existenzphilosophie zu erläutern, um Beuys’ Gedanken ganz allgemein besser zu verstehen, aber auch speziell seine berühmte, vielfach missverstandene Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“:

Der Mensch ist das einzige seiende Wesen, dessen Existenz der Essenz vorausgeht. Was bedeutet das? Der Mensch wird als unbeschriebenes Blatt geboren, als reine körperliche Existenz. Ab diesem Moment hat er die Freiheit, sein Leben innerhalb seiner zeitlichen Grenzen von Geburt und Tod nach seiner eigenen Willensbestimmung und in Eigenverantwortung auszubilden. Die Essenz bedeutet, dass er selbst dafür verantwortlich ist, wie er seine Persönlichkeit gestaltet und auf welches Ziel er sie richtet. Das heißt, die physische Existenz (= das Leben) wird, je mehr sich das Leben dem Tode nähert, in eine geistige Existenz bzw. Essenz (= der Tod) sublimiert. Jeder Mensch trägt also die Verantwortung dafür, das, was ihm bei der Geburt innewohnt, zu verarbeiten und in Freiheit und Eigenverantwortung auszubilden.

Sartre formuliert das ganz radikal: „Ich bin dazu verurteilt, frei zu sein.“ Dieser Freiheit muss sich jeder stellen und daraus seine Individualität herausarbeiten, um sein individuell-eigenes Geschöpf zu werden, als sein sich selbstvollendendes Werk. Mit dieser Freiheit zur Individualität ist man in der Folge auch für die ganze Gesellschaft verantwortlich. Jede individuelle Entscheidung führt hin zum übergeordneten gesellschaftlichen Miteinander.

„Es gibt keine Natur des Menschen, die den Menschen festlegt, sondern der Mensch ist das, wozu er sich macht.“ (Sartre). Sartres „Verurteilung zur Freiheit“ und die Bestimmung zur eigenen Verantwortung sind das existentielle Schicksal eines jeden.

Bezogen auf Beuys und seinen Satz, jeder Mensch sei ein Künstler, geht es also nicht darum, dass jeder sich Leinwand und Pinsel kaufen kann oder künstlerisch-kreativ werden soll, sondern dass im Sinne eines demokratischen Miteinander jedes Individuum dazu aufgefordert ist, mittels seiner Gedanken sowohl sich selbst zur mündigen Persönlichkeit zu entwickeln als auch durch sein eigenverantwortliches Tun zum gesellschaftlichen Großen und Ganzen beizutragen.

2. Johann Wolfgang Goethe: Gingo biloba, 1819

Dieses Baums Blatt, der von Osten einem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut,

Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt?

Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn,
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?

In diesem Gedicht formuliert Goethe Gedanken, die für Beuys’ Ideen zum einheitlichen Ursprung alles Seienden maßgebend sind. Nach Goethes Ansicht, und Beuys folgt dieser Idee, repräsentiert sich das Universelle in jedem Sein unterschiedslos und gleichrangig; vor der umfassenden Natur wird das All-Eine als aus gemeinsamer Wurzel entstehend verstanden: Mineral, Metall, Kristall, Pflanze, Tier, Gesellschaft, Chaos und Kosmos und mitten drin der Mensch als dessen Teil. Goethes Botanik, die alles Lebendige durch Metamorphose aus einem Ursprung entstanden sein lässt, hat Beuys fasziniert. So auch in diesem Gedicht: „Ist es Ein lebendig Wesen, das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, dass man sie als Eines kennt?“ Friedrich Schiller übrigens hielt die Suche Goethes nach der bestimmbaren Urpflanze, die er als eine außerwirkliche Idee erklärte, für naiv. Beuys trat in diese Auseinandersetzung gedanklich ein, indem er sich auf Goethes Seite des geheimen Sinns und des unteilbaren Seins stellte. Wie Goethe folgt er einer spekulativen Einheit von Natur und Geist und damit der idealistischen Vorstellung einer anima mundi, einer Weltseele. Goethes Gingo biloba, aber auch die Gedichte Weltseele und Eins und Alles stehen also an Beuys’ geistiger Wiege.

3. Joseph Beuys und Michael Ende: Kunst und Politik. Ein Gespräch, 1989

Im Februar 1985 führten Joseph Beuys und Michael Ende auf Einladung der Freien Volkshochschule Argental ein öffentliches Gespräch, das sowohl 1989 als Buch publiziert wurde, als auch heute als Video-Mitschnitt auf Youtube einsehbar ist. Michael Ende soll hier als Repräsentant der Anthroposophie von Rudolf Steiner stehen – die dritte geistige Strömung, neben Sartres Existenzialismus und Goethes universellem Einheitsgedanken, die Beuys’ Weltbild maßgeblich geprägt hat.

Beuys und Ende haben sich beide mit Steiners Überlegungen zu einer Heilung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der „Dreigliederung des sozialen Organismus“ beschäftigt. Steiners Eintreten für ein freies Geistesleben jenseits nationalstaatlicher Interessen, für die demokratische Gleichberechtigung im Rechtsleben und für ein solidarisch-geschwisterliches Wirtschaftsleben geriet damals zwischen die Räder rechter und linker Ideologen. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges gehörte Beuys zu den wenigen, die sich immer wieder mit den politischen Ideen Steiners beschäftigten. Sie zogen sich durch sein ganzes Leben und Werk und wurden besonders greifbar in dem, was er in den späten 1960er Jahren als seinen „Erweiterten Kunstbegriff“ formulierte und zur Idee der „Sozialen Plastik“ erweiterte.

Auch bei Michael Ende liest man diese gedanklichen Grundierungen. Beide, Beuys und Ende, hatten Überlegungen dazu angestellt, inwiefern die Kunst in die Politik eingreifen soll und kann. Beuys erweiterte den Kunstbegriff dahingehend, dass der soziale Organismus selbst sein Gestaltungsfeld darstellt, den er durch Beteiligung aller zu einer zukünftigen, unsichtbaren Skulptur entwickelt. Michael Ende fasst den Kunstbegriff etwas enger. Seiner Auffassung nach haben die Künstler die spezielle Aufgabe, bewusstseinsbildende Bilder oder Überlegungen anzubieten, die die zukünftige Gesellschaftsordnung für die Menschen überhaupt wünschenswert oder notwendig erscheinen lässt.

Der Dialog zwischen Beuys und Ende fand ein Jahr vor Beuys’ Tod statt. Es ist eines der späten und wichtigen Dokumente seiner gesellschaftspolitischen Überlegungen.

4. Jacques Rancière: Das Unvernehmen, 2002

Eine Vielzahl der derzeit im Lenbachhaus ausgestellten Zeichnungen von Joseph Beuys geben Aufschluss über das politische Engagement des Künstlers. Besonders deutlich tritt dies am Beispiel einer von ihm gestalteten Plastiktüte zu Tage. Die darauf gedruckte Grafik wirbt für eine Abkehr vom Parteiensystem, ein ihr beigelegtes Informationsblatt bekräftigt diese Forderung. Beuys verteilte diese Tüten im Sommer 1971 in der Kölner Innenstadt und warb damit für den Eintritt in seine „Organisation der Nichtwähler“, die sich für die direkte Volksabstimmung nach Schweizer Modell einsetzte.

Kritik an der parlamentarischen Demokratie sowie ein tiefes Misstrauen gegenüber politischer Repräsentation scheint auch fast 50 Jahre nach Beuys’ Werbeaktion die gesellschaftspolitische Realität zu bestimmen: Wutbürger verleihen ihrem Ärger über einen scheinbar unüberwindbaren Abstand zwischen politischen Eliten und dem Volk öffentlichkeitswirksam Ausdruck. Nun soll Beuys nicht mit Entwicklungen in Verbindung gebracht werden, die er weder vorhergesehen noch miterlebt hat.

Dennoch lohnt es sich, seine vielfach vorgebrachten Äußerungen – beispielsweise in Form von Notizen auf Zeichnungen – genauer in den Blick zu nehmen. Als Werkzeug dazu kann Jacques Rancières Buch Das Unvernehmen (2002) dienen. Denn der Autor setzt darin dem unbedingten Glauben an eine Authentizität des Volkskörpers, der bei Beuys in Sätzen wie „Regiert euch selbst!“ zum Ausdruck kommt, eine kritische Perspektive entgegen. Rancière warnt davor, das Volk als homogene Einheit zu affirmieren und wendet sich gegen die Vorstellung einer authentischen Identität des demos. Stattdessen fordert er, die jeweils spezifische Qualität von Gemeinschaft kritisch zu befragen. Für ihn kann Gemeinschaft nie als Ganzes, sondern nur im Kleinen, also als Repräsentation, konkrete Gestalt annehmen und einen einheitlichen Willen formulieren. Rancière verteidigt den Dissenz, der aus der Spaltung von Repräsentierten und Repräsentation hervorgeht: Nur durch den permanenten Aushandlungsprozess und die Freiheit, in einer Demokratie immer alles öffentlich infrage stellen zu können, würde sich die Demokratie immerzu selbst erneuern – und damit am Leben erhalten.

5. Lenbachhaus: Joseph Beuys im Lenbachhaus und Schenkung Lothar Schirmer, 2013

Die Hinwendung des Lenbachhauses zur Kunst von Joseph Beuys begann mit dem Erwerb des Environments zeige deine Wunde (1974/75) im Jahr 1979. Der Ankauf löste in München eine Debatte über den Wert von zeitgenössischer Kunst aus. Ebenso hielt mit Beuys ein Künstler Einzug in die Sammlung, der keine biografische Verbindung zur Stadt München vorweisen konnte. Letztendlich setzten sich die Befürworter des Ankaufs durch und Beuys konnte im Januar 1980 sein Werk persönlich im Lenbachhaus installieren. Der Erwerb markierte eine Wende in der Sammlungstätigkeit des Hauses. Mit seinem Schwerpunkt auf internationale Gegenwartskunst hat es sich als eines der profiliertesten Museen in Deutschland auf diesem Gebiet entwickelt.

2012 gelang es, mit vor dem Aufbruch aus Lager I (1970/80) ein weiteres Environment von Beuys in die Sammlung aufzunehmen. Die beiden Environments sind dauerhaft im Lenbachhaus ausgestellt und bilden einen wunderbaren Referenzpunkt, durch den sich der Blick auf seine Blätter perspektivieren lässt. Ergänzt werden die raumgreifenden Arbeiten in der Dauerausstellung durch Plastiken des Künstlers, die der langjährige Beuys-Sammler Lothar Schirmer dem Museum zur Verfügung stellte. Im Jahr 2013, passend zur Wiedereröffnung des Lenbachhauses, konnte den Besucherinnen und Besuchern eine mit Schlüsselwerken bestückte Beuys-Sammlung präsentiert werden. Das zu diesem Anlass veröffentlichte Buch Joseph Beuys im Lenbachhaus und Schenkung Lothar Schirmer (2013) liefert Texte von Helmut Friedel, Lothar Schirmer sowie Beuys selbst, in denen sich die Autoren mit der langjährigen Verbindung zwischen der Institution und dem Künstler auseinandersetzen. Abgerundet wird das Buch durch zahlreiche Abbildungen und Erläuterungen zu den Werken. Ein Muss für Beuys-Liebhaber – und alle, auf dem Weg dorthin!

Noch bis zum 18. März 2018 haben Sie die einmalige Gelegenheit, Beuys’ Plastiken im Kontext seines zeichnerischen Werks zu betrachten.

Eva Huttenlauch ist Sammlungsleiterin für den Bereich Kunst nach 1945 am Lenbachhaus und Co-Kuratorin der Ausstellung Joseph Beuys. Einwandfreie Bilder 1945-1984. Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Lothar Schirmer.

Sebastian Schneider ist wissenschaftlicher Volontär am Lenbachhaus.

Veröffentlicht am 21. Februar 2018

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