Kochel – Gerade Straße von Wassily Kandinsky

Details

  • Datierung
    1909
  • Objektart
    Gemälde
  • Material
    Öl auf Pappe
  • Maße
    32,9 cm x 44,6 cm
  • Signatur / Beschriftung
    rückseitig von Gabriele Münter: Kandinsky; Naturstudie | Murnau 1909
  • Ausgestellt
    In "Gruppen­dynamik"
  • Inventarnummer
    GMS 45
  • Zugang
    Schenkung 1957
  • Creditline
    Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957
  • Zitiervorschlag / Permalink
    Wassily Kandinsky, Kochel – Gerade Straße, 1909, Öl auf Pappe, 32,9 cm x 44,6 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957
    https://www.lenbachhaus.de/entdecken/sammlung-online/detail/kochel-gerade-strasse-30017628

Werktext

"Kochel - Gerade Straße" zeigt eine rigorosere Vereinfachung des Gegenständlichen als alle hier vorgestellten, vorausgehenden Bilder Wassily Kandinskys. Schnurgerade führt eine hellblaue Straße auf die spitze, dunkelblaue Dreiecksform eines Berges in der Bildmitte zu. Die Formationen der Landschaft sind auf ihre geometrischen Grundstrukturen reduziert und zu wenigen, flächenhaften Elementen zusammengezogen.
In keiner anderen Periode ihrer künstlerischen Entwicklung waren sich die Bilder der Weggenossen Kandinsky, Gabriele Münter und Alexej Jawlensky so ähnlich wie in den Murnauer Jahren um 1909. Eine verwandte Auffassung von der "Synthese" des Bildes – der Ausdruck stammt von Jawlensky –, von der Reduktion der Einzelformen und der Abkürzung und Intensivierung der Mittel zum "Geben eines Extrakts" (Münter) zeichnet insbesondere ihre Landschaftsstudien aus. "Naturstudie aus Murnau I" von Kandinsky lassen sich etwa die "Murnauer Landschaft" Jawlenskys von 1909 und Münters "Gerade Straße" von 1910 (Privatbesitz) vergleichend zur Seite stellen.
Während auch für sie die Verwendung von dunklen Umrisslinien für die verschiedenen Bildelemente charakteristisch ist, sind in der vorliegenden Studie Kandinskys nicht nur die Berge im Hintergrund von braunen Konturen eingefasst, sondern ähnliche Linien verselbstständigen sich zu eigenen graphischen Kürzeln für Bäume und für die beiden Feldarbeiter links der Straße. Die Gleichwertigkeit der Linie als beschreibende Kontur und als eigene Figur, die Kandinsky hier bereits einführt, wird später zu ihrer völligen Unabhängigkeit im bildnerischen Prozess führen. Auch in dem freien, die straffe Organisation der Formen unterlaufenden Farbauftrag findet sich ein irrationaler Zug, der Kandinskys Landschaftsstudien von denen seiner Künstlerfreunde unterscheidet. Die Nähe von Kandinskys Landschaftsmalerei um 1909 bis 1913 zu seinen anspruchsvoll verschlüsselten, abstrakten Gemälden demonstriert auch die "Hauptfigur" des Bildes: der bedeutungsvoll aufragende blaue Berg mit der weißen Flanke, der, leicht aus der Symmetrie gerückt, mit knapp vom Bildrand überschnittener Spitze die Mitte des Bildes besetzt. In ähnlich hieratischer Form findet er sich nicht nur in weiteren Murnauer Landschaftsbildern, sondern auch im rätselhaften "Berg" von 1909 oder noch als schwaches Echo in Kandinskys berühmter "Impression VI (Park)" von 1911 (Centre Georges Pompidou, Paris).

Werktext aus: Friedel, Helmut; Hoberg, Annegret: Der Blaue Reiter im Lenbachhaus München. Prestel Verlag, 2007.

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