Alfred Kubin, Der Zar bei den Gräbern seiner Vorfahren, 1905

Der Zar bei den Gräbern seiner Vorfahren von Alfred Kubin

© Eberhard Spangenberg, München/VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Datierung
1905
Objektart
Zeichnung / Arbeit auf Papier
Material
Aquarell in Kleistertechnik, Gouache, Kreide
Maße
24 cm x 34,2 cm
Signatur / Beschriftung
u. r.: AKubin
Ausgestellt
Nein
Inventarnummer
Kub 284
Zugang
Ankauf 1971
Creditline
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Zitiervorschlag / Permalink
Alfred Kubin, Der Zar bei den Gräbern seiner Vorfahren, 1905, Aquarell in Kleistertechnik, Gouache, Kreide, 24 cm x 34,2 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, © Eberhard Spangenberg, München/VG Bild-Kunst, Bonn 2018
https://www.lenbachhaus.de/entdecken/sammlung-online/detail/der-zar-bei-den-graebern-seiner-vorfahren-30032339

Werktext

Nach der Periode der frühen Tuschfederzeichnungen mit den aufsehenerregenden, häufig schockierenden Themen von Gewalt und Sexualität aus den "Folterkammern des Unbewussten" folgte für Kubin ab 1904 eine Phase der Umorientierung, die bis 1908 andauern sollte. Im Frühjahr 1905 begab er sich auf der Suche nach neuen künstlerischen Anregungen nach Wien, wo er mit Mitgliedern der 'Wiener Sezession', unter anderem mit Koloman Moser, zusammentraf. Dieser machte Kubin mit seiner Technik der Kleisterfarbenmalerei bekannt, mit der er ornamentale Effekte und seltene Farbschattierungen erzielte.

In der folgenden Zeit schuf Kubin zahlreiche solcher Kleisterfarbenbilder und stellte bereits im Juni dieses Jahres eine große Anzahl von ihnen in einem Münchner Kunstsalon aus. Auch "Der Zar bei den Gräbern seiner Vorfahren" gehört zu dieser ersten Serie. Die Figur und das fantastische Monument rechts daneben erscheinen vor dem diffus-märchenhaften, wie durch Abklatsch-Verfahren gewonnenen, ockergrauen Grund umso exotischer.

Kubin schrieb in seiner Selbstbiografie von 1911 zu den Kleisterfarbenexperimenten: "Ich beschäftige mich eingehend mit dem neuen Verfahren, und es gelang mir eine ganze Reihe in allen Farben schillernder und funkelnder Bilder. Zauberwälder, Blumen, Fische und Vögel, wie in einen Regenbogen getaucht, orientalische Kostüme, wie aus Schmuck und Schmetterlingsflügeln zusammengesetzt, konnte man besonders gut geben." Bei der Darstellung des Zaren nutzte der Künstler die Mittel der Kleisterfarben für eine prachtvolle ornamentale Entwicklung des wie ein Pfauengefieder schimmernden kaiserlichen Gewandes.

Auf dem Kenotaph im Hintergrund steht ein plumpes Tier mit gesenktem Kopf, das beinahe wie eine Parodie auf das gewaltige Pferde-Monument in einem der letzten Blätter seines berühmten Frühwerks "Vor den Stufen" vom Beginn des Jahres 1905 wirkt. Seine Aura verstärkt die unheimliche Atmosphäre des "Zaren bei den Gräbern seiner Vorfahren", dessen Darstellung nicht zuletzt wie eine ironische Metapher für Dekadenz und Sehnsucht nach vergangener Historie wirkt, ein Topos, mit dem sich Kubins Spätwerk in vielfacher Hinsicht beschäftigen wird.