Alfred Kubin, Der Luftgeist, 1912

Der Luftgeist von Alfred Kubin

© Eberhard Spangenberg, München/VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Datierung
1912
Objektart
Zeichnung / Arbeit auf Papier
Material
Feder, Tusche, Kreide, Gouache, Aquarell, Einfassungslinie auf Katasterpapier
Maße
20 cm x 36,1 cm
Signatur / Beschriftung
u. r.: Juli 1912 Kubin für Frl. Münter
Ausgestellt
Nein
Inventarnummer
GMS 701
Zugang
Schenkung 1957
Creditline
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957
Zitiervorschlag / Permalink
Alfred Kubin, Der Luftgeist, 1912, Feder, Tusche, Kreide, Gouache, Aquarell, Einfassungslinie auf Katasterpapier, 20 cm x 36,1 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957, © Eberhard Spangenberg, München/VG Bild-Kunst, Bonn 2018
https://www.lenbachhaus.de/entdecken/sammlung-online/detail/der-luftgeist-30012339

Werktext

In Kubins Zeichnungen seit etwa 1912 lassen sich für mehrere Jahre deutliche Einflüsse von Paul Klee feststellen, seines Künstlerkollegen aus dem Umkreis des 'Blauen Reiter', der damals ebenfalls ausschließlich als Zeichner arbeitete. Einige Quellen weisen darauf hin, dass Kubin Klee bereits seit 1905 kannte; fest steht, dass er im November 1910 Klee erstmals schriftlich bat, eine Zeichnung von ihm erwerben zu können. Daraus entwickelte sich im Anschluss ein reger Kontakt und gegenseitiger Austausch von Zeichnungen. Besonders beeindruckt zeigte sich Kubin von den Illustrationszeichnungen Paul Klees zu Voltaires "Candide", an denen dieser seit 1911 arbeitete und sie im Juni 1912 als fertige Serie zu Kubin nach Zwickledt brachte. Jürgen Glaesemer hat diese nachhaltigen Einflüsse vorbildlich analysiert und stellt zusammenfassend fest: "Die Wirkung der Candide-Illustrationen auf Kubins Zeichenstil ist frappant. Klees Zeichnungen regten ihn dazu an, die Figuren seiner Darstellungen in einem äußerlich sehr verwandten Stil gleichfalls zu marionettenhaften Schemen zu entmaterialisieren."

Während viele dieser Zeichnungen in einer kalligrafischen Handschrift von "äußerster Verdünnung" als "Vision … in der Luft wie ein halber Gedanke" zittern (Wilhelm Hausenstein), so zeigt sich in der Zeichnung "Der Luftgeist" ein weiterer neuer Einfluss. Seit Ende 1911 stand Kubin ebenfalls mit Lyonel Feininger in Berlin in regem Schrift- und Tauschverkehr; diese Bekanntschaft war durch den Zeichner Rudolf Grossmann vermittelt worden. In vielen Werken Kubins der Jahre 1912-15 überlagern sich die Anregungen von Klee und Feininger, wobei gerade die typische, eckige Kontur auf die damals noch fast karikaturhafte Zeichenkunst Feiningers zurückgeht. Die eckige, übersteigert expressive Gestik der seltsamen männlichen Halbfigur im Vordergrund wiederholt sich in der Armhaltung des "Luftgeists" zwischen den Schemen der Erscheinungen am Himmel. Sind die Formen auch teilweise von seinen Künstlerfreunden inspiriert, so gehört das figürliche Personal ganz in das Repertoire der 'kubinesken' Chimären.

Der "Luftgeist", laut Widmung im Juli 1912 an Gabriele Münter geschenkt, kam ebenso wie das Blatt "Begegnung" nicht durch den Ankauf des Kubin-Archivs, sondern durch die Gabriele Münter-Stiftung in die Bestände des Lenbachhauses.