Datierung
1907
Objektart
Gemälde
Material
Tempera auf Leinwand
Maße
130 cm x 162,5 cm
Signatur / Beschriftung
u. l.: Kandinsky 1907
Ausgestellt
Inventarnummer
FH 225
Zugang
Leihnahme 1972
Creditline
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Leihgabe der BayernLB
Zitiervorschlag / Permalink
Wassily Kandinsky, Das Bunte Leben, 1907, Tempera auf Leinwand, 130 cm x 162,5 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Leihgabe der BayernLB
https://www.lenbachhaus.de/entdecken/sammlung-online/detail/das-bunte-leben-30036433
  • Der Blaue Reiter
  • Expressionismus

Werktext

Das große, vielfigurige Temperabild "Das bunte Leben", Anfang des Jahres 1907 in Sevres gemalt, ist das letzte von Wassily Kandinskys frühen poetischen Bildern und kann durch seine Bedeutung und das große Format als das Hauptwerk dieser Gruppe gelten. Mit einer Fülle von altrussischen Figuren breitet der Maler hier ein vielfältiges Panorama von Situationen des menschlichen Lebens aus und zieht damit gleichsam eine Summe der märchenhaft-phantastischen, rückwärts gewandten Motive seines Frühwerks. Im emailhaft leuchtenden Mosaik der einzelnen Farbpartikel verharren die Figuren wie Chiffren für Geburt und Tod, Glaube und Kampf, Liebe und Abschied seltsam gebannt vor dem flächigen Grund, der die räumlichen Verhältnisse ins Unbestimmten lässt. Im Hintergrund thront hoch über dem Fluss auf rundem Berg die Kremlstadt.

Einzelne der typisierten altrussischen Figuren sind wie Versatzstücke bereits auf früheren Bildern und Holzschnitten, etwa dem "Bewegten Leben" von 1903, vorgekommen. Kandinsky selbst hat in einer Äußerung seiner "Rückblicke" sein Gemälde "Das bunte Leben" mit dem Temperabild "Ankunft der Kaufleute" von 1905 und der wichtigen späteren "Komposition 2" von 1910 in Beziehung gesetzt: Alle drei hätten auf verschiedene Weise und zunächst unbewusst die Essenz einer frühen Fiebervision zum Ausdruck gebracht. Während die "Ankunft der Kaufleute" ein ähnlich buntes, erzählerisch noch präziser motiviertes Gemisch russischer Figuren zeigt, ist der Hinweis auf die beinahe ungegenständliche, formal völlig anders geartete Farbenmalerei der "Komposition 2" zunächst überraschend. Doch auch hier beherrschen Glück und Untergang, die Gegensätze des Lebens mit nur noch angedeuteten figürlichen Zeichen das Bild. "Das bunte Leben" war für Kandinsky offensichtlich ein Schritt hin zu neuen formalen Ausdrucksmitteln. Er schrieb später darüber: "Im Bunten Leben", wo die lockende Hauptaufgabe war, ein Durcheinander der Massen, Flecken und Linien zu bringen, habe ich die 'Vogelperspektive' angewendet, damit ich die Figuren übereinander stellen konnte. Um die Fleckenverteilung und die Anwendung der Striche nach meinem Wunsch zu ordnen, musste ich jedes Mal einen perspektivischen Vorwand bzw. eine Entschuldigung finden …" Dies beweist, dass er sich mit den märchenhaften Farbteppichen solcher Fleckenmalerei auf dunklem Grund in quasiabstrakten Sehweisen übte. Auch die traumverlorene Disparatheit und Vereinzelung der Figuren tragen dazu bei, traditionelle formale und inhaltliche Bildzusammenhänge aufzulösen. Wichtig ist dabei, dass die Auflösung der Formen für Kandinsky auch später stets mit komplexen Inhalten voller Symbolik gekoppelt ist. Einige Grundmotive seiner frühen Bilder, wie der Reiter, das Boot, die Kremlstadt, die unbestimmte Begegnung von Figuren, leben in vielfältiger Verrätselung und Transformation in seinen abstrakten Bildern fort. Sie werden zu verschlüsselten Zeichen, die den abstrakten Werken Kandinskys ihre merkwürdige Aura von geheimnisvoller Durchkomponiertheit und Suggestion verleihen.