Alfred Kubin, Begegnung, um 1911

Begegnung von Alfred Kubin

© Eberhard Spangenberg, München/VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Datierung
um 1911
Objektart
Zeichnung / Arbeit auf Papier
Material
Feder, Tusche, Einfassungslinie auf Katasterpapier
Maße
28,3 cm x 18,3 cm
Signatur / Beschriftung
u. r.: Alfred Kubin
Ausgestellt
Nein
Inventarnummer
GMS 700
Zugang
Schenkung 1957
Creditline
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957
Zitiervorschlag / Permalink
Alfred Kubin, Begegnung, um 1911, Feder, Tusche, Einfassungslinie auf Katasterpapier, 28,3 cm x 18,3 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957, © Eberhard Spangenberg, München/VG Bild-Kunst, Bonn 2018
https://www.lenbachhaus.de/entdecken/sammlung-online/detail/begegnung-30012338

Werktext

Nachdem Kubin nach der Niederschrift seines Romans "Die andere Seite" im Winter 1908 endgültig zu dem flüssigen Zeichnungsstil seiner zweiten Lebenshälfte gefunden hatte, erlebte dieser neue, bewegliche, schwarz-weiße Tuschfederstil mit der Herausgabe der Sansara-Mappe 1911 einen ersten Höhepunkt. Einige der Originalzeichnungen aus dem "Sansara-Zyklus", wie "Der Orgelmann", "Zigeunerlager" und "Schlangen in der Stadt" stellte Kubin auf der 2. Ausstellung des 'Blauen Reiter' im Frühjahr 1912 aus. Daneben beschäftigte er sich um diese Zeit mit einer Gruppe von Zeichnungen, die er in seiner Selbstbiografie von 1917 als "unmittelbare Traumstücke" bezeichnet. Stilistisch lassen sich an ihnen gemeinsame Merkmale feststellen, wie die verzerrten Formen der "Erinnerungsfetzen" (Kubin) und ihre biegsamen Umrisse.

Auch die motivisch eher schlichte Federzeichnung "Begegnung" – vergleicht man sie mit dem geheimnisvollen figürlichen Gewimmel vieler gleichzeitiger Blätter – weist die gedehnten Linien nach der Erinnerung fixierter Traumbilder auf. Die Darstellung der Begegnung eines Rehs oder Lamas mit einem unkenntlich verschneiten, zu ihm hingebogenen Baum arbeitet mit ähnlichen Prinzipien des Verbergens und Verhüllens, wie sie Kandinsky für die Verrätselung und letztlich formale Auflösung seiner Bildinhalte einsetzt. Das "Sprechen vom Geheimen durch Geheimes", das Kandinsky im Katalogvorwort der 2. Ausstellung der 'Neuen Künstlervereinigung München' 1910 als ein Postulat für die neue Kunst formulierte, findet in dieser kleinen "Begegnung" ein poetisches Echo. Eine Variante dieses Blattes mit dem Titel "Lama" befindet sich in der Albertina Wien; hier zeichnet sich oben auf dem Baum etwas deutlicher ein geierartiger Vogel ab, zu dem das Huftier emporblickt.

Kubin machte diese Zeichnung Wassily Kandinsky und Gabriele Münter mit einer Widmung zum Geschenk.