Was von 100 Tagen übrig blieb ...

Die documenta und das Lenbachhaus ab

1955 fand in Kassel die erste documenta statt. 2022, 67 Jahre später, wird nunmehr die 15. Ausgabe der Ausstellung eröffnet. Die Ausstellung für 100 Tage galt über lange Zeit als verlässlicher Zustandsbericht über die Kunst ihrer jeweiligen Gegenwart und hat die Sammlungen der Kunstmuseen der Bundesrepublik Deutschland nachhaltig beeinflusst. Was diskutiert, gesammelt und ausgestellt wurde, wurde und wird oft durch die documenta angestoßen. Heute werden die Geschichte der documenta und ihr Gründungsmythos kritisch betrachtet. Besonders die Kontinuitäten vom Nationalsozialismus bis zur jungen Bundesrepublik waren in den letzten Jahren Gegenstand der Forschung und der umfangreichen Ausstellung documenta. Politik und Kunst im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Auch der Status als "wichtigste Ausstellung der Gegenwartskunst der westlichen Welt" wurde ihr bereits vor langer Zeit aberkannt. Dennoch ist die documenta bis heute in all ihrer Widersprüchlichkeit eines der interessantesten Ausstellungsprojekte, das sich durch ein unabhängiges kuratorisches und künstlerisches Team auszeichnet. Durch alle Krisen hindurch, hat die documenta sich als Institution etabliert und durch die Definition neuer Ansprüche, Aufgaben und Strategien immer neu erfunden.

Anlässlich der 15. Ausgabe der documenta 2022 präsentiert das Lenbachhaus die Ausstellung "Was von 100 Tagen übrig blieb... – Die documenta und das Lenbachhaus". Ein Parcours bedeutender Arbeiten aus allen documenta Ausstellungen von der ersten Ausgabe 1955 bis zur vierzehnten im Jahr 2017 dokumentiert, welche Arbeiten "von 100 Tagen" in einer musealen Sammlung sichtbar geblieben sind. Die Ausstellung zeigt am Beispiel des Lenbachhauses in München welch wirkmächtiger Resonanzkörper die documenta in der bundesrepublikanischen Museumslandschaft bis heute ist. Das Lenbachhaus hat bis heute eine besonders enge Verbindung zur documenta. Standen doch bereits bei der ersten Ausgabe 1955 bedeutende Kunstwerke aus dem inneren Kreis des Blauen Reiter im Zentrum des Kasseler Projektes. Gemälde wie Gabriele Münters "Stillleben in Grau", 1910, Franz Marcs "Rehe im Schnee II", 1911, oder Wassily Kandinskys "Parties Divers", 1940, sind heute diejenigen Werke, auf denen die internationale Wertschätzung der Sammlung des Lenbachhauses beruht. Auch bei der documenta II (1959) und III (1964) wurden bedeutende Werke aus der Sammlung Blauer Reiter des Lenbachhauses gezeigt. Mit Fritz Koenigs Skulptur Großes "Votiv K", 1963/64, oder Asger Jorns Gemälde "They never come back", 1958, tätigte das Lenbachhaus erste Ankäufe aus dem Segment der Gegenwartskunst der frühen documenta Ausstellungen. Aus der dezidiert politischen Ausrichtung der documenta IV (1968) gelangte Öyvind Fahlströms großes Panorama zum Vietnamkrieg "Live Curve 2 (Snowfield)", 1967, in die Sammlung des Lenbachhauses. Von Joseph Beuys' erstem Auftritt bei der documenta zeigen wir die "Bienenkönigin I", 1947-52, aus der Sammlung Lothar Schirmer.
Bis heute wird die Strategie des Ankaufs ganzer Werkkonvolute oder -zusammenhänge von der documenta fortgeführt. So gelangte ein gesamter Raum mit vier "shaped canvases" von Ellsworth Kelly von der documenta 9 (1992) in die Sammlung des Lenbachhauses. Von der documenta 13 (2012) finden sich zwei bedeutende Installationen im Lenbachhaus: Ceal Floyers "Till I get it right", 2005, und Tejal Shahs "Between the Waves", 2012, sowie ein Teil von Thomas Bayrles Wandrelief "Carmageddon", 2012. Zuletzt hat die documenta 14 (2017) ihre Spuren mit Gemälden der Malerin Miriam Cahn und Skulpturen von Nevin Aladağ hinterlassen. Das Lenbachhaus ist jedoch auch Leihgeberin für die documenta gewesen. So hat die Kuratorin Catherine David für die documenta X (1997) Gerhard Richters "Atlas" entliehen und im Kasseler Fridericianum programmatisch ins Zentrum ihrer Ausstellung gesetzt.

Die Ausstellung im Lenbachhaus versteht sich als ideale Vor- und Nachbereitung zum obligatorischen Besuch der documenta 15 in Kassel, 2022.

Kuratiert von Matthias Mühling und Eva Huttenlauch

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