Was von 100 Tagen übrig blieb …

Die documenta und das Lenbachhaus ab

1955 fand in Kassel die erste documenta statt. 2022, 67 Jahre später, wird nunmehr die 15. Ausgabe der Ausstellung eröffnet. Die Ausstellung für 100 Tage galt über lange Zeit als verlässlicher Zustandsbericht über die Kunst ihrer jeweiligen Gegenwart und hat die Programmatik und die Sammlungen der Kunstmuseen der Bundesrepublik Deutschland nachhaltig beeinflusst. Dabei ist sie immer auch ein bedeutender Motor der Institutionskritik gewesen: Was diskutiert, gesammelt und ausgestellt wurde, wurde und wird oft durch die documenta angestoßen. Auch in der Ausstellungsgeschichte des Lenbachhauses ist dieser Einfluss deutlich belegt. So wäre beispielsweise unser letztes Projekt, "Gruppendynamik – Kollektive der Moderne" ohne die Documenta11 von Okwui Enwezor nicht denkbar gewesen.

Heute werden die Geschichte der documenta und ihr Gründungsmythos kritisch betrachtet. Besonders die Kontinuitäten vom Nationalsozialismus bis zur jungen Bundesrepublik waren in den letzten Jahren Gegenstand der Forschung und der umfangreichen Ausstellung "documenta. Politik und Kunst" im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Auch der Status als "wichtigste Ausstellung der Gegenwartskunst der westlichen Welt" wurde ihr inzwischen aberkannt. Dennoch ist die documenta bis heute in all ihrer Widersprüchlichkeit eines der interessantesten Ausstellungsprojekte, das sich durch wechselnde kuratorische Teams auszeichnet. So hat sich die documenta trotz aller Krisen als Institution etabliert und durch die Definition neuer Ansprüche, Aufgaben und Strategien immer wieder aktualisiert.

documenta und Zeitgeschichte

Die wohl eindringlichsten Beispiele für die Wechselwirkung zwischen documenta und gesellschaftspolitischem Kontext sind die Reaktion der studentischen Reformbewegungen im Jahr 1968 mit der 4. documenta (1968), die geopolitischen Umwälzungen in der Sowjetunion und deren Einflussbereich mit der documenta X (1997), die Terroranschläge vom 11. September 2001 mit der Documenta11 (2002), der Krieg in Afghanistan mit der dOCUMENTA (13) (2012) oder die Austeritätspolitik der Europäischen Union sowie die Auswirkungen des Krieges in Syrien mit der documenta 14 (2017). Kuratieren heißt im besten Sinne eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Ästhetik und politischer Relevanz. Schon die erste documenta hatte mit ihrer Auslegung zur Nachkriegsordnung, dem Ost-West-Konflikt, eine Stoßrichtung vorgegeben, aus der die deutschen Museen ihre Agenden in den folgenden Jahren ableiteten. Unabhängig also davon, wie stark die documenta-Ausstellungen kritisiert wurden oder werden, ist es offensichtlich, dass der Einfluss auf die Museen – direkt oder mit zeitlicher Verzögerung – weitreichend war und ist. Es scheint fast offensichtlich, dass Museen ihre Kontinuität dazu nutzen konnten, die vielfache Vorreiterrolle der documenta zu reflektieren. So ist bei aller Kritik an den jeweils einzelnen Konzepten der documenta-Ausgaben doch anzuerkennen, dass die Museen durch diese Reflektion interessanter und relevanter geworden sind.

documenta und Lenbachhaus

Nun präsentiert das Lenbachhaus anlässlich der documenta fifteen 2022 die Ausstellung "Was von 100 Tagen übrig blieb... Die documenta und das Lenbachhaus". Ein Parcours bedeutender Arbeiten aus allen documenta-Ausstellungen von der ersten Ausgabe 1955 bis zur 14. im Jahr 2017 dokumentiert, welche Arbeiten "von 100 Tagen" in einer musealen Sammlung sichtbar geblieben sind. Die Ausstellung zeigt am Beispiel des Lenbachhauses in München welch wirkmächtiger Resonanzkörper die documenta in der bundesrepublikanischen Museumslandschaft bis in die Gegenwart ist. Das Lenbachhaus hat bis heute eine besonders enge Verbindung zur documenta. Standen doch bereits 1955 bedeutende Kunstwerke aus dem inneren Kreis des Blauen Reiter im Zentrum des Kasseler Projektes. Gemälde wie Gabriele Münters "Stillleben in Grau" (1910), Franz Marcs "Rehe im Schnee II" (1911), oder Wassily Kandinskys "Parties diverses" (1940), sind heute diejenigen Werke, auf denen die internationale Wertschätzung der Sammlung des Lenbachhauses beruht. Auch bei der II. documenta (1959) und documenta III (1964) wurden bedeutende Werke aus der Sammlung Blauer Reiter des Lenbachhauses gezeigt. Mit Fritz Koenigs Skulptur "Großes Votiv K" (1963/64), oder Asger Jorns Gemälde "They never come back" (1958), tätigte das Lenbachhaus erste Ankäufe aus dem Segment der Gegenwartskunst der frühen documenta-Ausstellungen. Aus der politischen Ausrichtung der 4. documenta (1968) gelangte Öyvind Fahlströms großes Panorama zum Vietnamkrieg "Live Curve 2 (Snowfield)" (1967) in die Sammlung des Lenbachhauses. Von Joseph Beuys' erstem Auftritt bei der documenta zeigen wir die "Bienenkönigin I" (1947-52) aus der Sammlung Lothar Schirmer.

Bis heute wird die Strategie des Ankaufs ganzer Werkkonvolute oder -zusammenhänge von der documenta fortgeführt. So gelangte ein gesamter Raum mit vier "shaped canvases" von Ellsworth Kelly von der DOCUMENTA IX (1992) in die Sammlung des Lenbachhauses. Von der dOCUMENTA (13) (2012) finden sich zwei bedeutende Installationen im Lenbachhaus: Ceal Floyers "Till I get it right" (2005) und Tejal Shahs "Between the Waves" (2012) sowie ein Teil von Thomas Bayrles Wandrelief "Carmageddon" (2012). Zuletzt hat die documenta 14 (2017) ihre Spuren mit Gemälden der Malerin Miriam Cahn und Skulpturen von Nevin Aladağ hinterlassen. Das Lenbachhaus ist jedoch auch Leihgeberin für die documenta gewesen. So hat die Kuratorin Catherine David für die documenta X (1997) Gerhard Richters "Atlas" (seit 1962) entliehen und im Kasseler Fridericianum programmatisch ins Zentrum ihrer Ausstellung gesetzt.

Eine These wäre also, dass die documenta einen großen Einfluss auf das Lenbachhaus und sicherlich auch auf die gesamte Museumslandschaft der Bundesrepublik Deutschland hatte und hat. Für das Lenbachhaus ist die Schnittmenge klar und nahezu ausschließlich durch Werke westeuropäischer und nordamerikanischer Künstler*innen ablesbar. So könnte eine weitere These lauten, dass die unterschiedlichen Themenschwerpunkte der documenta-Ausstellungen auf die deutlich enger gefassten Sammlungskonzepte der jeweiligen Museen heruntergebrochen wurden. Beispielhaft hierfür ist die Documenta11 von Okwui Enwezor. Die von ihm initiierte Öffnung zu einer Kunstproduktion aus Ländern, die bisher kaum bei der documenta vertreten waren, bildete sich in der Sammlungspolitik des Lenbachhauses lange Zeit nicht ab. Erst durch eine Schenkung im Jahr 2020 kam mit Tejal Shahs "Between the Waves" das erste "documenta-Werk" einer Künstlerin, die nicht in Europa oder den USA lebt und arbeitet, ins Haus.

Kuratiert von Matthias Mühling, Eva Huttenlauch und Dierk Höhne

Werke