Rochelle Feinstein. I made a terrible mistake

07.06.2016 – 18.09.2016

"I Made A Terrible Mistake", "Find your Own Damn Voice", "Wrong!". Wie diese drei Werktitel vermuten lassen, haben die Werke der US-amerikanischen Künstlerin Rochelle Feinstein (*1947) viel zu sagen. Und sie sind äußerst eigensinnig.

Über mehr als dreißig Jahre hat die gebürtige New Yorkerin, langjährige Professorin für Malerei und Drucktechnik an der Yale University, ein Werk entwickelt, das sich mit den kulturellen und politischen Zusammenhängen des Kunstmachens im Allgemeinen und der Malerei im Besonderen auseinandersetzt.

Bevor Feinstein sich zu Beginn der 1980er Jahre ganz der Malerei zuwendete, arbeitete sie als Modezeichnerin und Werbeillustratorin. Aus dieser Erfahrung schöpft sie ein tiefgreifendes Verständnis der wechselseitigen Bedingung von Bild und Text. Sprache – als Ausruf, als Ansage, als Klischee – drängt von allen Seiten in Feinsteins Werk: Titel sind teils in der Ich-Form, teils als Aufforderung formuliert; ab den späten 1990er Jahren erscheinen Sprechblasen in ihren Bildern.

Der Schwerpunkt der Ausstellung am Lenbachhaus liegt auf Feinsteins Malerei-Serien und -Installationen, die seit Mitte der 1990er Jahre entstehen.

In der Serie "The Wonderfuls" (1990–1997) beispielsweise wendet die Künstlerin das Phrasenhafte des im Amerikanischen überstrapazierten Adjektivs "wonderful" auf die Malerei an. Die entstandenen Bilder versuchen keineswegs etwas wahrhaft Wundervolles abzubilden. Vielmehr nutzen sie das Unvermögen von Sprache als eine Art Chiffre für den malerischen Prozess. Klischees werden von Feinstein nicht gemieden, sondern mit offenen Armen begrüßt.

In "Before And After" (1999) begegnet uns die Malerei als entmystifizierter Vorgang, der als ein Stück Stoff (der Leinwand) beginnt und als verpacktes Objekt auf dem Lagerregal endet. Feinstein thematisiert hier die Materialität und Sperrigkeit des malerischen Mediums und stellt zudem die Frage nach der Bedeutung von Kunst, die kein Publikum hat.

"The Estate of Rochelle F." (Der Nachlass der Rochelle F., 2010) wiederum, ist Feinsteins‚ prä-posthumer’ Nachlass, den die Künstlerin als Reaktion auf die Finanzkrise von 2008 schuf. Für die Herstellung der "Estate"-Arbeiten verbot sich Feinstein, neues Material zu kaufen und verwendete stattdessen, was sie zur Hand hatte: Putzlappen, sperrige Geburtstagsgeschenke und einige ihrer älteren Kunstwerke. Mit gewohnt trockenem Humor adressiert Feinstein mit dem "Estate" die Endlichkeit des Lebens angesichts der Beständigkeit des Nippes, der uns begleitet.

Hierarchische Unterscheidungen zwischen kulturellen Bezugspunkten lösen sich in Feinsteins Händen in Wohlgefallen auf: Piet Mondrian und Michael Jackson, die Mona Lisa und das Smiley Face, das Quadrat Kasimir Malewitschs und das I ♥ NY-Logo begegnen sich auf Augenhöhe. Diese Gleichschaltung vermeintlich unterschiedlicher Werteregister ist indes nicht als Grenzüberschreitung, sondern vielmehr als Entsprechung zu unserer täglichen, von Bildern und Sprachegeformten Realität zu verstehen.

Die Ausstellung am Lenbachhaus ist eines von vier Kapiteln eines Gemeinschaftsprojekts mit dem Centre d‘Art Contemporain Genève, der Kestner Gesellschaft, Hannover und dem Bronx Museum of the Arts, New York.

Kuratiert von Stephanie Weber

Stimmen

"Platzende Kondome und bunte Sprechblasen – Auftritt einer ungewöhnlichen Malerin. 'Malerei ist nicht genug für mich, wirklich nicht. Ein offenherziges Bekenntnis, das sich seit geraumer Zeit bei Rochelle Feinstein in einer ebenso rotzigen wie reflektierten und süffisanten Bildsprache niederschlägt." (Art Magazin)

"Wie kommt es, dass eine der großartigsten Malerinnen der Gegenwart erst mit fast 70 Jahren ihre erste Einzelausstellung hat? – [...] Andere Künstler haben Erfolg, Rochelle Feinstein hat die besseren Fragen." (Monopol Magazin)

"[...] Viele Jahre war die New Yorker Künstlerin Rochelle Feinstein fast unbekannt. Im Münchner Lenbachhaus bekommt die Malerin nun endlich ihre erste Museumsausstellung. Diese zeigt ein Werk voller Ironie, Finesse und Doppelbödigkeit."(Süddeutsche Zeitung)

"[...] unangepasste Malerin Rochelle Feinstein in einer so großen wie aufregenden Retrospektive zu entdecken. [...] Eine intellektuelle Weise des Kunstmachens [...] die Auseinandersetzung mit abstrakter Malerei, dort mit konzeptueller Kunst, mit dem Bildauftritt in Kunsträumen, mal ist es das Spiel mit der Sprache der Werbung, dann wieder mit Pop als kulturellem Lebens- und Wohlfühlraum, die Problematisierung des Gender-Themas, die Unlust an der Dramaturgie der klassischen Künstlerinszenierung." (Die WELT)