After the fact

Propaganda im 21. Jahrhundert 20.05.2017 – 17.09.2017

"Die beste Propaganda erscheint im Gewand des Entertainments." (N.J. O'Shaughnessy)

Propaganda wird gemeinhin als eine für die aufgeklärte Öffentlichkeit durchschaubare und eher krude Strategie der Manipulation verstanden, die in totalitären oder autoritären Staaten stattfindet. Im Westen denkt man an den deutschen Nationalsozialismus, das Stalinistische Russland oder Nordkorea und den sogenannten Islamischen Staat.

Doch bereits in den 1920er Jahren beschrieb Edward Bernays Propaganda als der Werbung wesensverwandt. Der Neffe Sigmund Freuds wandte die tiefen-psychologischen Theorien seines Onkels auf das von ihm mitbegründete Feld der PR (Öffentlichkeitsarbeit) an, welches er als eine Mischung aus Kriegsführung und strategischer Verführung verstand. Für Bernays war Public Relations schlicht ein weniger verdächtiger Name für Propaganda. Knapp vierzig Jahre später befand der italienische Regisseur und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini, dass die faschistische Propaganda die Gesellschaft weniger durchdrungen hatte als jene des Kapitalismus, die mithilfe der Massenmedien Konsum als neuen Lebensstil inszenierte. Dies spiegelte die etwas früheren Thesen des französischen Soziologen Jacques Ellul wider, der "lifestyles" an sich als westliche Propaganda bezeichnete. In den 1980er Jahren wiederum bringen Feministinnen wie die amerikanische Autorin und Kunstkritikerin Lucy R. Lippard eine andere Auffassung von Propaganda ins Spiel, die diese als Möglichkeit für den Feminismus und eine sozial engagiertere Kunst in Anspruch nimmt.

Mit dem 21. Jahrhundert beginnt eine neue Ära der Propaganda. Geopolitische Ereignisse wie der von George W. Bush erklärte "War on Terror", die Kriege im Nahen Osten und die Einführung der Gemeinschaftswährung der Europäischen Union, begleitet von der aggressiven Globalisierung nach 1989 und der rasanten Entwicklung der digitalen Technologien, haben über die Jahre zu verhärteten – und als verhärtet dargestellten – Fronten geführt: Kontrastpaare wie Freiheitskämpfer und Terroristen, Wutbürger und Lügenpresse, politische und wirtschaftliche Flüchtlinge, die Europäische Union als "Wunschziel" (für viele Geflüchtete) und Fluchtgrund (Brexit) prägen die öffentliche Diskussion.

Zuletzt hat der weit verbreitete Einsatz von rechtskonservativen Verschwörungs-theorien in den USA die ideologischen Koordinaten von Institutionen sichtbar gemacht, die lange als neutral und objektiv betrachtet wurden. Die Präsenz von ideologischer Propaganda und Kontrollmechanismen in allen Lebensbereichen ist in Form von Begriffen wie dem Postfaktischen, den "Fake News" und den "alternativen Tatsachen" in der breiteren Öffentlichkeit zum Tragen gekommen.

Das Ausstellungsprojekt "After the Fact" möchte den Propagandabegriff vor dem Hintergrund gesellschaftlicher, politischer und medialer Entwicklungen des 21. Jahrhunderts neu betrachten. Dabei soll Propaganda nicht als selbstverständliches Übel betrachtet werden, als krude, als erkennbar, als passé, sondern als komplexes und potenziell so hilfreiches wie problematisches Denk- und Analysewerkzeug. Dementsprechend finden die in der Ausstellung vereinten künstlerischen Arbeiten unterschiedlichen, mal expliziten, mal abstrakten Umgang mit heutigen Formen von Propaganda und den porösen Grenzen zwischen Realität und Fiktion, die dem digitalen Zeitalter zu eigen sind. "After the Fact" reflektiert die Auseinandersetzung mit dem Propagandabegriff als Möglichkeit für aktuelle künstlerische und politische Diskurse und die Kunst sowohl als mögliches Vehikel und Hindernis für unterschiedliche Arten von Propaganda.

Mit Sandow Birk, Hannah Black, Bradley Davies, Carmen Dobre-Hametner, Işıl Eğrikavuk + Jozef Amado, Beate Engl, Harun Farocki, Hans-Peter Feldmann, Samuel Fosso, Coco Fusco, Cindy Hinant, Alfredo Jaar, Marika Kandelaki, Wolfram Kastner + Günter Wangerin, John Miller, Marge Monko, Carlos Motta, Khalil Rabah, Julian Röder, Aura Rosenberg, Zoë Sheehan Saldaña, John Smith, Sean Snyder, Nancy Spero, Jonas Staal, Luis Velasco Pufleau + Sergio Santamaría Borges, Franz Wanner.

Kuratiert von Stephanie Weber
Kuratorische Assistenz: Sebastian Schneider
Ausstellungsarchitektur: Marina Correia
Ausstellungsgrafik: strobo B M

Mit freundlicher Unterstützung des Förderverein Lenbachhaus e.V.

Stimmen

"Die überwiegende Zahl der Exponate befasst sich nicht unmittelbar mit den Methoden der Propaganda, sondern mit der ideologiekritischen Reflexion ihrer Auswirkungen. Im Verzicht auf plakative Thesen erfordert die sorgfältig komponierte Ausstellung konzentrierte Aufmerksamkeit. Kunst, Dokumente, Ausstellungsarchitektur und Reader spielen hier äußerst gelungen Hand in Hand." (Heinz Schütz, Kunstforum)

"Manipulationen, leere Versprechungen, die Verwirrungen zwischen Authentischem und Inszenierung – alles das gibt es schon länger, das weiß man eigentlich und erfährt es hier auch am eigenen Leib." (Johan Schloemann, Süddeutsche Zeitung)

"[Es sind] gar nicht so sehr die großen und weithin sichtbaren propagandistischen Ausschläge, die diese Ausstellung so sehenswert machen, sondern eher die kleinen, die wir oft genug nicht bewusst wahrnehmen oder oft genug bewusst übersehen, einfach weil es das Leben erleichtert." (Barbara Teichelmann, IN München)

"Was aber, wenn alle Wahrheit keine Wahrheit mehr ist? Wenn jeder auf seiner Meinung beharrt und die veröffentlichte Meinung nicht die öffentliche ist? Wenn zwischen 'Lügenpresse' und 'Twitter' nur noch der Glaube zählt, aber man wegen der zweifelhaften Faktenlage niemandem mehr glauben mag? So weit die gesellschaftspolitische Voraussetzung und Anlass genug für das Münchner Lenbachhaus und seine Kuratorin Stephanie Weber, das Thema 'Propaganda im 21. Jahrhundert' aufzugreifen und diesem Verwirrspiel mit der Ausstellung 'After the Fact' einen fulminant neuen, künstlerischen Zugang zu geben. [...] Ein gelungener Coup, der im glanzlosen 'Kunstbau' im Zwischengeschoss des U-Bahnhofs Königsplatz im Münchner Museenviertel ideal platziert wurde." (Rosemarie Bölts, Sonntagsblatt)