Franz Marc, Rehe im Schnee II, 1911

Rehe im Schnee II by Franz Marc

Date
1911
Classification
Gemälde
Medium
Öl auf Leinwand
Dimensions
84,7 cm x 84,5 cm
Signature and inscriptions
unbezeichnet
On display
Inventory number
G 14641
Acquisition
Schenkung 1971
Credit line
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Citation / Permalink
Franz Marc, Rehe im Schnee II, 1911, Öl auf Leinwand, 84,7 cm x 84,5 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
https://www.lenbachhaus.de/en/discover/collection-online/detail/rehe-im-schnee-ii-30005189

Werktext

"Rehe im Schnee" ist eines der ersten Werke, in denen sich Franz Marc vom Naturalismus seiner bisherigen Tierdarstellungen löst und eine entscheidende Abwendung von der realistischen Schilderung der Natur vollzieht. Während etwa die "Rehe in der Dämmerung" von 1909 mit spätimpressionistischen Mitteln in ihrer individuellen Erscheinung charakterisiert wurden, sind jetzt die hellbraunen, Anmutigen Arabesken zweier Rehe in die entrückte Welt einer Schneelandschaft eingeschlossen. Das zarte Spiel ihrer Körperlinien – des geneigten Rückens links und des empor- und zurückgewandten Halses rechts – findet sein Echo in den kurvigen, tiefblauen und grünen Verschattungen der Schneepyramide hinter ihnen. Das Phänomen der reinen, quasi-abstrakten Farbe, welche die Erscheinung der Gegenstände transformiert, schildert Franz Marc in einem Brief an August Macke anhand eines ähnlichen Versuchs, der Darstellung seines Hundes Russi: "Mit jedem Mal, mit dem die Farbe reiner wurde,Verschwanden die farbigen Ränder am Hund immer mehr, bis endlich ein reines Farbverhältnis zwischen dem Gelb, dem kalten Weiß des Schnees und dem Blau darin hergestellt war …"

Die durchdachte Verschränkung der formalen Beziehungen, die schwingenden Rhythmen von Tier und Landschaft in einer geschlossenen Dreieckskomposition schaffen hier erstmals eine eigene, über das Zufällige hinausgehende Ordnung und beschwören zugleich die Vision eines Einklangs zwischen der Schöpfung und ihren Kreaturen. Hier, wie auch in den unmittelbar vorausgehenden "Roten Pferden", sucht Marc den Ausdruck und nicht das Abbild. In diesem Sinne schreibt er am 22. Februar 1911 an seine Gefährtin Maria: "Bin sehr fleißig und ringe auch nach Form und Ausdruck. Es gibt keine 'Gegenstände' und keine 'Farben' in der Kunst, sondern nur 'Ausdruck' … Dass es im letzten Grunde auf den 'Ausdruck' ankommt, habe ich auch schon früher gewusst. Aber beim Arbeiten fand ich 'Nebengründe', z.B. 'die Wahrscheinlichkeiten', den schönen Klang der Farbe, die so genannte Harmonie etc. … Aber wir sollten nichts suchen als den Ausdruck im Bilde. Das Bild ist ein Kosmos, der ganz anderen Gesetzen unterliegt als die Natur." Das entscheidende Stichwort von den eigenen Bildgesetzen bleibt damit in unbewusstem Widerspruch zu Marcs Überzeugung, mit den "animalisierten" Formen seiner Kunst "die Symbolik, das Pathos und das Geheimnisvolle in der Natur" erfassen zu können.