Wassily Kandinsky, Improvisation 18 (mit Grabstein), 1911

Improvisation 18 (mit Grabstein) by Wassily Kandinsky

Date
1911
Classification
Gemälde
Medium
Öl auf Leinwand
Dimensions
141 cm x 120 cm
Signature and inscriptions
u. r.: Kandinsky 1911
On display
Inventory number
GMS 77
Acquisition
Schenkung 1957
Credit line
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Citation / Permalink
Wassily Kandinsky, Improvisation 18 (mit Grabstein), 1911, Öl auf Leinwand, 141 cm x 120 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
https://www.lenbachhaus.de/en/discover/collection-online/detail/improvisation-18-mit-grabstein-30012196
  • The Blue Rider
  • expressionism
  • form
  • cemetery

Werktext

Die 'Improvisationen' boten Wassily Kandinsky ein weites Experimentierfeld für die zunehmende Verunklärung des Bildgegenstandes, die für ihn ein wichtiges Mittel im Ringen um das abstrakte Bild war. Abstrakte Malerei, die seinem Bestreben nach neue, immaterielle 'geistige' Inhalte zum Ausdruck bringen sollte, erhält im Schaffen Kandinskys ihre bedeutungsvolle Färbung stets über einen komplizierten Prozess der Ablösung vom Gegenstand und den Rudimenten seines "inneren Klangs". Von daher auch lehnte Kandinsky den viel naheliegenderen Weg der geometrischen oder ornamentalen Abstraktion ab.

Auch in einem Gemälde wie "Improvisation 18 (mit Grabstein)" bleiben figürliche Reste erhalten, sie werden jedoch immer weiter in eine Unkenntlichkeit zurückgenommen, gleichsam in tiefere Schichten eingelassen und ihrer konkreten äußeren Gestalt wie auch Bedeutung entkleidet. Einzig ihr "innerer Klang", der – wie der scheinbar absurd losgelöste Sinn eines wiederholt gesprochenen Wortes – als Echo zurückbleibt, lebt fort und füllt das Bild mit einer Vielzahl kaum greifbarer, doch latent vorhandener, erregender Implikationen.

Das Gemälde ist ein beunruhigendes, in Diagonalen übereinander getürmtes Kompendium nicht deutbarer Formen, zwischen denen leere, fahle Zonen die Reste einer Landschaft andeuten mögen. Am rechten unteren Bildrand meint man in einer schmutzig grauen Fläche drei Grabsteine zu erkennen, in der Höhe links scheinen ihnen drei vornübergeneigte Gestalten in zurückweichendem Verharren zu antworten. In der Mitte offenbar eine weitere zusammengedrängte Gestaltengruppe. Vage könnten sich Assoziationen mit dem mittelalterlichen Topos der drei Ritter und ihrer Begegnung mit drei Gräbern einstellen, der Kandinsky sicher geläufig war. Doch die konkrete ikonografische Bedeutung ist nicht mehr wichtig, sondern die geänderte Funktion des Bildes, der auch die Verunklärung der Form dient.

Ein Jahr später schrieb Kandinsky: "Meine persönliche Eigenschaft ist die Fähigkeit, durch das Beschränken des Äußeren das Innere stärker herausklingen zu lassen. Knappheit ist mein liebster Modus. Deshalb treibe ich auch die rein malerischen Mittel nicht auf die Spitze. Das Knappe verlangt das Unpräzise (also keine zu stark wirkende malerische Form – sei es Zeichnung oder Malerei)." Diese Mittel des Abkürzens, der Verschleierung, selbst der gegenseitigen Aufhebung der Farbwirkung setzt Kandinsky in vielen 'Improvisationen' und auch 'Kompositionen' dieser Jahre ein.