Forschung

Provenienzforschung

  

 

PROVENIENZFORSCHUNG

Die Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München untersucht die Provenienzen ihrer Sammlung seit über zehn Jahren. Neben der präzisen Dokumentation aller Erwerbungen ist es das Ziel, Kunstwerke aus ehemaligem jüdischen Besitz oder unrechtmäßig entzogenem Kunstbesitz zu identifizieren und gegebenenfalls an die Erben der rechtmäßigen Besitzer zu restituieren. Die Provenienzforschung konzentriert sich dabei vor allem auf die Zeit des nationalsozialistischen Regimes von 1933 bis 1945; untersucht werden aber auch die späteren Erwerbungen.

Der Kulturausschuss der Stadt München hatte in der Sitzung vom 21. Oktober 1999 beschlossen, dass die Landeshauptstadt München die vom Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien, vom Deutschen Museumsbund und von der Kulturstiftung der Länder erbetene Recherche nach ehemals jüdischem Kunstbesitz in den städtischen Museen unterstützt. Grundlagen hierfür sind die bei der Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust im Dezember 1998 erstellten Grundsätze, die sich anschließende „Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ vom Dezember 1999 sowie die erläuternde Handreichung vom Februar 2001.

In der Handreichung werden Aufgabenstellung und Zielsetzung der Provenienzforschung folgendermaßen zusammengefasst: „Die Sammlungen der öffentlichen Hand sollten sich der Verantwortung bewusst sein, zur Auffindung NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter in ihren Beständen beizutragen, indem sie anhand der ihnen zugänglichen Dokumente unter Berücksichtigung des derzeitigen Forschungsstandes derartige bzw. in einer solchen Vermutung stehende Erwerbungen aufspüren, Informationen darüber mit Hilfe der Internet-Website www.lostart.de der Koordinierungsstelle Magdeburg der Öffentlichkeit zugänglich machen sowie gegebenenfalls potentiellen Berechtigten weiterführende Hinweise geben.“

Im Lenbachhaus werden nach und nach die Provenienzen des gesamten eigenen Sammlungsbestandes geprüft, nicht zu klärende Fälle bei www.lostart.de eingestellt. Darüber hinaus wurde der gegenseitige fachliche Austausch mit den anderen städtischen und staatlichen Museen Münchens im Bereich Provenienzforschung in den letzten Jahren erheblich ausgebaut. Im Rahmen dieser engen Zusammenarbeit konnten zwei umfassende Forschungsprojekte initiiert und wissenschaftlich betreut werden. Sie sollen helfen, historische Zusammenhänge zu erläutern und damit die Provenienzforschung in den jeweiligen Museen zu erleichtern.

Eines davon befasste sich mit der historischen Aufarbeitung eines sehr dunklen Kapitels Münchner Stadtgeschichte: Die Beschlagnahmungsaktion jüdischer Kunstsammlungen durch die Geheime Staatspolizei in München im Winter 1938/39 und dessen Nachgeschichte. Hierbei handelte es sich um ein Forschungsprojekt des Kulturreferats der Landeshauptstadt München und der Universität Erfurt mit den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Autor ist Dr. Jan Schleusener von der Universität Erfurt, die Projektleitung lag bei Dr. Andrea Bambi, Referat für Provenienzforschung an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Prof. Dr. Christiane Kuller, Lehrstuhl für Neuere und Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik an der Universität Erfurt, Dr. Irene Netta, Leiterin Sammlungsarchiv und Provenienzforschung an der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums München. Unter dem Titel „Raub von Kulturgut. Der Zugriff des NS-Staates auf jüdischen Kunstbesitz in München und seine Nachgeschichte“ (PDF) wurden die Ergebnisse dieser Nachforschungen im November 2016 publiziert. Kurz nach dem Novemberpogrom 1938 beschlagnahmte die Geheime Staatspolizei in etwa 70 als jüdisch identifizierten Haushalten in München und Umgebung rund 2.500 Kulturgüter. Sie leitete damit eine der größten staatlichen Kunstraubaktionen im sogenannten Altreichsgebiet ein. Beteiligt waren Kunstsachverständige, Kunsthändler und Direktoren Münchner Museen. Dieses Buch dokumentiert, wie es zu der Aktion kam, welche Motive und Interessen ursächlich waren, wer davon profitierte und wie Täter und Opfer nach Kriegsende darüber sprachen – oder vielmehr: schwiegen. Es stellt die Beschlagnahmungsaktion umfassend vor, ordnet sie in ihr zeithistorisches Umfeld ein und blickt zudem ausführlich auf die Nachgeschichte. Als Kooperationspartner waren außerdem das Bayerische Nationalmuseum, das Jüdische Museum München, das Münchner Stadtmuseum, das Museum Villa Stuck, die Staatliche Graphische Sammlung München, die Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München sowie die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern beteiligt.

Das zweite Gemeinschaftsprojekt der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und der Städtischen Galerie im Lenbachhaus befasste sich mit wissenschaftlichen Recherchen zum Kunsthändler und Sammler Günther Franke (1900–1976) und dessen Aktivitäten zwischen 1933 und 1945 sowie in der Nachkriegszeit bis 1963. Franke baute sich in München ab 1923 erfolgreich ein Netzwerk aus Künstlern, Sammlern und Museen auf und wurde über die Jahre zu einem wichtigen Galeristen und Händler von Max Beckmann und Ernst Wilhelm Nay. Bereits anlässlich seines 25-jährigen Galeriejubiläums 1947 hob man lobend hervor, dass es in der NS-Zeit sein Verdienst gewesen sei, die Werke von als „entartet“ geltenden Künstlern bewahrt zu haben. Später urteilte man, Franke sei „kein Mann der Anpassung“ gewesen. Nach dem Krieg konnte er Museen in Deutschland zentrale Erwerbungen moderner Kunst ermöglichen. Die jetzt vorliegende Publikation leistet einen entscheidenden Beitrag zur Geschichte des Kunsthandels in München bis in die 1970er Jahre, gleichermaßen zu Frankes Anfängen. Darüber hinaus werden aber auch die bisher unbekannten Verstrickungen Frankes während der NS-Zeit offengelegt. Die von ihm zeitlebens gepflegte Legende eines gänzlich unbelasteten Kunsthändlers in den Jahren 1933–1945 muss nun korrigiert werden: Auch er war Zulieferer des NS-Regimes.

Projektbearbeiter war der Kunsthistoriker Dr. Felix Billeter, bekannt durch seine Publikationen zu Künstlern wie Max Beckmann, Hans Purrmann und zum den Münchner Kunsthandel. Die Projektkoordination lag bei Dr. Andrea Bambi, Referat für Provenienzforschung an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, in Kooperation mit Dr. Irene Netta, ehemals Leiterin Sammlungsarchiv und Provenienzforschung an der Städtischen Galerie im Lenbachaus. Die Arbeit wurde von der Ernst von Siemens Kunststiftung gefördert. Die Ergebnisse der Recherchen von Dr. Felix Billeter wurden zusammen mit ergänzenden Beiträgen von Dr. Andrea Bambi, Dr. Axel Drecoll, PD Dr. Christian Fuhrmeister / Dr. Meike Hopp, Dr. Gesa Jeuthe und Dr. Irene Netta im Oktober 2017 unter dem Titel „Kunsthändler, Sammler, Stifter. Günther Franke als Vermittler moderner Kunst in München 1923–1976“ (PDF) in der Schriftenreihe der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ (11) bei De Gruyter veröffentlicht.

Im Kontext eines Museums ist Provenienzforschung immer aufs Engste mit der Erforschung der eigenen Institutions- und Sammlungshistorie verbunden. Das Lenbachhaus blickt auf eine Geschichte von mehr als 80 Jahren zurück. In seinem Sammlungsarchiv werden jene historischen Unterlagen aufbewahrt, die für die Provenienzrecherche, die Erforschung der Museumsgeschichte und des Sammlungsbestandes benötigt werden.

Einen Überblick über bisherige Veröffentlichungen, Seminare und Vorträge finden Sie hier.

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