Forschung

  

 

Wassily Kandinsky

Die Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München zeigte ab Oktober 2008 gemeinsam mit den Partnermuseen Centre Georges Pompidou Paris und dem Solomon R. Guggenheim Museum New York eine Retrospektive mit Hauptwerken des herausragenden russischen Künstlers Wassily Kandinsky. Die Schau umfasste 95 Gemälde und wurde nach der Präsentation im Lenbachhaus/ Kunstbau auch in Paris und New York gezeigt. In München wurde sie durch die Ausstellung des gesamten druckgraphischen Werkes Kandinskys ergänzt.

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Abbildung 1
Abbildung 2

Kandinsky – Absolut. Abstrakt

Die Städtische Galerie im Lenbachhaus verfügt durch die Schenkung Gabriele Münters im Jahr 1957 über die umfangreichste Sammlung früher Werke von Wassily Kandinsky. Siebzehn Gemälde aus diesem Bestand sind in der Ausstellung zu sehen. Bereits vor einem Jahr wurde mit den konservatorischen und restauratorischen Vorbereitungen für die Präsentationen in München, Paris und New York begonnen, die auch die Sicherstellung der Transportfähigkeit der Gemälde einschließen.

Das übliche Vorgehen umfasst die Untersuchung der Gemälde in Bezug auf ihre maltechnische Entstehung und die Erfassung des Erhaltungszustandes. Für diese Untersuchungen stehen den Restauratoren optische Hilfsmittel wie Lupenbrillen und Stereomikroskop zur Verfügung. Bestimmte Phänomene (wie z.B. spätere Retuschen) können besonders gut im ultravioletten Licht (siehe Abb. 1 und 2) oder auch unter Infrarot-Strahlung mit einer speziellen Kamera sichtbar gemacht werden. Materialproben für die Pigment- oder Bindemittelanalyse wurden nur in wenigen Einzelfällen entnommen.

 

 

Abbildung 3
Abbildung 4

MALTECHNIK

Für die Untersuchung der Maltechnik soll hier exemplarisch nur ein Aspekt des Gemäldes Roter Fleck II vorgestellt werden (siehe Abbildungen 1, 2, 3 und 4).

Ab ca. 1909 malte Kandinsky fast ausschließlich auf weiß grundierten Leinwänden. In den folgenden Detailaufnahmen kann man nachvollziehen, wie Kandinsky dabei vorgegangen ist. Die gelbe Farbschicht (Abb. 3) ist Teil der gelben Bogenform im linken Bildbereich (siehe Abb. 1). Auf dieser Bogenform befinden sich blaue, langgestreckte Ovale und am linken Ende, als darunter liegende Form, ein brauner Kreis. Bei der Betrachtung unter dem Stereomikroskop zeigte sich, dass dieser braune Kreis als letztes Element in dieser Formgruppe gemalt wurde, also erst nachdem sowohl die gelbe als auch die blauen Formen schon gemalt waren. Bei dem kleinen Loch in der gelben Farbschicht handelt es sich um einen Zirkeleinstich, der in die bereits aufgetragene gelbe Farbe eingestochen wurde. In einer anderen Detailaufnahme (siehe Abb. 4) wird erkennbar, dass der Bleistiftstrich des Zirkels keinen gesamten Kreisumfang beschreibt, sondern die bereits vorhandenen blauen und gelben Bereiche ausspart. Es geht Kandinsky also darum, die Kreisform lediglich für die braune Farbe zu markieren. Bei diesem Loch in der gelben Fläche handelt es sich also keineswegs um einen Schaden, eine Fehlstelle in der Malschicht, sondern um einen wichtigen Hinweis zur Arbeitsweise Kandinskys.

 

 

Abbildung 5
Abbildung 6
Abbildung 7

KONSERVIERUNG

Anschließend an die Untersuchung der Maltechnik wurde der Erhaltungszustand jedes einzelnen Gemäldes genauestens geprüft, um zu entscheiden, ob und welche Maßnahmen zur Erhaltung getroffen werden müssen.

Beispielhaft sei hier auf ein Schadensphänomen verwiesen, das an mehreren Gemälden zu beobachten ist (siehe Abbildung 5). Durch Vibrationen während des Transportes oder Klimaschwankungen verursachte Bewegungen der Malschichten können dazu führen, dass sich Risse und Sprünge bilden oder auch die Verbindungen zwischen den Schichten gelockert wird.

Im vorliegenden Fall hat sich in einigen Bildbereichen ein feines Craquelénetz gebildet und die Ränder der kleinen Farbschichtschollen haben sich vom Untergrund gelöst. Um einen Malschichtverlust zu verhindern, wird zwischen die gelockerten Schichten ein Klebstoff (Festigungsmittel) eingebracht (siehe Abbildung 6). Der überschüssige Klebstoff wird von der Oberfläche entfernt, die Schollen bzw. Schollenränder werden vorsichtig nach unten gedrückt und durch den eingebrachten Klebstoff wieder fest mit dem Untergrund verbunden. Anschließend kann die Oberfläche gereinigt werden, also locker aufliegender Staub oder auch hartnäckiger Fliegendreck entfernt werden, ohne die Malschicht dabei zu gefährden (siehe Abbildung 7).

Eine weitere Maßnahme, die an mehreren Gemälden durchgeführt wurde, ist die Entfernung von Fliegen- bzw. Spinnenexkrementen (siehe Abbildung 8 und 9). Bis in die 80er Jahre wurden die Gemälde ohne Verglasung präsentiert. Insekten hatten entsprechend freien Zugang zu den Bildoberflächen. Neben den ästhetischen Aspekten, die eine Abnahme der Exkremente wünschenswert machen, gibt es auch konservatorische Gründe. Die Exkremente sind u.U. derart spannungsreich, dass es ringsum zu Spannungsrissen kommt und sich die drunter liegende Farbschicht abzulösen beginnt.

 

 

Abbildung 8
Abbildung 9
Abbildung 10

PRÄVENTIVE MASSNAHMEN

Unter präventiven Maßnahmen versteht man im wesentlichen Maßnahmen, die den weiteren Erhalt eines Objektes sicherstellen, ohne direkt das Objekt zu behandeln, sondern vielmehr die direkte Umgebung entsprechend zu modifizieren. Neben der Vermeidung von Klimaschwankungen, die zu Materialspannungen und den damit verbundenen Risiken von Malschichtverlusten führen, kann auch eine Verglasung von Gemälden vielfältige Funktionen der Prävention übernehmen. Sie bietet zunächst Schutz vor Verschmutzungen wie Staub, Insektenexkremente, Speichel, verhindert aber auch den direkten Zugriff neugieriger Besucherfinger und anderer mechanischer Beschädigungen. Je nach Beschaffenheit der Gläser bieten sie außerdem Schutz vor schädlicher UV-Strahlung und sind bruchsicher, um das Risiko eines Glasbruchs durch unerwartete Erschütterungen auszuschließen.

Als weitere präventive Maßnahme für Leinwandgemälde zählt die Montage eines sogenannten Rückseitenschutzes aus säurefreiem Karton. Dieser dient ebenfalls vor mechanischen Beschädigungen wie Stössen von der Rückseite. Um die Gemälde während eines Transportes vor Vibrationen der Leinwand und damit potentieller Malschichtlockerung zu schützen, wird in den schmalen, durch den Keilrahmen entstehenden Zwischenraum zwischen Leinwandrückseite und Rückseitenschutzkarton ein Polyestervlies als Schwingschutz eingebracht (siehe Abbildung 10).

Besonders empfindliche Gemälde können dauerhaft vor Klimaschwankungen geschützt werden, wenn der Zierrahmen in einen Klimarahmen umgebaut wird (siehe Abbildung 11). Dabei bildet auf der Vorderseite die Glasscheibe und auf der Rückseite eine dünne, wasserdampfundurchlässige Kunststoffplatte die Barriere zur umgebenden Raumluft. Die Seiten dieses „Sandwiches“ werden mit Aluminiumfolie isoliert. Auf diese Weise befindet sich das Gemälde in einer geschlossenen „Vitrine“. Die direkt das Gemälde umgebenden Materialien puffern, bzw. isolieren zusätzlich vor Schwankungen der Temperatur und relativen Luftfeuchtigkeit.

 

 

Abbildung 11
Abbildung 12

ZIERRAHMEN

Neben einigen Neurahmungen, die aus konservatorischen Gründen erforderlich waren, wurden speziell für diese Ausstellung auch alte, aber nicht originale Zierrahmen gegen neu angefertigte ausgetauscht (siehe Abbildung 12). Bei der Neugestaltung der Zierrahmen waren sowohl Überlegungen zu historischen Rahmungen (wie sie u.a. auf Fotos in der Ausstellung Gabriele Münter – Photographien aus der Zeit mit Kandinsky und dem Blauen Reiter, 10.02.-03.06.2007, zu sehen waren) als auch konservatorische Anforderungen von Bedeutung.

In der Ausstellung "Kandinsky - Absolut. Abstrakt" sind insgesamt neunzig Gemälde Wassily Kandinskys zu sehen, davon stammen siebzehn aus dem Bestand der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau. Jedes einzelne dieser Gemälde wurde sorgfältig vorbereitet und die entsprechenden Maßnahmen sowohl in schriftlicher als auch fotografischer Form dokumentiert.

Ulrike Fischer

 

Abb. 1: Roter Fleck II, 1921, Gesamtaufnahme, Normale Beleuchtung
Abb. 2: Roter Fleck II, 1921, Gesamtaufnahme, UV-Fluoreszenz-Aufnahme
Abb. 3: Roter Fleck II, 1921, Detailaufnahme im linken unteren Bildbereich, gelbe Farbschicht
Abb. 4: Roter Fleck II, 1921, Detailaufnahme im linken unteren Bildbereich, Bleistift
Abb. 5: Improvisation 19, 1911, Detailaufnahme, Craquelé mit hochstehenden Schollenrändern
Abb. 6: Improvisation 19, 1911, Detailaufnahme, flüssiges Festigungsmittel wird eingebracht
Abb. 7: Improvisation 19, 1911, Detailaufnahme, nach der Festigung, Reinigung und Restusche
Abb. 8: Improvisation 26 (Rudern), 1912, Detailaufnahme, Fliegendreck
Abb. 9: Improvisation 26 (Rudern), 1912, Detailaufnahme, Fliegendreck wurde entfernt
Abb. 10: Improvisation 19, 1911, Schwingschutz aus Polyestervlies
Abb. 11: Das Bunte Leben, 1907, Historischer Zierrahmen mit rückseitig montiertem Klimarahmen
Abb. 12: Improvisation 26 (Rudern), Entwurf und Probeleiste für einen neuen Zierrahmen

 

Literaturhinweise zur Maltechnik von Wassily Kandinsky und anderen Vertretern des Blauen Reiter

Wackernagel, Rudolf H., Kandinsky – ein Vertreter der „modernen Temperamalerei“, in: Endicott Barnett, Vivian, Kandinsky. Werkverzeichnis der Aquarelle, Band 1, 1900-1921, München 1992, S. 19f

Wackernagel, Rudolf H., „Bei 'Öl' auch Aquarell..., bei 'Aquarell auch Öl usw.“, Zu Kandinskys Ateliers und seinen Maltechniken. In: Das Bunte Leben. Wassily Kandinsky im Lenbachhaus. Ausst.katalog Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, Helmut Friedel (Hrsg.), München 1996, S. 547ff

Wackernagel, Rudolf H., Ich werde die Leute ... in Öl und Tempera beschwindeln ...: neues zur Maltechnik Wassily Kandinskys, Zeitschrift für Kunsttechnologie und Konservierung, 11, 1, 1997, S. 97ff

Fischer, Ulrike, Stege, Heike, Oggenfuss, Daniel, Tilenschi, Cornelia, Willisch, Susanne und Winkelmeyer, Iris: „...I came to understand how to translate nature into colour according to the fire in my soul“: Alexej Jawlensky's painting technique in his munich oeuvre. In: The object in context: crossing conservation boundaries. Contributions to the Munich Congress 28 August – 1 September 2006, Editors David Saunders, Joyce H. Townsend and Sally Woodcock, London 2006, S. 49Ff


 

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