Der deutsche Maler, Grafiker und Objektkünstler Thomas Bayrle (*1937) ist aktuell mit einem Raum in der Ausstellung I’m a Believer. Pop Art und Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung vertreten. Sein nachfolgender Text gibt uns einen Einblick in seine Lehrjahre als Weber und was ihn zu seinem Werk, das vom Prinzip des Seriellen geprägt ist, inspirierte. Bayrle befasst sich künstlerisch mit den sozialen Organisationsprinzipien von Individuum und Masse, wobei er seine Bildmotive der Alltagswirklichkeit und Waren- und Konsumwelt entnimmt.

Von Thomas Bayrle

Fragment – Wenn Du schnell ans Ziel willst, mach‘ einen Umweg!

Wie schon öfters erwähnt, habe ich 1959/60 mit 17 Jahren – anderthalb Jahre in 2 verschiedenen Textilbetrieben in Süddeutschland gearbeitet…
In der Bleicherei Uhingen ging es um chemische Textilveredlung. –
Dies geschah z.B. indem 1000m lange Stoffbahnen in Farbwannen auf Walzen – so lange automatisch durch Ätz- und Farbbäder gezogen wurden, bis sie voll durchgefärbt, aber noch nicht entwickelt waren. –
Das Entwickeln der – in den Stoff eingepressten Farbe – war ein prachtvoller, suggestiver, umwerfend schöner Prozess – bei dem z.B. ein knall gelber – unentwickelter Naphtolfarbstoff in eine 1000m lange Stoffbahn unter hohem Druck eingepresst wurde – um dann – in einem folgenden Bad – knall rot entwickelt zu werden. –

In der Weberei Gutmann lernte ich Weben an Webautomaten von Massenware, aber auch die Herstellung von komplexen Stoffen mit Mustern an Jacquard-Maschinen. –
Diese Maschinen, vor 200 Jahren von Jacquard erfunden, konnten gepunzte Lochkarten lesen, in denen ein Muster abstrakt schon – durch Lochsysteme vorprogrammiert waren. –

Solch ein Betrieb, wie diese Weberei – verkörperte damals für mich – in den 2 Monaten – in denen ich dort war, eine Art Film – aus dem ich mich selbst – weil nur Gast – irgendwie ausgeklammert sah – einen Film – klassischer Industriegeschichte. –
In ihrer determinierten Brutalität, von Akkord- und Lohndumping – Ausnutzung von Arbeitskraft diktierten Produktionsbedingungen (Gewerkschaften gab es damals noch nicht) – hatte dieser Betrieb für mich gleichzeitig das Faszinierende und Beängstigende von einer „Hölle“… in der eine Frau für 1,72DM Stundenlohn – 20 Saurer Webautomaten am Laufen halten musste…

Wenn ein Faden riss, musste ich – in der Funktion eines Hilfsmeisters sofort hinrennen und den Faden wieder zusammen binden – damit die Maschine wieder lief… und der Akkordlohn nicht um 1 oder 2 Pfennig sank…

Ja, ja, der Herr Bayrle – der zunächst dachte, er könne selbst Beobachter sein – würde nicht von einem unsichtbaren Ausläufer der Jacquard-Maschine erwischt – und unaufhaltsam selbst „in die Raserei des Gewebes mit ‘hinein gezogen… kam ‘dran!!!!“
als er einen eigenen Webstuhl führen musste. –
Dort erkannte er in rasendem Lärm – Schuss und Kette als faszinierend – 8000 Kettfäden –
kreuzten sich in rasender Geschwindigkeit in der Fläche
und jede Kreuzung mit einem programmierten Schuss konnte anders sein.

Wichtigster Teil dieser Zeit war – der „geistig-körperliche Zusammenprall“ mit der Maschine, die besser, schneller, wahnsinniger, logischer, als ich war…..

OK ich bin nach einem weiteren Monat in dieser Weberei durchgedreht – wurde im Webstuhl irgendwie erschossen. –

Und wie hast Du Dich damals gerettet? Durchs AVE Maria – jawohl bescheuert – der Wettlauf mit der Maschine fand im Rennen in der Fläche statt…
8000 x 8000 Fäden Vaterunser – Tibet – der Du bist im Himmel, der Du all das geschaffen, zugelassen hast. –

Thomas Bayrles AGNUS DEI setzt sich aus unzähligen identischen Einzelteilen zu einer „Superform“ (Bayrle) zusammen. Als Bild gewordenes Ornament symbolisiert sie die physische Bewegung von Menschen und Waren in einer schier endlosen Zirkulation. Der lateinische Titel spielt auf die an Jesus Christus adressierten (Bitt-) Gebete an und lässt an deren potentiell unendliche Wiederholungen denken. Bayrle fordert uns dazu heraus, die Funktionsweise der modernen Massengesellschaft mit der des Christentums in Bezug zu setzen.

 

Veröffentlicht am 28. Februar 2019

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