Von Annegret Hoberg und Jacqueline Falk.

Langersehnte Wünsche gehen ja oftmals nur selten Erfüllung: die Kindheitsheldin, die man einmal kennenlernen wollte; ein Ort, den man unbedingt im Leben gesehen haben möchte. Dank des Föderverein Lenbachhaus e.V. ist ein solcher Wunsch jedoch gerade für uns Wirklichkeit geworden: zu seinem 25-jährigen Jubiläum schenkt uns der Fördervereins ein Gemälde von Marianne von Werefkin, auf dessen Spuren wir nun schon eine ganze Weile waren.

Das Werk entstand um 1910, auf dem Höhepunkt der Aktivitäten der Neuen Künstlervereinigung München, die von Werefkin, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und anderen im Jahr zuvor gegründet worden war und die als Vorläufergruppe des Blauen Reiter bezeichnet werden kann. Im September 1910 war es auf der zweiten Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung München in der Galerie Thannhauser in München zu sehen. Werefkin war hier noch mit fünf weiteren Bildern vertreten, ihr In die Nacht hinein wurde jedoch als eines der wenigen der insgesamt 115 ausgestellten Werke im begleitenden Katalog abgebildet – eine Tatsache, die bereits andeutet, welche Bedeutung das Bild nicht nur für die Künstlerin, sondern für die gesamte Gruppe hatte.

Diese historische Schwarz-Weiß-Aufnahme im Ausstellungskatalog ist nicht nur ein wichtiges Dokument für die Identifizierung, Datierung und Einordnung des Gemäldes – auch der Titel In die Nacht hinein… ist hier bereits in etwas geänderter Schreibweise festgehalten – sondern war auch für uns der Anhaltspunkt nach dem Bild zu forschen. Bereits 1999, während der Vorbereitung der Ausstellung Der Blaue Reiter und das Neue Bild. Von der ‚Neuen Künstlervereinigung München‘ zum ‚Blauen Reiter‘ waren wir auf der Suche nach diesem Werk, konnten es jedoch nicht auffinden.

Nun tauchte es über 100 Jahre nach seiner Entstehung aus Schweizer Privatbesitz auf – eine einmalige Gelegenheit, die der Förderverein zu unserem Glück sogleich ergriff (ein bisschen Übermut und überfließender Dank sei hier gestattet, nach fast 20 Jahren der Suche). Das in expressiver Farbigkeit gehaltene Gemälde In die Nacht hinein ist nicht nur vom Format her besonders anspruchsvoll – es gehört zu den größten Werken Werefkins. Sondern führt Betrachterinnen und Betrachter auch ins Zentrum von Werefkins künstlerischer Aussage: Das Gemälde zeigt eine nächtliche Szene nach einer Bühnenaufführung auf einem kleinen Platz in einer unbekannten Stadt. Im Vordergrund sieht man noch die verlassenen schlichten Sitzbänke für die Zuschauer. In der linken Ecke ist ein Tuch provisorisch für die Bühne aufgespannt, davor befinden sich zwei Schauspieler in ihren Kostümen. Der König mit rotem Mantel scheint die Figur vor ihm in unausgesprochenen Konflikt zu bedrängen. Die Bühnensituation sowie die drei stummen Frauenfiguren in den Türöffnungen deuten ein belastetes Geschlechterverhältnis an, wie es häufig von der Künstlerin thematisiert wurde. Werefkins Temperamalereien kreisen oftmals um die Thematik der menschliche Existenz und ihr Ausgeliefertsein an unsichtbare Kräfte innerer und äußerer Natur – seien es psychologische Befindlichkeiten oder schicksalhafte Mächte.

Mit „In die Nacht hinein“ wird also nun unsere Sammlung zum Blauen Reiter um eines der bedeutendsten Werke der Künstlerin ergänzt – eine Schicksalsfügung in die wir uns nur allzu gern begeben. Ab Oktober 2019 können Sie sich selbst ein Bild von der soghaften Wirkung des Gemäldes machen: in der Ausstellung Lebensmenschen – Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin, die in Kooperation mit dem Museum Wiesbaden entwickelt wird, wird das Werk zu sehen sein.

Annegret Hoberg ist Sammlungsleiterin und Kuratorin des Blauen Reiter und des Kubin-Archivs. Jacqueline Falk ist Mitarbeiterin des Lenbachhauses in der Abteilung für Kommunikation und u.a. zuständig für die Online-Redaktion.

Veröffentlicht am 4. Mai 2018

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