Von Lothar Schirmer.

Meine Beuys-Sammlung, deren Objekte jetzt zur Sammlung des Lenbachhauses gehören, nahm ihren Ausgang bei einem Besuch der „documenta III“ im Sommer 1964. Dort sah ich Zeichnungen von Joseph Beuys, dessen Name mir trotz intensiver Beschäftigung mit der Gegenwartskunst noch nie begegnet war, und einige seiner Objekte. Ich war damals Gymnasiast in Bremen-Vegesack und 19 Jahre jung. Die Gegenwartskunst war seit etwa drei Jahren meine Leidenschaft – eine Art post-pubertärer Marotte – und ich hatte angefangen, eine kleine Sammlung anzulegen.

Die Beuys-Zeichnungen, die ich in Kassel sah, begeisterten mich spontan. So etwas Außergewöhnliches und romantisch Inspiriertes hatte ich kaum je gesehen. Im gleichen Maße, wie mich die Zeichnungen in ihrer Thematik und Sensibilität anzogen, stießen mich die Beuys-Objekte völlig ab – es waren die drei Bienenköniginnen und die Eisenskulptur SÅ FG – SÅ UG (Die Buchstaben sind die Abkürzung für „Sonnenaufgang – Sonnenuntergang“, die früher, zusammen mit den exakten Zeitangaben, in jedem Taschenkalender zu finden war). Damit konnte ich überhaupt nichts anfangen.

Als ich im Oktober des gleichen Jahres noch mal die documenta-Kataloge durchblätterte und mir die Frage stellte, was ich in Kassel denn eigentlich gesehen hatte, das so neu war, dass es mir völlig unverständlich war, blieb ich wieder an Beuys und den ihm gewidmeten Seiten im Katalog hängen. Der Widerspruch meiner Empfindung für die Zeichnungen einerseits und die Objekte andererseits war mir völlig unerklärlich. Ich beschloss, dem Rätsel auf den Grund zu gehen, und schrieb Beuys einen Brief, in dem ich vorsichtig den Wunsch äußerte, eine Zeichnung zu erwerben. Eine sehr freundliche Antwort kam drei Wochen später per Einschreiben in einem großen Umschlag. Eine Zeichnung lag bei – als Geschenk. Ein rätselhaftes Blatt, über das ich lange gegrübelt habe. Ein Dankesbrief wurde aufgesetzt und ein Besuch angekündigt. Das Reisen sei leider wegen Abiturvorbereitungen nicht sogleich möglich.

Am 16. März 1965, zwischen schriftlichem und mündlichem Abitur, bin ich dann zu meinem Besuch bei Beuys nach Düsseldorf gefahren. Mit vier Zeichnungen und einem Haufen Schulden kam ich wieder heim. Ich fühlte mich reich beschenkt, denn die Zeichnungen waren von außergewöhnlicher Qualität, und für die Abzahlung meiner Schulden (650 DM) hatte mir Beuys in Anwesenheit seiner Frau Eva ein Zahlungsziel praktisch bis zum Sankt Nimmerleinstag eingeräumt, wohl wissend, dass ich mich sehr beeilen würde, um bald wiederkommen zu können. Als ich nach Hause kam, runzelten meine Eltern die Stirn und machten auch sonst eher ein besorgtes Gesicht, fügten sich aber in das Unvermeidliche. An den Zeichnungen war ja eigentlich nichts auszusetzen. Nur am Preis und an der Haltlosigkeit des Sohnes beim Verkauf seiner Zukunft. In Flüchtlingsfamilien herrschten eben strenge Sitten.

Das war in kurzen Worten – und rückblickend sicher märchenhaft – der Beginn meiner Beuys-Sammlung und meiner Freundschaft mit Joseph Beuys und seiner Familie, die über den Tod von Beuys hinaus bis heute andauert.

Der zweite, vielleicht viel märchenhaftere Vorgang liegt darin, dass mir meine Lebensumstände bis heute erlaubt haben, diese einzigartige Sammlung im Großen und Ganzen nicht nur zusammenzuhalten und zu pflegen, was bei den Münchner Mietpreisen kein leichtes Unterfangen ist, sondern sogar noch behutsam auszubauen. Die Stationen waren in etwa die folgenden:

Im März 1967 erwarb ich nach vielen Zeichnungen mein erstes Beuys-Objekt, es war ironischerweise eine jener Bienenköniginnen, vor denen ich in Kassel ratlos-erschrocken gestanden hatte: die Bienenkönigin I (1947–52).

Im Frühjahr 1969 erwarb ich die später so berühmte Badewanne, die auf seltsame Weise 1973 in Leverkusen zerstört wurde, Rechtsgeschichte machte und mittlerweile ein Teil der bundesrepublikanischen Kunst-Folklore geworden ist.

Glücklich war ich, dass Beuys die Zeit fand, nach der Vorstellung eines Multiples in München die nackte Badewanne 1977 in langer Nachtarbeit neu zu bearbeiten. Sie war nur zwei Jahre später, in wiederauferstandener Form, die Station 1 der in 24 Stationen konzipierten Retrospektive im Guggenheim Museum, New York, 1979/80.

Inzwischen war meine Sammlung so gewachsen, dass Beuys sie für seine Ausstellungspolitik benutzen konnte. Als Erstes delegierte er eine Anfrage des Kunstmuseums St. Gallen an mich. Und so wurde die Sammlung in ihrer damaligen Gestalt von 5. Juni bis 31. Juli 1971 in St. Gallen gezeigt. Im November 1971 – und diesmal war er persönlich anwesend – zeigte er sie unter dem Titel La Rivoluzione Siamo Noi bei Lucio Amelio in Neapel. Es war die erste Etappe seiner Italien-Expedition.

Es war eine Art Härtetest, den Beuys Lucio Amelio auferlegte, um zu prüfen, ob dieser bereit wäre – ohne direkte Verkaufsaussichten –, sich auf nichtkommerzieller Basis für Beuys und sein Werk einzusetzen. Lucio hat den Test prima bestanden und ist später für seine gute Tat reich entlohnt worden. Der Eröffnungsabend war ein rauschender Erfolg. Die ganze zeitgenössische Kunstwelt Italiens stand sich an diesem Abend in Lucios Galerie dicht gedrängt auf den Füßen.

Alle geliehenen Werke kehrten zwei Monate später unversehrt und unverkauft in meine Kölner Studentenbude zurück.

1972 erschien dann das erste von mir verlegte Buch, ein prachtvoller Kunstband in Lichtdruck über Beuys-Zeichnungen, der einerseits meine Berufswahl zum Kunstbuchverleger festlegte und mir andererseits wertvolles Wissen über Umfang und Qualität des zeichnerischen Werks von Beuys offenbarte. Ein Wissen, wie es außer Beuys damals vielleicht nur die Brüder van der Grinten und Dieter Koepplin, Kurator des Kupferstichkabinetts im Kunstmuseum Basel, besaßen. Ich war dadurch zu einem Eingeweihten geworden – einem Insider sozusagen.

Einen weiteren Quantensprung machte die Sammlung mit den drei Objekten Ofen, Mäusestall und Hasengrab im Sommer 1970, die mir Beuys praktisch zuteilte. Die Initiative zu dieser maßgeblichen Erweiterung ging von ihm aus: „Ich habe hier drei Arbeiten für Sie. Kommen Sie sie abzuholen.“ Ich war beglückt.

Im Herbst 1972 zog ich nach München, um meine verlegerischen Kenntnisse in fast zweijähriger Beschäftigung bei Droemer Knaur auszubauen und zu festigen. Meine mittlerweile stattliche Beuys-Sammlung brachte ich im Umzugsgepäck mit.

Als ich mit Erik Mosel 1974 den Schirmer/Mosel-Verlag gründete, kamen zur räumlichen Distanz noch die bei Firmengründung üblichen finanziellen Engpässe hinzu. Darüber hinaus war Beuys nun ein vielbeschäftigter Weltstar der Kunst geworden. Ich hielt den Kontakt durch das wunderbare Coyote-Buch, das mit Fotografien und einem Text von Caroline Tisdall 1976 als vierte Neuerscheinung des Schirmer/Mosel-Verlags erschien. Es ist eines der schönsten Beuys-Bücher überhaupt geworden. Es erschien später auch in einer französischen und einer englischen Ausgabe und ist bis heute lieferbar.

Der Kontakt zu René Block, der 1974 in seiner New Yorker Galerie die Aktion Coyote – I like America and America likes me veranstaltet hatte, führte zu einer weiteren, großen Erwerbung. Um die Schließung seiner Galerie zu bewerkstelligen (er war zu früh gekommen!), verkaufte er mir seinen Eurasia Hasen, eine Arbeit, deren exakter Titel EURASIA Sibirische Symphonie 1963 32. Satz (EURASIA) FLUXUS lautet. Das Werk kam so aus New York zu mir nach München und war lange Zeit ein Fixpunkt in meiner Wohnung.

Als das Museum of Modern Art im Jahr 2000 daran ging, die Eröffnung seines Neubaus zu planen, wollte Kirk Varnedoe das Stück unbedingt erwerben. (Ich hatte es ihm einige Jahre zuvor als Leihgabe für seine Ausstellung Primitivism in 20th Century Art: Affinity of the Tribal and the Modern wegen der extremen Transportproblematik versagt.) Nach sorgfältiger Abwägung von Pro und Contra schien es mir besser, den Hasen ziehen zu lassen. Denn im Museum of Modern Art wäre er gut aufgehoben und würde von vielen Menschen gesehen.

Eine kleine Pointe gab es dann bei der Einfuhr in die USA: die Artenschutzbehörde wollte den Gattungsnamen des ausgestopften Hasen wissen. Der war ganz einfach, wie mir der hinzugezogene biologische Fachgutachter sagte: lepus europaeus. Die Einfuhr eines toten Tiers dieser Gattung in die USA war offensichtlich kein Problem.

Außerdem wäre der Eurasia Hase im MoMA mit einem Lieblingsbild von Beuys, Die schlafende Zigeunerin von Henri Rousseau vereint – ein ebenfalls traumgeladenes Nachtstück von großer psychischer Eindringlichkeit.

Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass der Beuys und der Rousseau bei einer künftigen Neuordnung der MoMA-Sammlung eines Tages in einem Raum zusammenfinden.

Dem Erwerb des Environments vor dem Aufbruch aus Lager I 1980 ging ein längerer Dialog voraus. Es sollte eigentlich nur ein größeres kubusförmiges Einzelobjekt werden – eine Art Hirsch-Denkmal, das den Diatrichter des aufgelösten Büros der „Nichtwählervereinigung“ in der Düsseldorfer Andreasstraße zum Ausgangspunkt hatte. Dann rief Beuys mich eines Tages an und sagte: „Du musst kommen, ich baue morgen Deinen Kubus im Bonner Kunstverein auf. Es ist aber jetzt eher ein ganzes Zimmer geworden.“ Das war natürlich eine Überraschung, die für mich einige logistische und ökonomische Probleme bereithielt. Aber im Angesicht der Schönheit und Klarheit dieser Arbeit habe ich sie leichten Herzens geschultert. Meine Sammlung, die mit frühen substantiellen, aber eher intimen Arbeiten und Zeichnungen bestückt war, hatte nun mit dieser immer noch zarten, aber doch auch monumentalen Arbeit eine neue Dimension bekommen.

Später ist es mir gelungen, eine Anzahl von Beuys-Objekten zu erwerben, die ich in meinen Kölner Studententagen in rheinischen Privatsammlungen bewundert hatte. Den Lavendelfilter aus der Sammlung Wolfgang Hahn, Köln, und später Christa Döttinger, München, das Stumme Grammophon aus der Sammlung von Frau Schmela, Düsseldorf, den Fisch aus der Sammlung G.A. und Stella Baum, Wuppertal, und das Gelose-Objekt aus der Sammlung Heinemann, Mönchengladbach. Die genannten Sammler waren alle persönliche Freunde von Beuys, und es waren frühe Objekte von besonderer Schönheit, die er ihnen anvertraut hatte. Nachdem der größte Teil des Frühwerks in den Darmstädter Vitrinen des Beuys Block für immer entschwunden war, empfinde ich diese Objekte bis heute als besondere Kostbarkeiten. Ein weiteres Objekt, auf das ich ein Auge geworfen hatte, ist mir leider entwischt. Auf ein anderes warte ich noch geduldig …

Neben den Objekten hat meine Beuys-Sammlung noch zwei weitere, maßgebliche Säulen: eine Kollektion sehr schöner Zeichnungen und eine bisher nicht veröffentlichte Sammlung von Aktionsphotographien, in deren Zentrum die Zusammenarbeit von Beuys mit der Fotografin Ute Klophaus steht. Aber auch Fotografien von Hans-Rüdiger Strey, Heinrich Riebesehl, Gianfranco Gorgoni, Walter Vogel, Caroline Tisdall und Eva Beuys sind hier vertreten.

Da diese Arbeiten aber Blätter auf Papier sind, müssen sie getrennt von den Objekten aufbewahrt und lichtgeschützt gezeigt werden. Dies hat mich bei der Entscheidung geleitet, mich bei meiner Schenkung zunächst auf die Objekte zu konzentrieren.

Sie jetzt im hellen Licht des neu eröffneten Lenbachhauses erstmals öffentlich vereint zu sehen, erfüllt mich mit Freude, die ich gern mit dem Publikum teile.

Ich danke Helmut Friedel und seinen Mitarbeitern für ihr beharrliches Interesse und das großartige Engagement, das zu diesem Beuys-Flügel im Altbau dieses geschichtsträchtigen Gebäudes geführt hat. Das Environment zeige deine Wunde wird sich bestimmt über die neuen Familienmitglieder – die Brüder und Schwestern – in den angrenzenden Räumen freuen. Und ich denke, auch Beuys wird sich in der unmittelbaren Nachbarschaft von Lenbach, Kandinsky und Franz Marc wohlfühlen und willkommen sein.

Lothar Schirmer ist langjähriger Sammler von Joseph Beuys’ Werken und Kurator der Ausstellung Joseph Beuys. Einwandfreie Bilder 1945-1984. Arbeiten aus Papier aus der Sammlung Lothar Schirmer. Dieser Text wurde erstmals in der Publikation Joseph Beuys im Lenbachhaus und Schenkung Lothar Schirmer anlässlich der Wiedereröffnung des Lenbachhauses 2013 veröffentlicht.

Die Ausstellung Joseph Beuys. Einwandfreie Bilder 1945-1984. Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Lothar Schirmer ist noch bis 18. März zu sehen.

Veröffentlicht am 28. Februar 2018

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