Ein Laden ins Museum

Von Antonia Kölbl.

Hans-Peter Feldmanns Laden 1975–2015 ergänzt nun die Sammlung Kunst nach 1945 der Städtischen Galerie im Lenbachhaus um eine durchaus radikale zeitgenössische Position. Die Kulturstiftung der Länder förderte die Erwerbung.

In der Schaufensterauslage parken Spielautos ihre Miniaturkarosserien dicht an dicht auf gläsernen Regalen, Hochzeitspaare wenden sich verliebt ihre Plastikgesichter zu, unermüdlich winkt der mit Solarenergie betriebene Arm der Queen durchs Fenster, eine mürrisch dreinblickende Bundeskanzlerin wartet darauf, dass auf ihrem Plastikkopf Zitronen ausgepresst werden. Das Ticken dutzender originaler Schwarzwälder Kuckucksuhren, die über der Kasse an der Wand hängen, erfüllt den Verkaufsraum. Sonst ist es still. Weit und breit niemand, wer verkauft hier eigentlich? Und befand sich der Museumsshop nicht schon im Erdgeschoss? Laden 1975–2015 konfrontiert die Besucherinnen und Besucher des Lenbachhauses humorvoll und doch unausweichlich mit den Fragen von Kunst und Ware, von Geschäft und Museum. Tausende von Souvenirs regionaler Handwerkskunst, der Alltagskultur und Kunstgeschichte, absurde und skurrile Konsumprodukte sammelte der Düsseldorfer Konzeptkünstler Hans-Peter Feldmann: Bierkrüge, Transportdosen für Bananen, Michelangelos David in klein tummeln sich im Fenster. Käuflich sind die Museumsexponate nicht mehr.

Über vier Jahrzehnte stöberte die Kundschaft durch die von Hans-Peter Feldmann (* 1941) gezielt zusammengetragenen Schätze, die er in seiner Heimatstadt feilbot, als sein „Laden“ noch ein reales Geschäft war. 1975 eröffnet, etablierten sich Laden und Inhaber als lokale Attraktion und Anlaufstelle für internationales Publikum, bis Feldmann das Konzept zur Museumsinstallation machen wollte. Gut verpackt auf zwei Lastwagen kam es 2015 tatsächlich zum Umzug – zur Umwandlung vom Einzelhandelsbetrieb mit 47 Warengruppen zum „Künstlerraum“ im Münchner Kulturbetrieb. Im Lenbachhaus schreibt die Arbeit nun die Kunstgeschichte der Environments fort. Über die Werke zeige Deine Wunde und vor dem Ausbruch aus Lager I von Joseph Beuys über Ilya Kabakows The Collector, Gerhard Richters Atlas bis hin zu Anna Oppermanns Arbeit Der ökonomische Aspekt bildete das Museum sein Sammlungsprofil über Jahrzehnte aus. Der Ankauf der Installation Laden 1975–2015 fügt nun eine zeitgenössische Position hinzu.

„Als sozial- und kulturanthropologische Sammlung unserer Zeit konfrontiert der ‚Laden‘ seine Rezipienten plötzlich mit Fragen, die sich den Kundinnen und Kunden in Hans-Peter Feldmanns Geschäft nicht gestellt hätten: Was bietet mir unsere Warenwelt eigentlich? Und was passiert, wenn sich Dinge meiner Kaufkraft entziehen, weil sie durch die Institution des Museums in das gesellschaftliche Eigentum übergehen?“, sagt Prof. Dr. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder. „Unseren satzungsgemäßen Auftrag, zeitgenössische Formen und Entwicklungen von besonderer Bedeutung auf dem Gebiet von Kunst und Kultur zu stärken, erfüllt sich durch die Förderung einer radikalen Position wie der von Hans-Peter Feldmann.“

So erscheint auch ein vom Künstler selbst gestaltetes Buch in der Schriftenreihe Patrimonia der Kulturstiftung der Länder, das im Rahmen des Künstlergesprächs am 17. Oktober 2018 im Lenbachhaus präsentiert wird.

Antonia Kölbl ist Volontärin der Kulturstiftung der Länder. Die Kulturstiftung der Länder berät, forscht, finanziert und hat die systematische Erforschung der Raubkunst in deutschen Museen angestoßen.

Veröffentlicht am 16. Oktober 2018

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