Von Sebastian Schneider.

Am 25. und 26. Januar 2019 findet im Lenbachhaus das Symposium Weltempfänger. Mediumistische Kunst in Theorie und Praxis 1850–1950 statt. Anknüpfend an die Arbeiten von Georgiana Houghton, Hilma af Klint, Emma Kunz, John Whitney, James Whitney und Harry Smith gehen wir der Frage nach, wie eine mediumistische Praxis den traditionellen Kunstbegriff erweitern und die Definition von Abstraktion verändern kann. Im Folgenden werden fünf Autorinnen und Autoren vorgestellt, die auf der Tagung Vorträge halten werden. Vielleicht können wir Sie mit dieser Einführung schon jetzt auf die Veranstaltung neugierig machen. Ach übrigens: Das Symposium ist kostenlos und offen für alle. Es würde uns freuen, wenn Sie Ihre ganz persönliche Sicht in einer der Diskussionsrunden einbringen könnten. Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

1. Julia Voss

Voss, Julia: The Traveling Hilma af Klint. In: Tracey Bashkoff (Hg.): Hilma af Klint. Paintings for the Future, Ausst. Kat. Solomon R. Guggenheim Museum New York 2018/19, S. 49–63.

Kaum jemand hat sich in der jüngeren Vergangenheit um die Erforschung des Lebens und des Werks von Hilma af Klint so bemüht wie Julia Voss. Sie lernte sogar Schwedisch, um sich in den Archiven der Hilma af Klint Foundation ganz dem Quellenstudium zu widmen. Af Klint hinterließ schriftliche Aufzeichnungen im Umfang von rund 26’000 Seiten. Allein diese Zahl verdeutlicht die Ambition von Voss‘ Projekt. Gleichzeitig erahnt man, dass diese Forschungsarbeit die Rezeption der schwedischen Künstlerin mit großen Schritten voranbringen wird. Für das Frühjahr 2019 hat Voss die Veröffentlichung einer Hilma af Klint-Biografie angekündigt – sie wird mit Spannung erwartet.

Einen ersten Einblick bietet schon jetzt ihr Beitrag im Ausstellungskatalog zu der aktuell im New Yorker Guggenheim Museum gezeigten Hilma af Klint-Retrospektive. Voss widerlegt eine Deutung, die für die Rezeption lange Zeit bestimmend war: Af Klint habe abgeschottet von der Welt ihr abstraktes Werk geschaffen und sogar noch in ihrem Testament verfügt, dass es erst 20 Jahre nach ihrem Tod an die Öffentlichkeit gelangen soll. Vielmehr zeichnet Voss das Bild einer Frau, die aufgrund ihrer familiären Herkunft das Reisen gewohnt war und die neuen, von der Industrialisierung geschaffenen Verkehrsmittel und Infrastrukturen nutzte, um die Kunstzentren Europas zu besuchen. Sie rekonstruiert, welche Kunstwerke af Klint auf ihren Reisen sah und wie sie ihr eigenes Schaffen inhaltlich und formal beeinflussten. Damit widerspricht sie einer Tendenz der Kunstgeschichte, die Bedeutung von Künstlerinnen wie Hilma af Klint zwar anzuerkennen, sie aber gleichzeitg von der Haupterzählung der Moderne zu separieren. Hilma af Klints Beispiel zeigt, dass derartige dichotome Muster nicht haltbar sind: Die Entwicklung der Modernen Kunst vollzieht sich aus Wechselwirkungen eines rhizomartigen Netzwerks – und nicht innerhalb klar abgrenzbarer Kategorien wie Zentrum/Peripherie, Erfindung/Nachahmung oder rational/geistig.

2. Pascal Rousseau

Rousseau, Pascal: Premonitory Abstraction – Mediumism, Automatic Writing, and Anticipation in the Work of Hilma af Klint. In: Iris Müller-Westermann und Jo Widoff (Hg.): Hilma af Klint. A Pioneer of Abstraction, Ausst. Kat. Moderna Museet Stockholm, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart Berlin, Museu Picasso Málaga 2013, S. 161–175.

Die in der Ausstellung Weltempfänger gezeigten Künstlerinnen verstanden sich als Empfängerinnen von Botschaften, die nur sie wahrnehmen konnten. Ihre Kunstwerke resultieren aus spirituellen Erfahrungen und der Kommunikation mit einer höheren Welt. Georgiana Houghton, Hilma af Klint und Emma Kunz wollten in ihren Arbeiten Naturgesetze, Geistiges und Übersinnliches sichtbar machen. Dabei entwickelten sie unabhängig voneinander eine abstrakte, mit Bedeutung hoch aufgeladene Bildsprache.

Die 2013 im Stockholmer Moderna Museet ausgerichtete Hilma af Klint-Retrospektive sorgte international für Aufsehen und stellte bisherige, als sicher eingestufte Annahmen zur Genese der abstrakten Kunst grundsätzlich in Frage. Im Ausstellungskatalog untersucht Pascal Rousseau die Herausforderungen, die von af Klints mediumistischem Kunstschaffen für die Rezeption ihres Werks ausgehen. Er argumentiert, dass das modernistische Paradigma mit seiner Aufmerksamkeit für formale Charakteristika der Abstraktion den erweiterten sozialgesellschaftlichen Kontext übersah, aus dem ein Werk wie das von af Klint hervorging. In seinem Beitrag unterstreicht er das mediumistische Kunstschaffen als kritisches Instrument, das gängigen Künstlerrollen der Jahrhundertwende entgegenwirkt: Die „Empfängnis“ von Bildern diente weiblichen Künstlerinnen wie af Klint als Strategie, um innerhalb einer mysogynen Kunsttheorie der Jahrhundertwende, die die Kreation als männliches und die Nachahmung als weibliches Prinzip versteht, neue Handlungsräume zu besetzen. Ihr Selbstverständnis als Medium bemächtigte sie, neue Themen und innovative Formate zu erproben, oder kurz: künstlerische Freiheit zu erlangen.

Rousseaus Ansatz stellt die gesellschaftlichen Kontexte, in denen abstrakte Kunst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert entsteht, in den Vordergrund. Er entfernt sich auch von einer reinen formal-kunsthistorischen Lesart der Bilder und deutet af Klints Formensprache als Konsequenz ihres Anspruchs, gesellschaftlich wirksame Dualitäten von männlich/weiblich zu überkommen. Wir haben uns bewusst entschieden, das Symposium als Plattform für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Rousseau zu öffnen, die die Werke der Künstlerinnen und Künstler nicht nur unter kunsthistorischen Aspekten untersuchen, sondern sie in einem erweiterten ideengeschichtlichen und gesellschaftspolitischen Rahmen einordnen.

3. Lea Porsager

Kirkhoff Eriksen, Birgitte (Hg.): Im-materialitet no. 3 (bevidsthed), Ausst. Kat. Sorø 2014.

Mit ihren innovativen Herstellungsverfahren und ihrer grundsätzlichen Skepsis gegenüber etablierten Werkbegriffen treffen die „Weltempfänger“ insbesondere bei Künstlerinnen und Künstlern auf offene Augen und Ohren. Auch die Programmatik großer Ausstellungshäuser belegt, dass die Auseinandersetzung mit dem Übersinnlichen in den letzten Jahren ein zentrales Thema der zeitgenössischen Kunst war und ist.

Eine Künstlerin, die in diesem Bereich häufig auftritt, ist Lea Porsager. Sie begreift ihre Werke als Experimente, in denen sie die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt befragt. Für eine Ausstellung im dänischen Sorø beschäftigte sie sich mit der Frage, ob das Bewusstsein eine Materie hat und wem (oder was) wir bewusstseinsgesteuerte Handlungsfähigkeit zuschreiben. In diesem Zusammenhang widmete sie sich einem eher unattraktiven Lebewesen: dem Schleimpilz. Dieser wenig erforschte Organismus besticht durch seine Überlebensstrategien, die er in Zeiten von Nahrungsknappheit entwickelt. Die zellularen Vorgänge lassen keinen anderen Schluss zu, als dass der Pilz absichtsvoll, also nicht rein triebgesteuert, agiert. In ihrer künstlerischen Forschung geht Porsager solchen Phänomenen in Formaten nach, die von Video über Skulptur bis zur Performance reichen. Für die Künstlerin steht fest: Außerhalb der menschlichen Kognition gibt es andere Realitäten, eine „non-human agency“, der wir uns trotz allem Fortschrittsglaubens nicht bemächtigen können.

Wir freuen uns, Lea Porsager bei unserem Symposium als Rednerin begrüßen zu dürfen und ihre Perspektive als Künstlerin in die Diskussion integrieren zu können. Der Ausstellungskatalog des Kunstmuseums in Sorø stellt umfangreiches Bildmaterial sowie Textbeiträge zur Verfügung, die sich vertiefend mit dem Schaffen von Porsager auseinandersetzen.

4. Raphael Rosenberg

Rosenberg, Raphael: Die Kartographie der Aura aus dem Geist der Wirkungsästhetik. Synästhesie und das Verhältnis von Kunst und Esoterik um 1900. In: Monika Neugebauer-Wölk, Renko Geffarth und Markus Meumann (Hg.): Aufklärung und Esoterik: Wege in die Moderne, Berlin 2013, S. 583–604.

Künstler wie Wassily Kandinsky, Piet Mondrian oder František Kupka beschäftigten sich im frühen 20. Jahrhundert intensiv mit esoterischen Strömungen wie der Theosophie oder Anthroposophie. Es gilt als unbestritten, dass ihre Hinwendung zur Abstraktion durch diese Auseinandersetzung begünstigt wurden. Im Falle Kandinskys wird häufig auf theosophische Schriften von Annie Besant und Charles Leadbeater verwiesen, die das Übersinnliche nicht nur inhaltlich behandeln, sondern auch durch Illustrationen zu erklären versuchten. Kandinskys Wende zur Gegenstandslosigkeit, so eine weit verbreitete Lehrmeinung, speise sich entscheidend aus der Lektüre dieser Schriften.

Raphael Rosenberg weist dagegen nach, dass die Visualisierung geistiger Vorstellungswelten, wie sie von Besant und Leadbeater verteidigt wurden, für Kandinsky nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Mehr noch: Nicht die Künstlerinnen und Künstler hätten die abstrakten Formen der Theosophie übernommen, sondern Besant und Leadbeater hätten für ihre Illustrationen auf Erkenntnisse aus der Wirkungsästhetik zurückgegriffen. Laut Rosenberg dürfte dies Kandinsky aus seiner künstlerischen Ausbildung bereits bestens bekannt gewesen sein. Insofern überrascht es kaum, dass sich der russische Künstler in seinem Standardwerk Über das Geistige in der Kunst (1911) intensiv mit Rudolf Steiner beschäftigt, die Forschungen von Besant und Leadbeater aber unerwähnt bleiben.

Rosenberg verteidigt einen Standpunkt, der das Aufkommen abstrakter Bilder weit vor das Jahr 1910 datiert und in ihnen einen Impuls erkennt, unsichtbare Welten sichtbar zu machen. Der Code, in dem sich dieser Versuch vollzöge, sei die Abstraktion, also eine Zeichensprache, die keine Wiedergabe der äußeren Welt darstellt. Mit seiner Kritik an der Zäsur, die sich um das Jahr 1910 vollzogen habe, beeinflusste Rosenberg unsere inhaltliche Arbeit an der Ausstellung und dem Katalog sehr. Seine Kritik ermöglicht es, Künstlerinnen wie Houghton oder af Klint in andere Narrative und Verstehenskontexte einzubinden und sie nicht als Ausnahmen innerhalb einer vermeintlich stringenten Fortschrittsgeschichte der Moderne zu marginalisieren.

5. Robert Stockhammer

Stockhammer, Robert: Zaubertexte. Die Wiederkehr der Magie und die Literatur 1880–1945, Berlin 2000.

Um ihre mediumistischen Arbeiten schaffen zu können, gaben die Künstlerinnen ihr Ego an der Ateliertür ab. Ähnlich prägnant ließe sich auch das Schaffen von John und James Whitney beschreiben: Für ihre in den 1940er Jahren entstandenen abstrakten Experimentalfilme gaben sie ihr Ego zwar nicht an der Ateliertür ab, wohl aber an eine selbstgebaute Maschine. „Die Maschine impliziert, was künstlerisch möglich ist“, so fasste es John, der ältere der beiden Brüder, zusammen. Ihr Streben nach Bild- und Klangwelten, die keinerlei Anbindung an die gegenständliche Welt mehr aufweisen sollte, profitierte stark von ihrem Glauben an die Technik und die geisterhaften Erscheinungen, die sie hervorbringt. Ihre Five Film Exercises (1943–45) wirken trotz der ausgefeilten technischen Methoden, die sie hervorbrachten, wie ein geisterhafter Code, der uns aus einer anderen Welt zugesandt wird.

Die Whitneys wirkten in einer Zeit, die stark vom technischen Fortschritt geprägt war – insbesondere in ihrer Heimat Kalifornien. Die Rüstungsindustrie des Zweiten Weltkriegs hatte die Entwicklung des Computers um ein Vielfaches beschleunigt. John Whitney baute vom Militär ausgemusterte Exemplare so um, dass sie für bildgebende Verfahren eingesetzt werden konnten – unter anderem für die esoterischen Filme seines Bruders.

Die Gleichzeitigkeit von Positivismus auf der einen und einem ausgeprägten Interesse am Okkultismus auf der anderen Seite sind Gegenstand des Buchs des Literaturwissenschaftlers Robert Stockhammer. Derartige Tendenzen seien nicht als Widerspruch zu begreifen. Vielmehr zeige sich, dass die scheinbar disparaten Bereiche in der Zeitspanne von 1880 bis 1945 im Begriff der „Magie“ zueinanderfinden. Damit werde nicht nur das Okkulte attribuiert; auch die Leistungen der neuen Übertragungs- und Speichermedien wie Grammofon, Telefon, Film oder drahtlose Telegrafie finden ein Erklärungsmodell im Begriff der Magie. Man könnte Stockhammers Argument in die Zeit der Whitneys übertragen und behaupten, dass sich auch in der kalifornischen Gegenkultur der Nachkriegszeit derartige Tendenzen fortsetzten: Die Verfügbarkeit neuartiger bildgebender Verfahren durch Computer sowie die Raumfahrt führten nicht zum Übertritt in ein rationales Zeitalter, sondern zu einem gesteigerten Interesse an Science Fiction, Eskapismus, Selbstfindung und Bewusstseinserweiterung.

Sebastian Schneider ist wissenschaftlicher Volontär am Lenbachhaus und Kurator der Ausstellung Weltempfänger. Georgiana Houghton – Hilma af Klint – Emma Kunz

 

Veröffentlicht am 14. Dezember 2018

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