Gib mir fünf!

Von Marta Koscielniak.

An einem nasskalten Winterabend gehört es – sicherlich nicht nur für mich – zu den schönsten Aktivitäten, sich auf dem heimischen Sofa eine DVD anzuschauen. Gabriele Münter wäre an einem solchen Tag wohl ins Kino gegangen, denn ihre Passion für den Film kam schon um 1900 auf und damals hatte noch mehrere Jahrzehnte lang niemand einen Fernseher zu Hause; die Einführung der VHS-Kassette Ende der 1970er-Jahre erlebte sie nicht mehr. Münter liebte das Kino, wo sie auch war – Berlin, München, Paris, Murnau – sie nutzte das dortige Kinoprogramm und setzte sich sogar häufig allein in Filmvorführungen. Aus diesem Grund beginnen meine fünf Lektüretipps zu Gabriele Münter statt mit Buchtiteln mit zwei Filmhinweisen.

Da Münter die Titel gesehener Filme in ihrem Tagebuch festhielt, kennen wir heute eine lange Liste davon. In unserer aktuellen Ausstellung »Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife« werden Ausschnitte aus insgesamt zwölf dieser Filme im abgedunkelten Medienraum in der Rotunde des Kunstbaus und als Projektionen an den Ausstellungswänden gezeigt. Zwei davon sind meine persönlichen Lieblinge: (1) Charlie Chaplins Film »Der Zirkus« (1928) und (2) »Fräulein Else« (1929) des Regisseurs Paul Czinner. Es ist erstaunlich und bewundernswert, wie Charlie Chaplin auch 90 Jahre nach Erscheinen seines »Zirkus« heutige Zuschauerinnen und Zuschauer verlässlich zum Lachen bringt. »Chaplin«, so denken Viele, »das ist doch nichts Neues, den kennen wir doch auswendig«. Wer diesen Stummfilm, zu dem das Multitalent übrigens auch Drehbuch und Musik schrieb, noch nicht gesehen hat, darf sich selbst überzeugen: Nichts daran ist langatmig, nichts altbacken. Die Sketche sind einfach, perfekt in der Ausführung und zeitlos. Da die Komik über die Mimik, den Körper und seine Agilität vermittelt wird, bedarf sie keiner Übersetzung ins Heute. Das trifft bei Weitem nicht auf alle Komödien der 1920er/30er-Jahre zu. Vor allem Tonfilme dieses Genres aus den 1930er-Jahren wirken auf uns oft unerträglich, da ihr Humor aus der Zeit gekommen ist. Nicht so jedenfalls in Chaplins »Zirkus«!

Der zweite Film, »Fräulein Else«, zeigt die wunderbare Elisabeth Bergner in der Hauptrolle. Münter war vermutlich angetan von dieser Darstellerin, da sie in den 1920er-Jahren drei Filme mit ihr sah und ihren Namen im Tagebuch notierte. Bergner war eine weltberühmte österreichisch-britische Theater- und Filmschauspielerin und Regisseurin. Sie arbeitete auch als Modell für Wilhelm Lehmbruck, der sich 1919 angeblich wegen seiner unerwiderten Liebe zu ihr das Leben nahm. In der Rolle der 19-jährigen Else hüpft, singt und strahlt sie mit einer solchen Unbekümmertheit durch den Film, dass Verliebtheitsgefühle sich wohl in den meisten einstellen dürften, die ihr dabei zusehen. Als die Handlung ins Tragische kippt, wirkt ihr Schauspiel ebenfalls stark und nuanciert. Nicht zuletzt trägt die hervorragende Arbeit dreier Kameramänner, unter ihnen der wohl bekannteste deutsche Stummfilmkameramann Karl Freund, zu der mitreißenden visuellen Erscheinung bei.

Aber auch ein Buch kann helfen, die Trübheit eines Tages zu vertreiben, zum Beispiel unser reich bebilderter (3) Katalog zur Ausstellung »Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife« (2017), die Publikation (4) »Gabriele Münter. Die Reise nach Amerika. Photographien 1899-1900« (2006) oder das bedeutsame Werk (5) »Gender Trouble« (1989) der Philosophin Judith Butler.

Wer Münters Kinoleidenschaft genauer nachvollziehen möchte, findet im aktuellen Ausstellungskatalog »Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife« eine Liste der Filme, die sie nachweislich gesehen hat. Der Katalog vermittelt in der Hauptsache einen umfassenden Überblick über das Lebenswerk dieser großen Künstlerin der Moderne. Er enthält farbgetreue Abbildungen der Exponate, die Mehrzahl davon Gemälde (rund 130), sowie Texte der Kuratorin Isabelle Jansen, die Münters Schaffensprozesse, künstlerische Fragestellungen und wiederkehrende Motive erhellen. Der reichhaltige Anhang macht unter anderem in einer beeindruckenden Liste ihrer Einzelausstellungen deutlich, wie hoch Münter schon zu Lebzeiten im internationalen Kunstbetrieb angesehen und wie gut sie vernetzt war.

Wer sich von der Klarheit der Bildkompositionen in ihren Amerikafotografien angesprochen fühlt, dem sei darüber hinaus der von Helmut Friedel und Annegret Hoberg herausgegebene Katalog »Gabriele Münter. Die Reise nach Amerika. Photographien 1898-1900« empfohlen. Zahlreiche Aufnahmen, die die damals Einundzwanzigjährige während eines Nordamerikaaufenthalts mit ihrer Schwester gemacht hat, sind darin veröffentlicht. Sie lassen in die kargen Landschaften der dünn besiedelten Südstaaten um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert blicken, porträtieren einerseits Münters Verwandte in ihren vertrauten Umgebungen und dokumentieren andererseits anonyme Begegnungen. Aufsätze von Isabelle Jansen, Daniel Oggenfuss und Ulrich Pohlmann ermöglichen es, tiefer in diese Themenwelt einzutauchen, sowohl von biografischer, als auch von kunst- und fotografie-historischer und technischer Seite.

Wenn es darum geht, die Hintergründe der öffentlichen Wahrnehmung und Selbstdarstellung einer Künstlerin wie Münter über die Jahrzehnte hinweg zu verstehen, gibt es unter anderen die Möglichkeit, es im Vergleich mit ihren männlichen Kollegen zu tun. Dabei ist die Lektüre der bahnbrechenden Schrift »Gender Trouble« von Judith Butler besonders lohnend. Ihr Konzept der »Performativität von Geschlecht« sensibilisiert für die Narrative in Selbst- und Fremddarstellung, die die Identität einer Person als »Frau« oder als »Mann« überhaupt ausmachen. So spiegelt sich in vielen selbstbezogenen Aussagen Münters und in Kommentaren über sie oder ihr Werk die ihr unter dem Blickwinkel des jeweiligen Zeitgeists zugedachte Rolle als »Frau« wider. Gleichzeitig gelang es ihr aber auch oft, sich durch ihr eigenständiges Handeln gängigen Klischees zu widersetzen. Eine Gender-Philosophie wie die von Butler vermag es, das Weltbild einer Leserin oder eines Lesers in Bezug auf Geschlechtsrollenverhalten gehörig umzukrempeln, sei es im historischen Rückblick, in der Sicht auf die Gegenwart oder im eigenen Umfeld. Eine starke Persönlichkeit wie Münter kann mit ihrem ernsthaften, lebenslangen Engagement für das eigene Werk ein Vorbild sein. Begleitend zu der offensichtlichen Beharrlichkeit ihrer künstlerischen Produktivität wird auch immer wieder in Aussagen über ihr Werk ihr künstlerisches Selbstbewusstsein deutlich. Davon zeugt auch das Zitat aus dem Jahr 1951, das am Eingang der Ausstellung im Kunstbau zu lesen ist: »Wenn es ein Kunstverstehen gibt, dann werden meine Arbeiten in allen großen Museen der Welt hängen.«

Marta Koscielniak ist wissenschaftliche Assistentin bei der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung und schätzt die kalte Jahreszeit, weil man endlich mal dazu kommt, den übers Jahr angehäuften Bücherstapel zu lesen.

Die Publikationen und Filme sind im Museumsshop und online erhältlich.

Sie möchten mehr über Gabriele Münter erfahren? Ein Interview mit der Kuratorin Isabelle Jansen finden Sie hier.

Veröffentlicht am 14. Dezember 2017

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