Von Kirsten Degel.

„Wenn es ein Kunstverstehen gibt, dann werden meine Arbeiten in allen großen Museen der Welt hängen.”

Die Zeit hat ihr Recht gegeben. Seit Anfang Mai zeigt das Louisiana Museum of Modern Art in Humlebaek, Dänemark die umfassende Gabriele Münter-Retrospektive, die zuvor im Lenbachhaus zu sehen war und anschließend ins Museum Ludwig in Köln geht. Es ist die erste große Ausstellung seit 25 Jahren!

Gabriele Münter in Dänemark

In Dänemark konnte man die Werke Gabriele Münters das letzte Mal vor genau 100 Jahren sehen. 1918 hatte sie im Künstlerhaus Den Frie Udstilling in Kopenhagen ihre bisher umfangreichste Einzelausstellung mit über 100 Gemälden, 20 Hinterglasbildern und zahlreichen Zeichnungen und grafischen Arbeiten. Das wunderbare Plakat, das Münter für diese Ausstellung selbst entwarf, ist nun ebenfalls wieder zu sehen.

Dass Münter erst jetzt wieder in Skandinavien gezeigt wird, verwundert umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Künstlerin von 1915 bis 1920 in Stockholm und Kopenhagen gelebt und gearbeitet hat. Durch die Vermittlung von Herwarth Walden und seiner Berliner Sturm-Galerie kam es in Skandinavien zu einer intensiven Ausstellungstätigkeit. Die Bilder aus diesen Jahren lassen erkennen, dass der Aufenthalt in Skandinavien eine Zeit der künstlerischen Neuorientierung für Gabriele Münter war. Ihre Bildsprache veränderte sich entscheidend und entfernte sich deutlich von der Blauen Reiter-Periode.

Leider war die Resonanz auf die Ausstellungen nicht überwältigend und die Pressestimmen eher gleichgültig, wenn nicht negativ. Der Verkauf ihrer Werke blieb gering, und sie musste sich ihren Lebensunterhalt mit dem Malen von Porträts verdienen. „Wie ein fremder Vogel ist Gabriele Münters Kunst bei uns”, schrieb die Kopenhagener Tageszeitung Politiken, „ein exotischer Gast in unserer nordischen Stadt.” Am breiten Publikum gingen die Ausstellungen vorbei, aber unter den Künstlern etablierte sich Münter als Mitglied der europäischen Avantgarde.

100 Jahre später klingen die dänischen und schwedischen Pressestimmen ganz anders, durchgehend positiv und überaus begeistert:

„Münters beste Bilder sind ein quicklebendiges Spiel mit der Farbe als Ausdruckskraft und affektivem Wert, voll von equilibristischen Experimenten und beispiellosen Farbkombinationen. Das ist – wie eine Definition des Expressionismus lautet – die Welt durch ein Temperament gesehen. Selbst mit 100 Jahren auf dem Rücken strahlt das Temperament und die visuelle Begeisterung aus den Bildern, ansteckend und verliebt.” (Rune Gade, Information)

Wurde Münter damals in ihren besten Arbeiten ein gewisses Nachahmungstalent zugestanden, wird sie jetzt als „eine fantastisch originale Malerin” beschrieben (Bente Scavenius, Børsen) und ihr „Farbkraft und künstlerischer Wille” zugeschrieben (Mai Misfelt, Kristeligt Dagblad). In der Tageszeitung Jyllandsposten schreibt Tom Jørgensen: „Ihre Kunst ist progressiv, ohne ausschließend zu sein, und traditionserweiternd, ohne still zu stehen und zurückzublicken.”

Andere Räume, anderer Kontext

Es ist immer interessant zu sehen, wie die gleiche Ausstellung bei in großen Zügen gleicher Werkauswahl in anderen Räumen und anderem Kontext zu unterschiedlicher Rezeption anregt und andere Akzente sichtbar machen kann.

Da die Künstlerin hier in Dänemark und Schweden einem breiten Publikum noch fast gänzlich unbekannt ist, und Louisiana als Museum für moderne Kunst im Gegensatz zum Lenbachhaus mit seiner umfangreichen und ständigen Präsentation von Künstlern um den „Blauen Reiter” sowie seiner unmittelbaren geografischen Nähe zu Murnau, dem langjährigen Wohn- und Schaffensort von Gabriele Münter, keinen natürlichen (kunst-)historischen Kontext hat, war die Ausgangsposition eine ganz andere, und die Ausstellung musste entsprechend auch anders aufgearbeitet werden.

Wir haben versucht, dies nicht durch andere oder zusätzliche Werke zu tun, sondern die Ausstellung durch das Ergänzen von zusätzlichen Vermittlungszonen zu untermauern. So steht am Anfang zum Beispiel eine Kurzbiografie, gefolgt von ausgewählten Zitaten der Künstlerin, die sie als kluge, humorvolle und selbstbewusste Frau vorstellen. Abgerundet wird die Einführung durch ein großes Fotoporträt der trotzig-munteren, rauchenden Münter um 1926.

In der Ausstellung, auch bei uns thematisch gehängt, gibt es zu jedem Thema einen Einführungstext. Zusätzlich dazu haben wir auch hier bei einigen Werken Münter selbst zu Worte kommen lassen. Darüber hinaus ist eine umfassende und reich bebilderte Biografie in die Ausstellung eingebettet. Über einen Touchscreen können die Besuchenden durch eine digitale Ausgabe des Almanachs des Blauen Reiter durchblättern. An anderer Stelle zeigt eine Diashow Ansichten historischer Ausstellungen und wird durch eine komplette Liste der Einzelausstellungen, die Münter zeitlebens hatte, ergänzt. Durch diese kleinen Eingriffe wird der Rundgang durch die Ausstellung durch andere Informationsformate aufgemischt und schafft Pausen in der Bildervielfalt. Als Abschluss wird der eigens zur Ausstellung produzierte Dokumentarfilm von Marieke Schroeder gezeigt.

Um den kunsthistorischen Kontext weiter zu vertiefen, sind im Rahmenprogramm zwei Veranstaltungen geplant: der Vortrag „Gabriele Münter und ihre Zeit in Skandinavien” von Annika Öhrner und der Vortrag „Gabriele Münter und der Blaue Reiter” von Hermann Schmid.

Ausstellungsarchitektur

Da sich die Raumsituation im Louisiana Museum vom Kunstbau des Lenbachhauses unterscheidet, war auch hier eine andere Umsetzung nötig. Die Ausstellung ist thematisch strukturiert, doch kann man sich nicht wie im Lenbachhaus frei durch die Themen bewegen, sondern folgt durch die feste Raumfolge einem vorgegebenen Rundgang.

In Zusammenarbeit mit der Architektin Maya Lahmy wurde die charakteristische Louisiana-Architektur mit unterschiedlichen Raumgrößen und -höhen durch wenige, leicht aus der Raumachse versetzte Stellwände ergänzt. Mit den Raumteilern entsteht eine intime Atmosphäre für die Präsentation der oft kleinformatigen Exponate und zugleich eine dynamische und offene Raumstruktur mit durchgängigen Blickachsen, die Querverweise zu anderen Themen ermöglichen.

Der Farbwechsel der Ausstellungswände zwischen schlichtem Weiß und einem warmen, dunklen Grau, das die Leuchtkraft der Werke verstärkt, unterstreicht eine dynamische – geradezu rhythmische – Raumfolge und bietet den Besuchenden einen abwechslungsreichen Parcours.


PS: Die Vielseitigkeit der experimentierfreudigen Künstlerin kommt an beim skandinavischen Publikum! In den ersten vier Wochen kann die Ausstellung bereits mehr als 70.000 Besucher verzeichnen.


Kirsten Degel ist Kuratorin am Louisiana Museum of Modern Art Humlebaek, Dänemark.

Veröffentlicht am 7. Juni 2018

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