Von Iris Winkelmeyer und Ingo Nussbaumer.

Alle kursiv gesetzten Passagen und Abbildungen sind dem Vortrag Auf der Suche nach den prismatischen Farbrelationen von Ingo Nussbaumer anlässlich der Buchpräsentation der Edition Lenbachhaus 05, Franz Marcs Prisma entnommen. Wir bedanken uns bei Herrn Nussbaumer sehr herzlich für das überarbeitete Manuskript, das die Grundlage für diesen Beitrag bildet.

Ingo Nussbaumer, Maler, Philosoph und Kunsttheoretiker aus Wien beschäftigt sich seit langem umfänglich mit den Erkenntnissen von Isaac Newton und Johann Wolfgang v. Goethe zu Farbe und Licht. Sein bahnbrechendes Buch1 zur Entdeckung der „unordentlichen Spektren“ verdankt sich seiner Auffassung von Kunst als einem Forschungsorgan. Kunst ist nicht bloß angewandte Wissenschaft oder eine bloße theoriegeleitete Handlung, ebenso wenig eine bloß betrachtende und auf Erkenntnis hin abzielende Wissenschaft, sie ist eine – wie ich meine – hervorbringende und werkgenerierende, eine poietische Wissenschaft, in der Subjekt und Objekt konkret und aktuell durchdrungen werden.

In Franz Marcs Verwendung eines achromatischen Doppelprismas zur Überprüfung von Komplementärkontrasten sieht Ingo Nussbaumer ein schönes Beispiel für die Klärung der Verhältnisse von Kunst und Wissenschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert. Marc äußerte sich 1911 wie folgt:

… „Dass ich prismatische Farben anzuwenden suche, ist nicht das bestimmende meiner Farbenkunst. Es ist meine persönliche Begeisterung für diese reinen Farben“…

Marc zieht prismatische Phänomene für seine neuen Gemälde heran und lobt den luziden Charakter und die chromatische Kraft der spektralen Farben. Er sucht „der verdammten Beliebigkeit“ zu entkommen, sucht nach einer höheren Idee auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. Doch vor welchem historischen Hintergrund bewegt sich Franz Marc mit seinem Wunsch nach optischen Gesetzen und Regeln im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts?

Die in Deutschland später als in England und Frankreich einsetzende industrielle Revolution barg enorme Veränderungen, wie wir sie derzeit in anderer Ausprägung durch die Digitalisierung erleben. Forschung im Bereich der Optik – und damit verbunden die Erforschung von prismatischen Farben befeuerte einen Wissenschaftsboom in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland, mit einem Zentrum hier in München. (Steinheil, Merz, Fraunhofer u.a.) (Abb. 1)

Die Erkenntnisse dieser optischen Forschungen wiederum flossen im 19. Jahrhundert in die Fachbücher zu Farbtheorie und Malpraxis ein. So etwa wurden auch Instrumente wie das achromatische Doppelprisma besprochen und herangezogen, das Franz Marc offensichtlich kannte und mit dem er experimentierte. Mithin besteht ein Zusammenhang zwischen der wissenschaftlichen Erforschung des Lichtes zu Beginn des 18. Jahrhunderts und der Malerei der Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Ingo Nussbaumer spannt rund um „Franz Marcs Prisma“ einen großen historischen Bogen, in dessen Zentrum Goethe und Newton stehen.

Goethes 1810 erschienenes Werk Zur Farbenlehre stellt eine komplexe Untersuchung zum Phänomen der Farbe in drei großen Teilschriften vor, mit einem eigenen kritischen oder polemischen Teil zu Newtons Theorie. In seinen Schriften ging es Goethe weniger um die Zerlegung des Lichtes, zu der er ganz eigene Vorstellungen entwickelte, als vielmehr um die Totalität der Farbe. Im Zuge seiner Auseinandersetzung mit den prismatischen Farben räumt er auch dem umgekehrten Regenbogenspektrum (heute als „Goethespektrum“ bekannt) eine bedeutende Rolle zu. In diesem findet sich Purpur oder Magenta in der Mitte wie Grün im normalen Spektrum oder Newtonspektrum. Auch ordnet er die Farben in seinem Farbkreis so an, dass sich die Komplementärfarben der beiden Spektren diametral gegenüberstehen, um der Totalität der Farben damit geordneten Ausdruck zu verleihen. Die Rezeptionsgeschichte zeigt, dass sich alle bedeutenden Künstler der frühen Moderne mit Goethes umfassender Farbenlehre intensiv auseinandersetzten. (Abb. 2)

Goethes geliebte und auch als „Pfirsichblüt“ bezeichnete Farbe Purpur lässt sich physikalisch in Rot und Blau zerlegen bzw. aus der Überlagerung der farbigen Enden zweier Regenbogenspektren herleiten. Diese Tatsache wie auch jene, dass Purpur im normalen Spektrum nicht vorkommt, führte zu dem Schluss, dass Purpur keine Grundfarbe bzw. kein (homogenes) Grundlicht sein kann, sondern eine zusammengesetzte Farbe darstellt.

Allerdings lässt sich auch das Newtonsche Grün aus den cyanblauen und gelben Enden des Goethespektrums mischen, das im Blick durchs Prisma gleichfalls in Gelb und Türkis zerfällt, d.h. analog zum Purpur sich zerlegt. Was aber tatsächlich noch viel verblüffender ist und noch niemand zu kennen scheint: Wird dieses Grün, das sich aus den Enden zweiter Goethespektren mischt und sich im Blick durch ein Prisma zerlegt, mittels einer Öffnung in einen dunklen Raum geschleust und dann durch ein Prisma angeschaut, zerlegt es sich nicht. In Finsternis gebettet spaltet sich das Grün nicht weiter auf, im weißen Licht zerfällt es. Dies zeigt die Relativität prismatischer Erscheinungen. Darum könnte die Devise gelten: Beide Spektren, das Newton- wie Goethespektrum sind (mit all ihren Entstehungsbedingungen) zusammenzudenken. Gemeinsam bilden sie die Totalität der spektralen Farberscheinungen aus den polaren Ausgangsbildern, aus positiv und negativ, aus Spalt und Steg.

Goethes Lehre behandelt sowohl die physiologische, physikalische, chemische und biologische Seite der Farben, aber auch die sinnlich-sittliche Wirkung und das Kolorit bis zur Geschichte der Farbenlehre selbst, womit sich wohl erstmals eine Farbwissenschaft im umfassenden Sinne des Wortes konzipiert. (Abb. 3)

Phänomene wie der Sukzessiv- und Simultankontrast, die bei Goethe im Zusammenhang mit dem Begriff des farbigen Schattens zum Tragen kommen, führen auch bei anderen Forschern wie Michel-Eugène Chevreul zu Untersuchungen, die einen großen Einfluss auf die Malerei ausübten. Man denke in diesem Zusammenhang an die Pointillisten (deren Farbflecken sich direkt bei Chevreul abgebildet finden) sowie den Divisionisten oder die „Disques“ von Sonia und Robert Delaunay, die auch mit Franz Marc korrespondierten und gemeinsam mit dem Blauen Reiter ausstellten.

Doch nicht nur Newton und Goethe, sondern viele weitere Forscher trugen früh zum Wissenskomplex „Farbe“ bei, Ingo Nussbaumer hob hier Roger des Piles, einen Zeitgenossen Newtons, hervor, der 1673 den Unterschied zwischen la couleur und le coloris, also zwischen Farbe und Farbgebung (Kolorit) herausstrich. Mit dieser Unterscheidung verdeutlicht sich ein Paradigmenwechsel in der Kunst und Kunstauffassung an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, der sich historisch im Streit um disegno und colore, zwischen Zeichnung und Farbe von der Renaissance her formuliert. Die Farbe als Wesen der Malerei rückte nun in den Vordergrund – und beschäftigte Franz Marc noch zweihundert Jahre später.

Ein weiterer Farbforscher, der ganz im Sinne Newtons dachte und ihn weiterentwickelt ist der deutsche Physiker und Mathematiker Christian Ernst Wünsch. Ihm gelingt der experimentelle Nachweis, dass sich Gelb aus Rot und Grün, desgleichen Hochblau (Cyan oder Türkis) aus Grün und Blau zusammensetzen und mithin alle Farben des Spektrums sich aus den drei Grundlichtern Rot – Grün – Blau (RGB) komponieren lassen. (Abb. 4)

Jakob Christoph Le Blon stellte einen weiteren Meilenstein in der Entwicklung der Farbmischung dar. Er war noch ein Zeitgenosse Newtons und gilt als Erfinder der Dreifarbentheorie des Druckes, die auch heute noch in veränderter Form und mit den drei Pigmenten oder auch Tinten Cyan, Magenta und Gelb (CMY) zur Anwendung kommt. Ihm gelingt der Nachweis der sogenannten Schwarzmischung, d.h. dass sich aus drei Grundfarben Gelb, Rot und Blau ein Schwarz mischen lässt. Historisch betrachtet, beginnt sich mit Le Blon die Differenz zwischen Licht und Stofffarben weiter aufzuschließen. James Sowerby, wiederum ein Zeitgenosse Goethes, veröffentlichte 1809 „A new elucidation of colours“ und bot eine weitere Facette in der Annäherung von Farblicht und Farbpigment, wobei auch er sich an prismatischen Erscheinungen orientierte. (Abb. 5 und Abb. 6)

Später, im Jahre 1910/11 rang Franz Marc mit einem Spezialprisma, das in den ihm bekannten Farbenlehren erwähnt wurde – darunter Werke von Wilhelm v. Bezold, Ernst Brücke und Michel-Eugène Chevreul – um die optimalen Komplementärkontraste und „Reinheit der Farben.“

Viele Besucherinnen und Besucher des Lenbachhauses bemerken, dass die Gemälde des Blauen Reiter heute noch so farbig und intensiv wirken: Dies ist das Ergebnis langer Forschung im Bereich der Naturwissenschaften (Physik/Chemie) und der Künste, ohne deren Errungenschaften Franz Marc und der Blaue Reiter zweihundert Jahre nach Isaac Newtons revolutionärer Forschung die neuen Werke nicht hätte erschaffen können.

Iris Winkelmeyer ist Leiterin der Restaurierungsabteilung im Lenbachhaus und Autorin des Buches Franz Marcs Prisma.

Iris Winkelmeyer, „Franz Marcs Prisma“
Edition Lenbachhaus 05, München 2018, deutsch/englisch, 63 Abbildungen, 128 Seiten, ISBN 978-3-88645-198-2, 18 Euro. https://www.webshop-lenbachhaus.de

Ingo Nussbaumer, „Zur Farbenlehre – die Entdeckung der unordentlichen Spektren“
Wien 2008, Engl. Broschur mit 240 Seiten, 37 Schwarzweiß- und 32 Farbtafeln,
ISBN 978-3-901190-38-4, 38 Euro. https://www.splitter.co.at

 

1 Ingo Nussbaumer, „Zur Farbenlehre – die Entdeckung der unordentlichen Spektren“, Wien 2008.

Veröffentlicht am 8. Februar 2019

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