Von Eva Huttenlauch.

Nicht immer sagt ein Bild mehr als tausend Worte: Warum hätte sonst die Malerei immer wieder Übergriffe auf die Sprache und Anleihen bei der Schrift gemacht? Wenn Andy Warhol sein Bild „Whaam!“ oder Richard Hamilton „AAH!“ sprechen lässt, so spielen beide mit dem Darstellungsmittel der Sprechblase, die im 20. Jahrhundert zum Ausdruckswerkzeug der Trivialliteratur geworden war. In diesen Beispielen werden Bilder um Schriftliches erweitert. Was, wenn umgekehrt das Wort mittels Schrift zum Bild wird? Hier treffen wir auf Pietro Sanguineti.

Zu Beginn seiner Ausbildung stand Pietro Sanguineti vor einem anderen Kunstbegriff als dem durch die Neuzeit geschaffenen. Die Pop Art hatte in den 1960er-Jahren das Kunstwerk auf den Boden der visuellen Wirklichkeit geholt und in Werbung und Produktdesign verortet. Die Jugendkultur des Hip-Hop, der Street Art und die öffentlichen künstlerischen Selbstdarstellungen des Graffitikultes bestimmen Sanguinetis Bildungsjahre. Vor allem die Äußerungen der Graffitikultur mit ihren komplexen, für die öffentliche Wahrnehmung kaum erfahrbaren Differenzierungen, nahm er aufmerksam wahr. An der Hip-Hop-Kultur interessierten Sanguineti vor allem die Destruktivität als öffentlicher Widerspruch zur urbanen Ordnung, die neuen, identitätsstiftenden Strukturen innerhalb derer sich ein neues subkulturelles Ordnungssystem etablierte sowie die Sprachzertrümmerung und Satzfragmentierung.

Sanguinetis Arbeit beginnt mit der Suche nach dem richtigen Wort: Bestimmte Wörter dominieren als Mode das allgemeine Sprachleben, wo sie eine Zeit lang präsent sind (super, 2007). Manche Findungen fallen ihm intuitiv zu, manche sind im Bewusstsein präexistent (stop, 2000), andere ergeben sich aus gezielten Forschungen in kunsttheoretischen und philosophischen Texten (EGO, 2009). Außerdem beobachtet er aufmerksam, welche Sprachformeln aus der Unterhaltungskultur und der Werbeästhetik in die tägliche Begriffswelt und in den Wortschatz der Umgangssprache eingehen.

Mit dem Entschluss, die Bedeutungsdimension eines Wortes künstlerisch zu bearbeiten, hat Sanguineti die gedankliche Seite des künftigen Werkes bereits festgelegt. Der nächste Schritt ist die Suche nach der angemessenen Gestalt. Bewusst löst Sanguineti das gewählte Wort aus einem potentiell sinnstiftenden Satzverbund. Diesen Sinnverlust gleicht er mit visuellen Mitteln aus: Er bearbeitet das Wort durch plastische Effekte, elektrisches Licht, Schriftart und Farbe in 3-D-Computeranimationen. Der Schriftzug verwandelt sich so zum Schriftbild: das Wort ist nicht länger einem visuellen Motiv verknüpft sondern auf die anschauliche Ebene eines Bildes gehoben. Diese Schriftbilder überträgt Sanguineti anschließen in Leuchtkästen – wie bei EGO (2009) oder now (2009) – oder leuchtende Wortskulpturen – wie bei fake (2015). Einerseits instrumentalisiert er dadurch aktives Licht, um das Werk zur Anschauung zu bringen, anderseits gibt ihm das Licht jene Bedeutungsdimension an die Hand, die den Inhalt auf ein höheres Reflexionsniveau hebt.

Licht ist zwar eines der ältesten Gestaltungsmittel der Malerei; die erweiternden Möglichkeiten des künstlichen Lichtes sind jedoch seit der Erfindung der Glühbirne (1878) und der Leuchtröhre (1909) als aktives Element lange vernachlässigt worden. Erst mit den 1950er-Jahren entstanden vielfach Werke, die auf die Zufuhr von Strom und auf Steckdosen in den Museumswänden angewiesen waren: Lucio Fontana (erste Neoninstallation 1951), Robert Watts, Mario Merz, Dan Flavin, Martial Raysse, Keith Sonnier, Pier Paolo Calzolari und Joseph Kosuth gehörten zur ersten mit Neonlicht arbeitenden Generation. Es ist nicht ohne Bedeutung, dass unter ihnen Ingenieure und Performancekünstler waren, und dass die Amerikaner mehr formalistische Ansätze verfolgten, während die Europäer ihrer Arbeit einen dezidiert symbolisch-poetischen, das heißt gedanklichen Ansatz unterlegten. Sie bemächtigten sich als erste systematisch des innovativen technischen Potenzials von künstlichem Licht, sodass Sanguineti sich hier auf bereits erbrachte Pionierleistung berufen, geöffnete Räume betreten und erweitern konnte. Er schloss sich jener künstlerischen Auffassung an, die Licht und das Licht ausstrahlende Medium vor einen Bedeutungshintergrund stellt. Ihn faszinierte die historische Tradition der Lichtregie im Bild und ihre inhaltliche Aufladung.

Er fasst das Kunstwerk als eine sich anschaulich offenbarende sinnliche Mitteilung über den Istzustand der kulturellen Situation auf. So auch bei fake, das aktuell in der Ausstellung I’m a Believer. Pop Art und Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung zu sehen ist. Das eingängige Wort, von Sanguineti in markanter Typografie ausbuchstabiert, erinnert unweigerlich an Werbung und Logos. Gleichzeitig enthält seine Arbeit eine politische Dimension: Sie verweist auf die Virulenz von Fake News, also in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen, die den Zusammenhalt einer online vernetzten Massengesellschaft ins Ungleichgewicht bringen sollen.

Gekürzte und leicht veränderte Version aus der Publikation Pietro Sanguineti (hrsg. vom Hatje Cantz Verlag, 2010).

Eva Huttenlauch ist Sammlungsleiterin der Kunst nach 1945 und Kuratorin der Ausstellung I’m a Believer. Pop Art und Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung.

Veröffentlicht am 17. Januar 2019

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