Von Anna Straetmans.

Alfred Kubin war nicht nur Maler, Zeichner und freier Schriftsteller. Er war vor allem leidenschaftlicher Leser. Mit seinem Umzug nach Zwickledt 1906, weg aus der Kunstmetropole München, in das abgelegene Schlösschen auf dem Land, wurde Kubin nicht nur ein fleißiger Briefeschreiber, der aufmerksam das Schicksal seiner vielen Freunde verfolgte und zugleich seine eigenen Probleme mit ihnen teilte. Er sammelte auch eine ungeheure Menge an Büchern, die ihn von nun an mit den Ideen und dem Weltgeschehen der Außenwelt verbinden sollten.

Seine Bibliothek in Zwickledt ist dafür das beste Zeugnis: Der Bestandskatalog zu Kubins Nachlassbibliothek notiert nicht weniger als 5594 Titel. Nach diesem umfassenden Katalog zu urteilen, erfüllte Kubins Buchhändler Horst Stobbe mit seiner „Bücherstube am Siegestor“ in München dem Künstler jahrzehntelang selbst die schwierigsten Wünsche. Neben den vielen Titeln zur Kunstgeschichte, die Kubin interessierten, waren es vor allem jene Novellen, Geschichten und Romane, bei denen die Motive des Unwirklichen und Grotesken im Vordergrund stehen. Kubin schreibt über diese Vorliebe: „Da ich selbst einen etwas phantastischen und wilden Begriff von Welt und Leben mit mir herumtrage, liegt es nahe, daß mir die Werke derjenigen Autoren am besten gefallen, welche irgendwie meine eigenen Anschauungen berühren. […] es ist sozusagen Verwandtschaftsluft, die hier weht.“1

Den Begriff des „Phantastischen“, den Kubin anführt, verweist dabei nicht nur auf das Unglaubliche, Wunderbare oder auch Großartige, das wir in unserer Umgangssprache mit dem Wort „phantastisch“ verbinden, sondern auch auf den übergeordneten Genrebegriff der Phantastik aus der Literaturwissenschaft, zu dessen bekanntesten Vertretern unter anderem E. T. A. Hoffmann, Edgar Allan Poe, H. G. Wells, Franz Kafka, H. P. Lovecraft, J. R. R. Tolkien, aber auch Alfred Kubin selbst zählen. Die Ausstellung im Lenbachhaus Phantastisch spielt mit ihrem Titel genau auf diese inhaltliche Ausrichtung von Kubins künstlerischem Schaffen an.

Denn neben dem alptraumhaften Frühwerk, das von seinen biografischen Erfahrungen geprägt ist, diente Kubin vor allem die Literatur als wegweisende Inspirationsquelle für seine Arbeit. Die Vorliebe für bestimmte Geschichten und Autoren und die Verbundenheit zu ihnen, führten zu jenen intensiven Illustrationen, die Kubin im Laufe seines Lebens auf Papier verewigte und die ihn zu einem der bedeutendsten Zeichnern und Buchillustratoren des 20. Jahrhunderts machten.

Schon 1907 beschäftigte er sich, im Auftrag des Münchner Verlegers Georg Müller, mit Buchillustrationen, darunter auch zu einem ersten Novellenband von Edgar Allan Poe. Und bereits mit seinem Roman Die Andere Seite von 1909 positionierte sich Kubin nicht nur als Schriftsteller, sondern vielmehr als Meister der Kombination aus Wort und Bild, die sich in seinem Roman gegenseitig durchdringen und ergänzen. Während seiner gesamten Tätigkeit als Buchillustrator – dem umfangreichsten Schaffensbereich des Künstlers – ist die Verbindung von Text und Illustration so eng wie nur möglich. Kubin selbst äußert dazu: „In meinem Fall war es jedesmal ein starkes seelisches Erlebnis, mich mit dem Geist einer Dichtung schaffend vertraut zu machen. Dieses Bemühen, ganz in das Werk des Dichters einzudringen, reicht weit über die am Zeichentisch verbrachten Stunden hinaus. Die hingebende, etwas feminine Komponente im Illustrator ist bei mir ziemlich betont, und ich fühle mich jedesmal von den sonderbarsten Schauern berührt, wenn ich das Dichtwerk, dem ich einen Leib zu geben habe, vertieft kennenlerne.“2

Diese tiefgehende Auseinandersetzung mit der den Zeichnungen zugrundeliegenden Geschichten erklärt wiederum die Intensität der Illustrationen Kubins, die im Buch eine weite Verbreitung fanden und bis in die Gegenwart hinein Künstler in ihrem Schaffen beeinflusst haben und noch immer inspirieren. Somit ist Kubin, wie Matthias Mühling in seiner Einleitung zum Ausstellungskatalog anmerkt, nicht nur Mitbegründer und Wegbereiter des Blauen Reiter mit seinem Streben nach einem „Geistigen in der Kunst“, sondern auch des phantastischen Films, des Surrealismus und der Graphic Novel, die alle bis heute im Hollywood-Film nachwirken.

Aus diesem Grund freuen wir uns sehr, parallel zur Ausstellung, eine Auswahl an Filmen zeigen zu können, die, genau wie die Zeichnungen Kubins, das Bizarre und Irrationale fokussieren. Phantastische Geschichten, die Kubin selbst gelesen, illustriert und in seine eigene Bildwelten überführt hat und das zu einer Zeit, als er in regem Austausch mit den Künstlern und Künstlerinnen des Blauen Reiter stand.

Freuen Sie sich daher mit uns auf den 27. November, an dem wir Jean Epsteins, Der Untergang des Hauses Usher zeigen. Ein Film, der 1928 unter dem Mitwirken des jungen Luis Buñuel entstanden ist und dessen gleichnamige Geschichte Kubin bereits 1909 im Novellenband Das schwatzende Herz und andere Novellen von Edgar Allan Poe bebilderte.

Am 29. Januar präsentieren wir Ihnen dann die Filmwelt von The Sandman der Quay Brothers aus dem Jahr 2000, dessen Vorlage Der Sandmann Kubin schon 1913, in E. T. A. Hoffmanns Buch Nachtstücke, mit Illustrationen versah. Inwieweit diese Illustrationen auch Einfluss auf die beiden Filmemacher hatten, erfahren wir in dem sich anschließenden Künstlergespräch mit Stephen und Timothy Quay. Wir laden Sie herzlich dazu ein mit uns in diese phantastischen Geschichten einzutauchen.

Anna Straetmans ist wissenschaftliche Volontärin am Lenbachhaus und kuratorische Assistenz der Ausstellung Phantastisch! Alfred Kubin und der Blaue Reiter.

 

1 Alfred Kubin, „Lieblingsbücher“ von 1913, in Alfred Kubin: Aus meiner Werkstatt, 1976, S. 165.

2 Alfred Kubin, „Wie ich illustriere (1933)“, in Alfred Kubin: Aus meiner Werkstatt, 1976, S. 69 f.

Veröffentlicht am 22. November 2018

2 Gedanken zu “Alfred Kubin und die phantastische Welt der Geschichten

  1. Ich besitze ein Buch von Alfred Kubin. Er hat Tristan und Isolde illustriert und jede Seite handsigniert. Ich würde ihnen das Buch gerne zeigen. Mit freundlichen Grüßen Annerose Schindler

  2. Liebe Frau Schindler,

    vielen Dank für Ihre Nachricht.
    Die Städtische Galerie im Lenbachhaus ist eine öffentliche Institution, die strengen Richtlinien unterliegt, was Auskünfte über Kunstwerke anbelangt. Das heißt, wir dürfen prinzipiell keine Kunstwerke begutachten, wir geben keine Auskunft über die Einordnung von konkreten Kunstwerken und machen keine Zuschreibungen, Wertschätzungen oder Angaben über Preise. Bitte wenden Sie sich bei solchen Fragen an vereidigte Kunstsachverständige (www.bv-kunstsachverstaendigen.de) oder den Kunsthandel.

    Herzliche Grüße
    Ihr Lenbachhaus-Team

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