Alfred Kubins Roman Die Andere Seite gehört zu den bedeutendsten und originellsten Büchern der phantastischen Literatur – und rief bei seinem Erscheinen 1909 großes Aufsehen und Verstörung hervor. Darin erhält der Ich-Erzähler eines Tages die Einladung eines ehemaligen Schulfreundes und begibt sich mit seiner Frau von München aus in dessen irgendwo im Inneren Asiens gelegenes Traumreich. Die Traumtadt „Perle“ entpuppt sich als ein Überwachungsstaat, beherrscht von dem meist unsichtbaren Herrscher Patera, und wird in apokalyptischen Visionen von Gewalt, Tierplagen, Seuchen, Zerfall und sexuellen Ausschweifungen untergehen. Kubins Roman hat als Anregung für Franz Kafkas Das Schloß gedient und wurde bald als Vorahnung des Untergangs der alten bürgerlichen Welt und der Habsburger Donaumonarchie im Ersten Weltkrieg verstanden.

Im Rahmen der Ausstellung Phantastisch! Alfred Kubin und der Blaue Reiter liest Till Firit – Schauspieler am Residenztheater – heute Abend aus den bildgewaltigen Visionen des Romans. Ein paar Kostproben finden Sie jetzt schon hier:

„Als Folge von Debauchen (frz.; Ausschweifungen) und Schwelgereien war die Nervenzerrüttung im Traumland eine furchtbare geworden. Die bekannten Geistes- und Nervenkrankheiten, Veitstanz, Epilepsie und Hysterie, traten jetzt als Massenerscheinungen auf. Nahezu jeder Mensch hatte einen nervösen Tic oder litt an einer Zwangsvorstellung. Platzangst, Halluzinationen, Melancholie, Starrkrämpfe mehrten sich in besorgniserregender Weise, aber man tollte fort, und je mehr sich die grauenhaftesten Selbstmorde häuften, umso wüster trieben es die Überlebenden. (…) Die Zügellosigkeit steigerte sich, man wagte schließlich alles.“

„Die neun Halbwaisen aus meinem alten Wohnhaus erhielten nun öfters Besuch von Alfred Blumenstich, dem bekannten Wohltäter. Wie man sagte, sollen diese Visiten hauptsächlich den beiden ältesten Töchterchen gegolten haben. Er fuhr mit großen Konfekttüten beladen vor, man sah ihn in der Tür verschwinden, die der Vater selbst bewachte, damit Herr Blumenstich nicht gestört wurde.“

Die Traumstadt Perle, in der sich der Ich-Erzähler befindet, treibt dem Untergang entgegen, Tierplagen und Orgien häufen sich, schließlich setzt das Massensterben ein:

„Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. In diesem in allen Farben der Verwesung schillernden Gemenge stapften die letzten Träumer herum. Sie lallten nur noch, konnten sich nicht mehr verständigen, sie hatten das Vermögen der Sprache verloren. Fast alle waren nackt, die robusteren Männer stießen de schwächeren Weiber in die Aasflut, wo sie, von den Ausdünstungen betäubt, untergingen.“

Es kommt zum Endkampf zwischen Patera, dem ungreifbaren Herrscher des Überwachungsstaates und dem Amerikaner Herkules Bell. Dieser siegt, ist jedoch ebenfalls dem Untergang geweiht:

„Jetzt sah ich weit draußen den Amerikaner, welcher nun selber die furchtbare Größe Pateras hatte (…). Mit aller Kraft schlug er sich auf die Brust, es klang wie ein stählernes Schallbecken, das Gedröhne betäubte mich fast. Dann schmolz dieses Ungeheuer schnell zusammen, nur sein Geschlecht wollte nicht kleiner werden, und schließlich klebte er wie ein unscheinbarer Parasit an einem über alle Möglichkeiten großen Phallus. – Dann fiel der Parasit wie eine getrocknete Wanze ab, gleich einer ungeheuerlichen Schlange kroch das fürchterliche Glied über die Erde, wand sich wie ein Wurm und verschwand, kleiner werdend, in einem der unterirdischen Gänge des Traumstaates.“

Was es mit diesem Roman auf sich hat, warum Kubin, der ja Zeichner, also ein bildender Künstler war, hier überhaupt plötzlich zum Schriftsteller wurde, erfahren Sie heute Abend bei uns!

Veröffentlicht am 24. Oktober 2018

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