von Isabella Cramer.

In der Ausstellung „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ sind die zur Schau gestellten Exponate zwar per definitionem nicht zeitgenössisch – doch die Ausstellung ist es. Der Besucher kann unter Zuhilfenahme zweier grüner Klebepunkte mit dem Aufdruck „…ist schön“ – à la facebook – Bilder markieren, beziehungsweise „liken“. Warum? Weil die Besucher so mitbestimmen können, welche Bilder bei der Neueröffnung im Mai 2013 im Lenbachhaus auf jeden Fall wieder zu sehen sein sollen – oder auch nicht. An dieser Stelle bietet es sich somit an, eine weitere Visualisierung zu bemühen, den grünen Recyclingpunkt. Diese Mischform – mit zusätzlichen Konnotationen versehen als Hybrid zu denkende Form – aus facebook like-Daumen und grünem Recyclingpunkt, charakterisiert treffend das Wesen des grünen Klebepunktes und stellt Fragen: Was wird wiederverwendet, was nicht, und warum sollten sich die Kuratoren daran orientieren, was die Rezipienten „liken“? Oder ist dies gar nicht der Fall?

Zunächst muss es für den Kurator aus ökonomischen Gründen interessant sein, was die Besucher mögen. Unabhängig davon, ob der Grund hierfür die „Schönheit“ eines Werkes ist oder ob es für ihre Entscheidungen andere oder auch gar keine Motive gibt. Festzuhalten bleibt die logisch sowie wirtschaftlich begründbare Tatsache, dass der Kurator, ebenso wie die Ausstellung selbst, auf ein Publikum angewiesen ist, da deren Existenz und Erfolge in Relation zu dem Faktor Besucher stehen. Somit ist das Verteilen der Punkte ein guter Indikator für den Kurator, was die Besucher mögen, und für den einzelnen Besucher ein Hinweis darauf, was die andern Besucher mögen. Der Besucher kann seine Punkte, ohne sich erklären zu müssen – oder zu dürfen – verteilen. Dies ist insofern kritisch zu sehen, als dass hier zwar sowohl die Möglichkeit entstehen kann, für sich, oder im Austausch mit anderen, Entscheidungen über das Verteilen der Punkte zu reflektieren, jedoch ist zugleich die Gefahr eines Missbrauchs der Punkte gegeben, indem diese beispielsweise lediglich auf Grund des Kriteriums der Quantität dort platziert werden, wo sich entweder noch keine, oder bereits besonders viele Punkte befinden. Folglich würden die Punkte keine Aussage mehr über das machen, was Besucher mögen.

Ob die Kuratoren die Mehrheitsentscheidungen der Betrachter für die Sammlungspräsentation bei der Wiedereröffnung des Lenbachhauses in irgendeiner Art und Weise berücksichtigen, kann ich, genauso wie die anderen Besucher, nicht beurteilen, aber ich fühle mich zumindest durch dieses Verfahren integriert. Meine Meinung scheint gefragt zu sein. Anstatt mit einem unveränderlichen Bilderkanon, sehe ich mich mit Möglichkeiten konfrontiert. Jemand möchte nicht nur wissen, was ich schön finde, sondern stattet mich zugleich mit Entscheidungsgewalt aus. Die passive Semiotik dieses Satzes verweist auf eine Tatsache, die es sich bei einer Ausstellungsbetrachtung jedoch immer vor Augen zu führen gilt: die Kuratoren haben bestimmte Arbeiten ausgewählt, andere Werke weggelassen, und präsentieren diese schließlich in einer ganz spezifischen Form. Das ist natürlich auch hier der Fall, obwohl diese Tatsache möglicherweise genau dadurch verschleiert wird, dass mir die Illusion der Entscheidung vermittelt wird. Oder aber auch das Gegenteil könnte der Fall sein. Vielleicht wird die Thematik der Perspektivierung dem ein oder anderen erst jetzt bewusst, wenn er, oder sie, sich Gedanken über die Konzeption von Ausstellungen macht. Festzuhalten bleibt auf jeden Fall, dass mit dieser Ausstellung definitiv ein Raum für Verhandlungen geschaffen wurde. Sei es nun um über die Motive für die Auswahl der von einem präferierten Bilder, über die Thematik des Schönen, über Perspektivierungen oder über das, was „hinter“ einer Sammlungspräsentation steht, zu diskutieren.

Die zeitgenössische Ausstellungsform ist nicht generalisierend, fest verwurzelt und verborgen, sondern vielfältig, verhandelbar und offen.

Es gilt somit im Kunstbau weiterhin Punkte zu setzten. Jedoch sollten die grünen Klebepunkte hierbei vielleicht eher als Anführungszeichen oder Fragezeichen denn als Punkte interpretiert werden. „Like“.

Isabella Cramer ist Teilnehmerin des Hauptseminars „Im Bauch des Museums“am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilian-Universität München (Prof. Dr. Burcu Dogramaci)
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