von Karin Althaus.

Die Wahl von Lovis Corinths „Selbstbildnis mit Skelett“ zu einem der Favoriten unserer Besucher hat uns nicht weiter erstaunt; als für Corinth zuständige Kuratorin halte ich das Gemälde für eines der faszinierendsten und bedeutendsten der Sammlung des Lenbachhauses. Umso mehr hat mich überrascht, dass Emilie von Hallavanyas „Selbstbildnis“ ebenso viele Stimmen auf sich vereinigen konnte.

Als wir das Gemälde aus seiner Verpackung holten, war ich zunächst enttäuscht: es ist in einem unpassenden, billig wirkenden Rahmen präsentiert, stark nachgedunkelt und bedarf einer Restaurierung. Der schlechte Zustand verhindert aber offensichtlich nicht den Blick für die Qualitäten dieser Selbstdarstellung einer Künstlerin. Die Komposition erinnert an Corinth: vor einem Atelierfenster präsentiert sich Emilie von Havallanya im Gegenlicht, das ihr ernst blickendes Gesicht verschattet. Sie sitzt auf einem Schemel mit Maltutensilien in den Händen. Das Mobiliar des Ateliers, Pflanzen, Papiere, Malutensilien sind impressionistisch gemalt.

„Das ist mein Lieblingsbild, weil die Frau so traurig guckt“, schreibt die 8-jährige Clara im Begleitprogramm von KuKi – Kunst für Kinder. Der Ausdruck der Malerin – souverän, ernst, aber auch melancholisch – scheint allgemein ein wichtiger Grund für die Anziehungskraft des Gemäldes zu sein. Auch die sommerliche Stimmung mit leichtem pastellfarbenem Kleid und Sonnenlicht im Fenster drängt sich bei längerer Betrachtung in den Vordergrund.

Leider ist das Bild nur signiert, jedoch nicht datiert. Die Angabe in unserem Bestandskatalog, entstanden „um 1915“, war nur eine Vermutung und basiert vor allem auf stilistischen Überlegungen. Emilie von Hallavany wurde 1874 in Pula (Kroatien) geboren, studierte zuerst an der Zeichenakademie in Graz und ab 1893 in München. Sie pendelte zwischen München und Graz, bis sie 1909 auf die Fraueninsel im Chiemsee zog, wo sie bis zu ihrem Tod 1960 wohnte. Auf dem Bild ist eine sehr junge, wenn auch selbstbewusste Künstlerin dargestellt – vielleicht eher eine

Dreißig- als Vierzigjährige. Vermutlich ist also die Entstehungszeit früher anzusetzen, um 1905, was eher zum Alter der Dargestellten passen würde. Auch die impressionistische Malweise ließe sich stilistisch in die allgemeine Entwicklung im deutschsprachigen Raum einordnen, wo die Malerin um 1905 durchaus noch auf der Höhe der Zeit wäre. Hallavanyas Stil entwickelte sich später in Richtung Neue Sachlichkeit.

Das Selbstbildnis von Emilie von Hallavanya wurde 1935 von der Städtischen Galerie direkt von der Künstlerin erworben. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden ihre Frauenfiguren für ihre „Stille […] voll verhaltener Kraft“ gelobt (in der Zeitschrift „Die Kunst“, Februar 1938) und zwischen 1937 und 1944 zeigte die über Sechzigjährige insgesamt sechs Bilder auf der Großen Deutschen Kunstausstellung im Münchner Haus der Kunst (www.gdk-research.de).

Natürlich ist die spätere Anerkennung von Hallavanyas Werk durch die nationalsozialistische Kunstpolitik bei der Frage mitzubedenken, ob und in welchem Kontext eines ihrer früheren Werke in der Dauerausstellung im Lenbachhaus gezeigt werden soll. Aber ganz unabhängig von inhaltlichen Entscheidungen bedarf es einer langen Vorlaufszeit, bis dieses Gemälde ausstellungsfähig ist – laut Isa Päffgen, Gemälderestauratorin am Lenbachhaus, sind dafür folgende Maßnahmen notwendig:

1. Im oberen Bildbereich gibt es akute Malschichtabhebungen mit Fehlstellen, die eine Festigung der Malschicht dringend notwendig machen.

2. Die gesamte Bildoberfläche wirkt stark verschmutzt; zunächst muss der tatsächliche Grad der Verschmutzung festgestellt werden; eine Oberflächenreinigung ist für eine Neupräsentation auf jeden Fall empfehlenswert.

3. Das Gemälde wurde verkleinert, es müsste auf einem neuen Spannrahmen auf sein ursprüngliches Format zurückgeführt werden, was möglich ist, weil die Malerei auf den Umspannkanten noch vorhanden ist. Eine Formatveränderung macht dann auch einen neuen Rahmen notwendig.

Solche Maßnahmen brauchen viel Zeit und können frühestens nach der Wiedereröffnung des Lenbachhauses begonnen werden. Die Besucherstimmen sind für uns dabei ein wichtiger Hinweis, dass sich der Aufwand für dieses Bild auf jeden Fall lohnen wird.

Karin Althaus ist Kuratorin der Ausstellung und Sammlungsleiterin für die Kunst des 19. Jahrhunderts und der Neuen Sachlichkeit.

 

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