von Karin Althaus und Susanne Böller.

In der Ausstellung „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ haben die Besucher die Möglichkeit, ihre Favoriten unter den präsentierten Kunstwerken zu küren. Auf einer langen Tischreihe im Kunstbau sind altvertraute neben kaum bekannten Werken zu sehen. Wir starten mit einer großen Auswahl von Köpfen: von Künstlerselbstbildnissen über Porträts von Männern, Frauen und Kindern bis hin zum Kopfgewimmel des Oktoberfests. Diese Präsentation wird sich in den kommen Wochen verändern, weshalb wir die jeweiligen Favoriten regelmäßig vorstellen.

Die Highlights aus der Sammlung des Lenbachhauses, insbesondere die berühmten Gemälde des Blauen Reiter, gehören zu den langjährigen Lieblingen unseres Publikums. Sie sind deshalb bereits „gesetzt“ und von der Wahl ausgenommen. Dies gilt auch für die Werke, die derzeit in den einzelnen Kabinetten zur Vorbereitung der Neupräsentation im Lenbachhaus installiert sind.

Schon am Samstag, dem zweiten Öffnungstag der Ausstellung, hat sich Lovis Corinths „Selbstbildnis mit Skelett“ von 1896 als ein absoluter Favorit herauskristallisiert, weshalb wir ihm im Folgenden ein paar Zeilen widmen. Hier sind sich die Besucher und die Kuratoren des Hauses einig: das Bild gehört zu den bedeutendsten unserer Sammlung. Am Ende des ersten Wochenendes war die Verteilung jedoch immer weniger eindeutig geworden, weshalb wir demnächst über die weiteren Favoriten – darunter selten bis nie gezeigte Werke – berichten werden.

Corinth malte, zeichnete und radierte regelmäßig Selbstporträts, fast 50 insgesamt. Er beobachtete aufmerksam seinen Alterungsprozess und dokumentierte schonungslos die Spuren, die Schicksal und Lebensgewohnheiten auf seinem Gesicht hinterließen. Gleichzeitig inszenierte er sich in wechselnden Rollen als Künstler.

Hier steht der Maler vor seinem Atelierfenster im 4. Stock des Hauses in der Giselastraße 7 in München-Schwabing. Wie die meisten Ateliers ist es nach Norden ausgerichtet, was für kühles, schattenarmes Licht sorgt. Weiter im Norden Schwabings hatte sich in den Jahren zuvor Industrie angesiedelt, davon zeugen die rauchenden Schlote. Corinth stellt sich nicht in Seitenansicht im Akt des Malens dar, die Referenz auf das eigene Spiegelbild erschließt sich deshalb nicht sogleich. Stattdessen fühlt sich der Betrachter von der massigen Unmittelbarkeit und dem eindringlichen, mürrischen Blick des Malers unmittelbar in Bann gezogen.

Ein aufgehängtes Skelett, wie es Corinth hier im Nacken sitzt, gehörte im 19. Jahrhundert zur Standardausrüstung für Kunstakademien und Künstlerateliers. Doch spielt es in einer ganzen Reihe prominenter Künstlerselbstbildnisse die ironisch-ernste Rolle des Knochenmannes, der auf die inhaltliche Nähe von künstlerischer Inspiration und Tod verweist. Zweifellos kannte Corinth berühmte Vorbilder wie das Selbstporträt Arnold Böcklins mit einem fiedelnden Skelett oder das von Hans Thoma, dem ein Skelett über die Schulter schaut.

Im Jahr 1896 erhielt die Gegenüberstellung von Skelett und strotzender Künstlerpersönlichkeit besondere Prägnanz. Die ersten Röntgenphotographien waren gerade an die Öffentlichkeit gelangt – eine Sensation mit Enttäuschungen – der Blick ins Innere des Menschen offenbarte keinesfalls seinen Charakter, sondern lediglich sein Knochengerüst. So ist auch von dem Skelett vor dem grellen Hintergrund keinerlei Aufschluss über die Psyche des Malers zu erwarten.

Und es hat noch eine besonder Bewandtnis mit diesem Utensil, es verweist auch auf einen aktuellen Anlass im Leben den Künstlers: Gerade war Corinth der Münchner Freimaurererloge „In Treue fest” beigetreten. Im Aufnahmeritual spielte das Skelett als Aufforderung, sich mit dem Tod auseinander zusetzten, eine ganz wesentliche Rolle. Corinth trägt eine gemusterte Krawatte zum buntkarierten Hemd – nicht unbedingt die Wahl eines modebewussten Herrn – doch achten Sie auf die kleinen verschlungenen Ringe – auch sie sprechen von Treue. Der Meister blieb bis an sein Lebensende Mitglied der Loge.

Karin Althaus ist Kuratorin der Ausstellung und Sammlungsleiterin für die Kunst des 19. Jahrhunderts und der Neuen Sachlichkeit.

Susanne Böller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Sammlungen, Ausstellungen, Forschung.


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