Von Sandra Dichtl

Malerei als überwältigendes Erlebnis aus Licht und Farbe zu erfahren, das ermöglicht seit Mai 2017 die Ausstellung »Mentales Gelb. Sonnenhöchststand« im Lenbachhaus. Sie zeigt einen Teil der Sammlung KiCo von Doris Keller-Riemer und Hans-Gerd Riemer, die das Lenbachhaus ebenso wie das Kunstmuseum Bonn seit vielen Jahren ganz maßgeblich bei der Erweiterung und Ergänzung ihrer Sammlungen unterstützen.

Doris Keller-Riemer und Hans-Gerd Riemer sind noch sehr jung, als sie bei einer Klassenfahrt in London Gemälde von William Turner sehen und sich augenblicklich dafür begeistern. Später, sie sind inzwischen verheiratet, beginnen sie Kunst zu kaufen und konzentrieren sich anfangs auf gegenstandslose Farbfeldmalerei, bei der Licht und Farbe im Vordergrund stehen. Die ersten Werke ihrer Sammlung, angekauft in den frühen 1990er-Jahren, stammen von Jerry Zeniuk, der heute mit der größten Anzahl an Werken (insgesamt 58!) in der Sammlung KiCo vertreten ist.

Seiner Liebe zum Medium Malerei blieb das Ehepaar treu, doch hat es seine Sammlung auf ein breites Feld bildbezogener Gegenwartskunst bis hin zu raumgreifenden Installationen ausgeweitet. Zu den »Eye-Catchern« der Ausstellung gehören gewiss die großen und zum Teil farbigen Wandarbeiten von Sol LeWitt und Franz Ackermann.

Der Sammeltätigkeit des Ehepaars lose folgend, möchte ich hier vier Ausstellungskataloge vorstellen, die eine tiefer gehende Beschäftigung mit einzelnen Künstlerinnen und Künstlern und Aspekten der Sammlung ermöglichen. Abschließend – als kleine persönliche Empfehlung – möchte ich noch eine Film-Serie für regnerische Tage nahelegen, auf die mich meine Mitarbeit an der Durchführung von »SYMPHONY 80« brachte.

1. William Turner – Licht und Farbe. Eine Ausstellung (im Museum Folkwang Essen u. Kunsthaus Zürich); hrsg. von Georg-W. Költzsch, Köln 2001.

Voller Begeisterung schildern Doris Keller-Riemer und Hans-Gerd Riemer noch Jahrzehnte nach ihrer gemeinsamen Klassenfahrt ihre erste Begegnung mit der späten Malerei von William Turner in der Londoner Tate Gallery of Modern Art. In einem Interview meinten sie dazu: »Farbigkeit – einfach Licht und Farbe, wie sie sich in den späten Turners ausdrücken! […] Dass pures Licht so ein elementares Thema ist und die Gegenständlichkeit verschwindet, das war es, was uns damals so bewegt hatte. Insofern waren Licht und Farbe in der Natur und deren Übersetzung in die Malerei die Themen, die uns von Anfang bei unserer Sammlungstätigkeit beschäftigt haben.«

Dieser Begeisterung für Turners Werke kann ich mich nur anschließen und möchte deshalb den umfangreichen Ausstellungskatalog des Museum Folkwangs in Essen und des Kunsthaus Zürich aus den Jahren 2001/2002 empfehlen. In Zusammenarbeit mit der Tate Gallery in London entwickelt, war es die Absicht der Ausstellungsmacher, das Schaffen des Künstlers zur Gänze darzustellen, weshalb der Katalog bestens dafür geeignet ist, sich einen Überblick über das Werk Joseph Mallord William Turners zu verschaffen.

Andrew Wilton, der seit 1985 Konservator der einzigartigen Turner Collection an der Londoner Tate Gallery ist und zahlreiche Ausstellungskataloge und weitere Publikationen zum Künstler veröffentlicht hat, führt in Turners Werk ein und liefert umfangreiche und spannende Bildkommentare. Insbesondere das Kapitel »Späte Ölgemälde« zeigt genau jene Werke aus der Sammlung der Tate, die einst Doris Keller-Riemers und Hans-Gerd Riemers Begeisterung weckten.

2. Gespräch zwischen Jerry Zeniuk und Evelyn Berger, in: Jerry Zeniuk, paintings: not for your living room; hrsg. von Museum Wiesbaden, Heidelberg und Berlin 2014.

Was bewegt Sammlerinnen und Sammler bei der Auswahl von Künstlerinnen, Künstlern und deren Werken? Bei Doris Keller-Riemer und Hans-Gerd Riemer war es die emotionale Wirkung, die durch die Wahrnehmung der Farben in Jerry Zeniuks Bildern entsteht, welche sie 1995 zu einem ersten Ankauf motivierte. Eines der Werke des Deutsch-Amerikaners war in buchstäblichem Sinne »not for the living room«, denn es ist – wie die meisten Arbeiten des Malers – einfach viel zu groß für das Privathaus des Ehepaares. So kam es, dass sie schon bald Gespräche mit Museen begannen, die schließlich zu einer besonderen Zusammenarbeit, in Form einer Stiftung, mit dem Lenbachhaus und dem Kunstmuseum Bonn führten.

Das im Katalog abgedruckte Gespräch zwischen Jerry Zeniuk und Evelyn Berger, Kuratorin der Zeniuk-Ausstellung 2014 im Museum Wiesbaden, verdeutlicht, wie sich die persönliche Präferenz der Sammler für Farbe und Licht in den Werken Zeniuks wiederfindet – diese Vorliebe zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch die Sammlung KiCo.

3. AUF ZEIT. Ausstellungskatalog, hrsg. von Johan Holten u. Friedrich Meschede, Köln 2013.

Manche Ausstellungskataloge schaffen es, über die Dokumentation einer Ausstellung hinaus einen besonderen Mehrwert zu bieten und werden in der Folge zu Standardwerken für das jeweilige Thema. »AUF ZEIT« ist solch ein Katalog.

Der Anlass für die Publikation waren die Ausstellungen zeitgenössischer Wandarbeiten in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden sowie der Kunsthalle Bielefeld im Sommer 2013. Neben der umfangreichen Dokumentation der Werke, deren Standort sogar anhand von Grundrissen nachvollzogen werden kann, bietet der Katalog einen ebenso breiten wie fesselnden Überblick über Wandmalerei im Allgemeinen: Er ist ein Standardwerk für alle, die sich mit dem Thema Wandmalerei – von der Höhlenmalerei über politische Graffitis bis hin zu Banksy – auseinandersetzen möchten.

So widmet sich etwa Jutta Hülsewig-Johnen in ihrem Beitrag diversen Beispielen expressionistischer Wandbilder, von August Macke und Franz Marc über Ernst Ludwig Kirchner bis hin zu Oskar Schlemmer. Neben Laszlo Glozer, der in seinem Text als damaliger Mitkurator über die legendäre Ausstellung »Westkunst« 1981 in Köln, aber auch die Präsentation von Großformaten auf der documenta und unter vielen weiteren Aspekten über den »Ausstieg aus dem Bild« reflektiert, sind es Anne Vieths Ausführungen, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Als Expertin für aktuelle Wandkunst gehandelt, lautet der Titel von Anne Vieths Dissertation »Addicted to walls. Zeitgenössische Wandarbeiten im Ausstellungsraum« (2014 als Taschenbuch erschienen). Ihr Text zum Thema »Die Wand« als werkkonstituierendes und ästhetisches Element im Raum ist auch durch die Querverweise auf die Funktion der Wand als architektonisches Element besonders lesenswert.

Abschließend sei auch die schöne Gestaltung dieses Kataloges hervorgehoben, die von strobo M. Friederich und J. von Klier stammt. Sie ist nicht nur klar, überaus ansprechend und abwechslungsreich, sondern setzt durch den Abdruck historischer Texte und Interviews (z. B. von Lawrence Weiner mit David Batchelor) im Originalformat auch auf historische Einbettung. Ein durch und durch gelungenes Ausstellungsbuch!

4. Arnulf Rainer. Ausstellungskatalog, hrsg. von Antonia Hoerschelmann und Helmut Friedel, Köln 2014.

Einst als Rebell und noch heute als Querkopf wie auch als Suchender bezeichnet, nannte Arnulf Rainer sich selbst einmal ein »Malschwein, das ungeniert in den Farben wühlt«. Mit breitem Fokus auf die europäische Malerei- und Kunstgeschichte analysierte er den Bildgegenstand sowie die Farbigkeit und stieß in deren Kern vor – verbunden mit einer radikalen Hinterfragung des Bildes und seiner Geschichte, dessen Vermarktung und Wahrhaftigkeit. Am Ende war in seinen Bildern (bis auf eine Ecke) alles Schwarz.

Jedem, der sich mit der Malerei und ihrer Entwicklung seit den 1950er-Jahren beschäftigen möchte, sei wärmstens an Herz gelegt, sich mit Arnulf Rainer und seinem Werk auseinanderzusetzen. Von den Anfängen in der informellen Malerei und den abstrakt-geometrischen Proportionsstudien der frühen 1950er-Jahre über die umfangreiche Beschäftigung mit der Übermalung als Konzept und seine gestische Malerei bis hin zu seiner Auseinandersetzung mit der Art Brut und schließlich der von ihm mitgeprägten Body-Art: Das Werk des österreichischen Künstlers bildet den Facettenreichtum der Malerei in den letzten sechs Jahrzehnten exemplarisch ab.

Aus Anlass des 85. Geburtstags von Arnulf Rainer wurde 2014 eine große Retrospektive in der Wiener Albertina gezeigt, die anschließend nach Baden-Baden übersiedelte und der Anlass für den vorliegenden Ausstellungskatalog war. Dieser bietet einen umfassenden Überblick über das Werk des Künstlers. Neben den Abbildungen zu den einzelnen Werkphasen sind es auch die Texte von Wegbegleitern wie Helmut Friedel oder Rudi H. Fuchs sowie Christina Natlacens Beitrag zu Rainers performativem Werk, die sich als Einstieg in das Schaffen von Rainer anbieten.

Auch Arnulf Rainer selbst hat eine große Anzahl von Texten verfasst, in denen sich aufschlussreiche Informationen mit scharfzüngigen Formulierungen zu pointierten Stellungnahmen verbinden und die ich hier nicht unerwähnt lassen möchte. (Arnulf Rainer. Schriften. Selbstzeugnisse und ausgewählte Schriften; hrsg. von Corinna Thierolf, Ostfildern 2010)

5. Mozart in the Jungle, TV-Serie 2014; zu sehen auf Amazon Prime

Ende Juni ermöglichte es Ari Benjamin Meyers mit seiner performativen Orchester-Installation und Choreographie die Sammlung KiCo und darüber hinaus das gesamte Lenbachhaus auf außergewöhnliche Weise durch ein Verschmelzen von Malerei und Musik zu erleben. Bei seiner »SYMPHONY 80« verteilten sich über 80 Musikerinnen und Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in sämtlichen Räumlichkeiten und spielten die eigens hierfür entwickelte Komposition durch das Wechseln des Standortes in immer neuen Konstellationen. Das ebenfalls zur Bewegung im Raum animierte Publikum erlebte ein dynamisches, abwechslungsreiches und perfektes Zusammenspiel von Musik und Malerei!

Eigentlich hört man in Museen viel zu selten Musik. So mein Gedanke, als ich wie gebannt vor der Percussionistin stand, die ihr Marimbaphon vor einer abstrakten Malerei von Adrian Schiess (»Sans titre«, 2009) zum Klingen brachte. Die Musikerin, das Bild, einige Kinder, einfach alles um mich herum fing sprichwörtlich an zu tanzen und war voller Klang, (Ton-)Farben und Bewegung.

Ari Benjamin Meyers »SYMPHONY 80« im Lenbachhaus aufzuführen, war auch ein logistischer Kraftakt. Minutengenau mussten die über 80 Musikerinnen und Musiker an ihre Spielorte in den Ausstellungsräumen geführt werden, sich zwischendrin umziehen, treppauf-treppab laufen, um schließlich gemeinsam beim großen Finale im Atrium wieder zu einem großen Orchester zu verschmelzen. Damit dies gelingen konnte, gab es exakte Zeitpläne und ein Team von Assistentinnen und Assistenten, das die Wege der Musikerinnen und Musiker im Haus koordinierte. Als Teil dieses Teams war ich nicht zuletzt auch von der sozialen Dynamik des Orchesters fasziniert – mitunter muteten die Profimusikerinnen und -musiker wie eine Schulklasse an, und ja, es werden in Symphonieorchestern tatsächlich Bratschen-Witze gemacht!

Als ich einer Kollegin vom Erlebten berichtete, empfahl sie mir die amerikanische TV-Serie »Mozart in The Jungle« – als ein wunderbares Beispiel dafür, wie man den Kosmos der klassischen Musik in ein kurzweiliges, kluges und populäres Format übersetzen kann. Die Serie basiert auf dem Buch »Mozart in the Jungle: Sex, Drugs, and Classical Music« von 2005, in dem die Oboistin Blair Tindall ihr Leben als Profimusikerin in New York beschreibt. Es geht darin um den Konkurrenzkampf in der Kulturmetropole und im Orchester, verzweifelte Riesenegos, Leben am Existenzlimit – und das alles für die Kunst!

Sandra Dichtl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Assistentin des Direktors am Lenbachhaus.

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