Von Susanne Böller

»Bildschön« definiert den Charakter und das Programm der Neupräsentation der Malerei des 19. Jahrhunderts, die seit Ende Februar im Lenbachhaus zu sehen ist. Mit den »Ansichten« des 19. Jahrhunderts bezeichnen wir sowohl die Bilder von Orten und Personen als auch die dahinter stehenden Meinungen. »Bildschön« ist ein Lob, das im 19. Jahrhundert sehr viel häufiger vergeben wurde. Heute neigen wir dazu, über den Begriff zu lächeln, denn nach der Moderne durfte ein Bild nicht mehr einfach nur schön sein. Wenn dem so war, dann stand es gleich im Verdacht nicht genügend Kunst, dafür umso mehr Unterhaltung zu sein.

Tatsächlich aber wurde das, was man damals als »bildschön« erkannte, in das kollektive Gedächtnis aufgenommen und seitdem vielfach aufgegriffen. Die damals erfundenen Motive bestimmen bis heute, was wir als romantisch, als traurig oder als schön empfinden. Durch ihre neue Vielfalt und enorme Verbreitung konnten diese Bilder nachhaltig wirken. Im Vergleich zu den Jahrhunderten zuvor gab es sehr viel mehr Bilder, denn nun entstanden neben der respektablen Historienmalerei und der religiösen Malerei, Verbildlichungen von brandaktuellen Themen, zahllose Porträts berühmter Persönlichkeiten, bildliche Berichte, die Landschaften und Menschen in nah und fern zeigten – das Spektrum erweiterte sich ständig. Gesehen und rezipiert wurde dieser neue Bilderkosmos zudem von sehr viel mehr Menschen als je zuvor, ob in den damals aufkommenden ausstellerischen Großereignissen, in Panoramen oder als Illustrationen in der Familienzeitschrift »Gartenlaube«.

Es handelte sich dabei nicht um abstrakte Schöpfungen, sondern um Darstellungen, die instruierten, begeisterten, amüsierten und dabei ästhetische Prämissen und Weltanschauung einfingen und verfestigten. Das gilt nicht nur für gemalte und gezeichnete Werke, sondern auch für die literarischen, vertonten – und letztendlich in der Folge auch für die gefilmten Bilder. Denn im 19. Jahrhundert wurden die Bilder durch die Fotografie technisch reproduzierbar und gegen Ende konnten sie bereits durch den Film bewegt werden.

Dieser Reichtum der Bilder war in seinem Charakter populär und umfassend, extrem vielschichtig und vielgestaltig. Dahinter steht ein inklusiver Kulturbegriff, den wir in unserer Ausstellung aufgreifen. Heute sind in Kunstmuseen in der Regel vor allem auratisch aufgeladene Vertreter des kunsthistorischen Kanons der Vormoderne zu sehen. In unserer Ausstellung hängen alle Arten von seinerzeit populären, angefeindeten oder vielleicht nur gleichgültig wahrgenommenen Bildern so selbstverständlich nebeneinander wie zu ihrer Entstehungszeit. Dadurch ergibt sich ein viel umfassenderes Bild, das gleichzeitig mehr unserer heutigen Erfahrung mit seiner diversifizierten Bilderwelt entspricht.

Damit diese Bilder aber wirklich aktuell werden, lassen wir sie über das erzählen, was sie damals bedeuteten und wie sie sich heute darstellen. Es geht nicht nur um das vordergründig Sichtbare, sondern um den Kontext, der dem zeitgenössischen Publikum wohlbekannt war. Die ganze Ausstellung ist in eine lockere Erzählstruktur eingebettet, die die Rolle des Künstlers als Schöpfer eines wirkungsvollen Bilduniversums thematisiert. Die Bilder veranschaulichen den Atelieralltag, Naturansichten, den Mythos Wald, Folklore, Ländliche Utopien, Gesellschaftsporträts und »Großes Theater«. Es werden Kontinuitäten aufgezeigt, etwa von den ersten gemalten Berglandschaften zu den Postkartenansichten, von theaterhaften Darstellungen des Waldes der Germanen zur Ökoszene, von den Genrebildern mit Trachtlern auf Almen zum deutschen Heimatfilm und viele mehr. Das 19. Jahrhundert ist eng mit dem 20. und unserer Gegenwart verzahnt: Auch wir haben die Sammlungen des Lenbachhauses immer so verstanden, dass sie die Kontinuität zwischen der Kunst des 19. Jahrhunderts und der Kunst unserer Gegenwart über die Moderne hinweg demonstrieren.

Unser Publikum hat die Ausstellung begeistert aufgenommen und immer wieder nach einer Publikation dazu gefragt, sodass wir uns entschlossen haben, das Buch zur Ausstellung nachzuliefern. Es stellt den Großteil der gezeigten Werke und erzählten Inhalte dar und eignet sich so zum Vor- und Nachglühen sowie zum Wieder- oder Neuentdecken.

Der Katalog zur Ausstellung ist ab sofort im Museumsshop sowie online erhältlich!

Bildschön – Ansichten des 19. Jahrhunderts, EDITION LENBACHHAUS 04, 2017, Texte von Susanne Böller, Deutsch / Englisch, 204 S., reich bebildert, 18 €

Susanne Böller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lenbachhaus und Kuratorin der Ausstellung »Bildschön – Ansichten des 19. Jahrhunderts«.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.