Von Sebastian Schneider

Die Ausstellung »After the Fact. Propaganda im 21. Jahrhundert« ist noch bis zum 17. September im Kunstbau zu sehen. Die darin gezeigten Kunstwerke thematisieren ideologische Konstrukte, die unsere Gegenwart bestimmen. Dabei rücken einige der 30 beteiligten Künstlerinnen und Künstler die Frage, wie wir zusammenleben wollen, in den Vordergrund. Vor diesem Horizont versucht die Ausstellung über Formen von Propaganda und deren Funktionen in der Gegenwart nachzudenken. Hier möchte ich vier Texte sowie einen Videoclip vorstellen, die die Auseinandersetzung mit ausgewählten Werken vertiefen können.

1. Edward Bernays: Die neue Propaganda, 2007, in: Stephanie Weber, Matthias Mühling (Hrsg.): After the Fact. Propaganda im 21. Jahrhundert, München 2017, S. 119-141
Im Buchladen des Lenbachhauses erhältlich.

Mit Edward Bernays wird ein Autor vorgestellt, dessen Beiträge bei der inhaltlichen Konzeption der Ausstellung von großer Bedeutung war. Edward Bernays (1891-1995) wurde in New York zum erfolgreichen Medienunternehmer, unterstützte politische Kampagnen und gilt heute als einer der Mitbegründer der modernen Public Relations (PR). Wie sein berühmter Onkel Sigmund Freud beschäftigte auch er sich mit menschlichen Wünschen und Trieben – allerdings mit solchen, die im Bereich des Konsums angesiedelt sind.

Ein Ausschnitt aus seinem Buch »Propaganda. Die Kunst der Public Relations« (2007) ist in dem Reader, der die Ausstellung begleitet, veröffentlicht. Darin plädiert Bernays für ein neutrales Verständnis von Propaganda. Diese sei »weder gut noch schlecht […], sondern [wird] erst durch den Gebrauch dazu gemacht«. Ebenso betont er, dass Propaganda gerade in modernen, kapitalistischen Gesellschaften notwendig und omnipräsent sei – eine Haltung, mit der er der weit verbreiteten Vorstellung, Propaganda sei ein rein historisches Phänomen, entgegenwirkt. Bernays’ Position ist für die inhaltliche Ausrichtung der Schau von zentraler Bedeutung. Sie lässt sich auch auf die Interpretation einzelner Werke anwenden: Samuel Fossos Selbstinszenierung als Kaiser von Afrika nutzt Propaganda als bildimmanente Strategie, um zu einer affirmativen Selbstbehauptung zu gelangen.

Darüber hinaus ist der kurze Ausschnitt aus Bernays’ Buch vor allem unter dem Stichwort der »neuen Propaganda« lesenswert, das der Autor ins Feld führt. Diese nehme nicht mehr das Individuum oder die Gesellschaft als Ganzes in den Blick, sondern interessiere sich für deren Anatomie »mit ihren zahllosen, verästelten und miteinander verwobenen Gruppierungen«. Die neuen Propagandatechnologien fokussieren auf die Netzwerke, in die das Individuum eingelassen ist und arbeiten daran, die Reaktionen, die sie durch Eingriffe hervorrufen, genau zu kontrollieren. Lange vor dem digitalen Zeitalter formulierte Bernays damit eine Gegenwartsdiagnose, die in Zeiten von Algorithmen und Bots mehr als trefflich scheint.

2. Aura Rosenberg: Berliner Kindheit, Göttingen 2002
Im Buchladen des Lenbachhauses erhältlich.

Die US-amerikanische Künstlerin Aura Rosenberg ist mit zwei Werken in der Ausstellung vertreten, die sich mit der Berliner Siegessäule beschäftigen. Rosenberg war in den frühen 1990er-Jahren nach Berlin gezogen. Der Umzug war für sie auch ein Anknüpfen an ihre eigene Familiengeschichte: ihre Großeltern waren 1939 vor den Nazis aus eben dieser Stadt geflohen. Vor Ort begann sie, sich intensiv mit ihrer eigenen, aber auch der Geschichte der Stadt auseinanderzusetzen. Zu einem zentralen Bezugspunkt wurden dabei die Schriften des Philosophen Walter Benjamin, insbesondere seine autobiografischen Textfragmente, die posthum in dem Buch »Berliner Kindheit um neunzehnhundert« (1950) veröffentlicht wurden. Ausschnitthaft beschreibt Benjamin darin Orte und Erlebnisse aus dem Berlin des Wilheminismus. Mit Hilfe der Fotokamera spürte Rosenberg Benjamins Erzählungen nach und verschränkte sie mit ihrer eigenen Lebensgeschichte. Die dabei entstandenen Fotografien und Texte sind in ihrem Buch »Berliner Kindheit« (2002) zusammengefasst. Auf vielen der Fotografien taucht Rosenbergs Tochter Carmen auf, die in den Neunzigerjahren ihre eigene Kindheit in Berlin durchlebte. Auch sie begibt sich bei einer Schmetterlingsjagd oder dem Versteckspiel in der elterlichen Wohnung auf die Spuren der Erzählungen. Benjamin selbst nahm sich auf der Flucht vor den Nazis in Spanien das Leben, eine Tragödie, vergleichbar mit dem Schicksal vieler anderer Juden aus Europa. Die Bilder von Rosenberg sind auch der Versuch, eine abgebrochene Biografie zu erinnern und sie neu zu beleben.

Verlust und Neuanfang sind zentrale Motive, die sich auch auf eine Rezeptionserfahrung von Rosenbergs Buch anwenden lassen. Während die Künstlerin dem benjaminschen Berlin der Jahrhundertwende nachging, zeigen ihre Fotografien ein Berlin der Jahrtausendwende, das sich heute ebenfalls verflüchtigt zu haben scheint: Die alte Berliner S-Bahn, wie sie am Savignyplatz über die Hochgleise donnert oder die Loveparade zu ihren besten Zeiten.

Rosenbergs in der Ausstellung gezeigte Skulptur »Siegessäule« (2001) bezieht sich auf einen Vers, der Benjamins Buch vorangestellt ist: «Oh braungebackne Siegessäule / mit Winterzucker aus den Kindertagen«. Die Künstlerin nahm diese bildliche Beschreibung wörtlich und buk das Denkmal aus Salzteig nach – in der Version vor dessen propagandistischer Instrumentalisierung durch die Nazis.

3. Émile Zola: Das Paradies der Damen, München 2013

Der Inhalt des Romans »Das Paradies der Damen« (1963) von Émile Zola ist schnell erzählt: Landei Denise droht im Paris des 19. Jahrhunderts an ihren wirtschaftlichen Nöten, der sozialen Kälte aber auch ihrer eigenen Integrität, mit der sie sich selbst im Weg steht, zu Grunde zu gehen. Auf unerwartete Weise ist es aber genau diese Eigenschaft, die die anfänglich ablehnenden Gefühle ihres erfolgreichen Chefs, dem Warenhausbesitzer Octave, in ihr Gegenteil verkehren. Auch wenn sie ähnlich empfindet, weist Denise Octaves Avancen lange zurück, bis sie im großen Finale ihren Widerstand aufgibt.

Das klingt nach schmalziger Liebesgeschichte und wenn Zolas sprachliche Kraft, sein Hang, in die Beschreibung seiner Figuren immer eine leichte Prise Spott zu mischen, nicht so überzeugend wäre, dann ließe sich die Erzählung mit Sicherheit auf diesen Aspekt reduzieren. En passant gibt Zola aber auch eine quasi-dokumentarische Darstellung der Pariser Warenhauskultur im 19. Jahrhundert. Er liefert damit eine literarische Zugabe zu wissenschaftlichen Untersuchungen, die die neu aufkommende Warenwelt und ihre Inszenierungsstrategien im Kontext von Sozialstrukturen, Städtebau aber auch mit Blick auf die Genese des modernen Kunstmuseums analysieren.1 Durch seine fundierten Recherchen im Vorfeld der Schreibarbeit blieben Zola die vielfältigen Verführungsstrategien, mit denen die »Grand Magasins« die vorrangig weiblichen Kundinnen an sich binden konnten, nicht unbemerkt. Auf verblüffende Weise deckt der Roman auf, dass viele dieser Verführungen, mit denen auch Octave bereitwillig experimentiert, bis heute praktiziert werden. Gleichzeitig stellt sich aus heutiger Sicht auch die Frage, was den Platz der großen Warenhäuser im Zeitalter des Online Shoppings eingenommen hat. Hat sich die Öffentlichkeit, die Zola beschreibt, einfach nur atomisiert oder finden sich in der virtuellen Welt neue Tempel, die unseren Konsum monopolisieren?

4. Oscar Wilde: Der Sozialismus und die Seele des Menschen, Zürich 1982

Die estnische Künstlerin Marge Monko zeigt in der Ausstellung ihr Werk »Forum« (2009). In dieser zweiteiligen Videoarbeit reinszeniert Monko eine Talkshow, die 2008 im estnischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Allerdings ersetzt sie die Redner – im Original handelte es sich um eine reine Männerrunde, zusammengesetzt aus wichtigen Vertretern aus Politik und Wirtschaft – durch weibliche Laiendarstellerinnen. Ebenso sprechen die Darstellerinnen den Text auf Russisch. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass viele Menschen in Estland nur Russisch verstehen und nicht zuletzt deswegen Ausgrenzungen in der Gesellschaft erfahren, wird deutlich, dass Monkos Intervention kritisch motiviert ist.

Im ersten der beiden Filme folgen die Frauen genau dem Skript, das das Original vorgibt. Im zweiten geben sie die ihnen angetrauten Rollen auf und erzählen aus ihrer eigenen Perspektive, welche Herausforderungen sich für sie als Frauen mittleren Alters, die zum Teil selbst von Arbeitslosigkeit betroffen sind, aus der gegenwärtigen Situation auf dem Arbeitsmarkt ergeben.

Im Zentrum der Arbeit steht eine kritische Auseinandersetzung mit demokratischen Repräsentationen. Wer wird ausgeschlossen und warum? Und welche Machtstrukturen werden so weiter aufrechterhalten? Gleichzeitig – und hier wird die Arbeit anschlussfähig an viele andere Werke, Zeitdokumente und Diskussionen im Rahmenprogramm von »After the Fact« – zeigt sie die Kälte auf, die Menschen von demselben System entgegengebracht wird und das sie schonungslos marginalisiert.

In diesem Zusammenhang sei auf Oscar Wildes Essay »Der Sozialismus und die Seele des Menschen« (1891) verwiesen – vielleicht gerade weil er so hoffnungslos utopisch ist und unserer gegenwärtigen Weltordnung fast feindlich gegenüberzustehen scheint. Wilde träumt darin von einer Zukunft, in der Maschinen jegliche Form von unangenehmer oder geistloser Arbeit übernehmen. Er plädiert für einen Sozialismus, in dem diese Maschinen allen gehören und sich das Problem der Armut von selbst erledigt. Das so entstandene Zeitvakuum soll mit einer radikalen Hinwendung zu den eigenen Interessen, vorrangig einer Beschäftigung mit dem Schönen, gefüllt werden.

Wildes extreme Form des Individualismus speist sich aus seinem tief empfunden Misstrauen gegen ein von Gönnerschaft korrumpiertes Einstehen für andere, das die Begünstigten in eine neue Form der Abhängigkeit bringt. Stattdessen hält er ein flammendes Plädoyer für Undankbarkeit und Unzufriedenheit für und mit dem herrschenden System, das insbesondere in Zeiten von Austeritätspolitik und Reduktionen von sozialstaatlichen Leistungen Gültigkeit behält.

5. »I’m not here to make friends« von richfofo, https://www.youtube.com/watch?v=w536Alnon24 (31.07.2017)

John Millers Werke beschäftigen sich oftmals mit der Alltags- und Populärkultur. Die Vorlagen für seine Malerei-Serie »Everything is Said« (2010) stammen aus dem Reality-TV. Millers Bilder halten jene dramatischen Momente fest, die für den Erfolg solcher Sendungen verantwortlich sind: Als Zuschauer wird man Zeuge einer scheinbar ungefilterten »Liveness« und vergisst dabei, dass es sich um hochgradig inszenierte Bilder handelt – sei es durch den Eingriff von Redakteuren, die einen Spannungsbogen kreieren müssen oder wegen der Teilnehmer, die sich mit Blick auf ihre eigene Medienkarriere geschickt zu vermarkten versuchen.

Ich muss gestehen, dass ich mich genau dieser Ambivalenz ebenfalls nicht entziehen kann. Mit großem Genuss habe ich Sendungen wie »Flavor of Love«, »The Real World« oder »Charm School« angesehen und es kommt vor, dass ich online nach kurzen Clips von ikonischen Szenen meiner Lieblingssendungen suche. Auf diese Weise bin ich auch auf ein Video des Youtube-Users richfofo gestoßen, das ich allen, die mein »guilty pleasure« teilen, wärmstens empfehlen möchte.

Das kurze Video besteht aus einer Aneinanderreihung von Szenen aus unterschiedlichen Castingshows, in denen die Teilnehmer ihr Sozialverhalten im TV-Wettkampf auf eine simple Formel herunterbrechen: »I’m not here to make friends«. Früher oder später fällt der Satz in einfach jeder Show! Wir lernen: Im Kampf um den Sieg ist jeder auf sich gestellt, Freundschaft ist Schwäche und wer der Versuchung doch erliegt, hat seinen Erfolg längst verspielt.

Neben diesem düsteren Ausblick gelingt es dem Video aber auch eine gewisse Komik zu erzeugen. Sie besteht meines Erachtens darin, dass die Absolutheit der Aussage durch ihre vielfache Wiederholung und die Nuancen, die darin aufscheinen, porös wird und sich in ihrer eigenen Idiotie enttarnt. Meiner Zuneigung zu einigen der TV-Sternchen tut dies allerdings keinen Abbruch. Auch wenn sie sich dagegen wehren – ihrer Verbissenheit zum Trotz würde ich ihnen gerne ein nett gemeintes »Ich mag Dich trotzdem« entgegnen.

Sebastian Schneider ist wissenschaftlicher Volontär am Lenbachhaus.

1 Vgl. hierzu: Tony Bennett: The Birth of the Museum. History, Theory, Politics, New York 1995. Chantal Georgel: The Museum as Metaphor in Nineteenth-Century France, in: Daniel J. Sherman, Irit Rogoff (Hrsg.): Museum Culture: Histories, Discourses, Spectacles, Minneapolis 1994, S. 113-122.

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