Von Elza Czarnowski

Wie böse ist eigentlich das Böse? Wo ist es zu verorten? Welches sind seine Instrumente, welcher Waffen bedient es sich und, wenn es das Böse gibt – wer gehört dazu und wer zählt eigentlich zu den Guten?

In einer Zeit des globalen Austauschs von Menschen, Waren, Ideen und Daten ist die Frage nach der Trennschärfe zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht, aber auch zwischen Wahrheit und Lüge immer schwieriger zu beantworten. Wir Menschen vereinen wohl beides in uns – oftmals, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Zum Beispiel?

Live Events werden aktuell von einer Flut von Kommentaren und Re-Posts in den sozialen Medien begleitet; nicht die Qualität, sondern die Masse der Kommentare und Likes ist von Bedeutung. In der globalen Aufmerksamkeitsökonomie kämpfen Psycholog*innen, Marketingstrateg*innen und ein ganzes Heer von User*innen um den einen Moment der Wahrnehmung. Jedes Mittel scheint recht zu sein, um die kurzlebige Konzentrationsspanne im Netz auszuschöpfen: Sarkasmus, Gewalt, Sex. Unter dem Deckmantel des Humors werden Inhalte oftmals unreflektiert verbreitet. Indem eine Gesellschaft viel über bestimmte Personen spricht, verleiht sie diesen Ruhm und in der Folge Macht – unabhängig davon, wie wertvoll der Beitrag dieser Personen zum Weltgeschehen erscheinen mag. Ein Phänomen wird zur Strategie wird zur Gefahr: »The elevation of the idiot[ic] has permanently damaged our standards, our morals, our civility, our arts and education, and is now on an impressive trajectory that will aim our future into captivating freefall.«, bloggte Hal Rubenstein 2016 in düsterer Vorahnung. Indem die Netzgemeinde Menschen in Machtpositionen zum Narren hält, nährt sie die Propaganda des 21. Jahrhunderts.

Die Ausstellung »After the Fact« setzt sich mit genau diesen Themen – Wahrheit, Ruhm, Macht – auf künstlerische wie intellektuelle Weise auseinander. Einzelne Werke zeigen den erstaunlich kurzen Weg einer scheinbar bedeutungslosen Nachricht oder Situation hin zu einer vermeintlichen Wahrheit auf, die oftmals inszeniert und bewusst verzerrt wird, um noch mehr Likes zu erzielen. Die Ausstellung legt die Macht und Assoziationskraft bestimmter Bilder offen, die sich immer wieder auf subtile Weise ihren Weg in unseren persönlichen Alltag bahnen und so unsere Vorstellung davon, was »normal« ist, prägen. Sie spielt mit eben jener Anziehungskraft von Gewalt, Sex und Drama, erregt Aufmerksamkeit mit provokanten Thesen und Bildern und verweist auf die stets mitschwingende Gewissheit: Wir sind es, wir, die sogenannte Mitte der Gesellschaft, Ausstellungsbesucher*innen, gebildete, kunstaffine Menschen, die wir durch unser Verhalten online wie offline, durch die Art, wie wir uns austauschen und durch unser Schweigen heute Propaganda schaffen und befördern.

Elza Czarnowski ist Volontärin der Kommunikationsabteilung im Lenbachhaus. Sie versucht per Facebook-Boykott ihren Alltag aufmerksamkeitsökonomisch zu gestalten.

Der Frage, wie sich Propaganda u.a. im Netz entwickelt und was man ihr entgegensetzen kann, widmen sich auch Julia Fritzsche, Simon Hegelich und Diana Rieger am Freitag, den 14. Juli um 19 Uhr in einem Gespräch im Lenbachhaus. Am Sonntag, den 16. Juli ab 19 Uhr befasst sich die Lecture-Performance »Situation mit Zuschauern« mit Moral, Voyeurismus und Aufmerksamkeit.

 

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