Von Beate Engl, Luise Horn und Stephanie Weber

Seit den 1970er Jahren baut der New Yorker Künstler Charles Simonds winzige Behausungen für die imaginäre Bevölkerung der Little People in Stadtvierteln auf der ganzen Welt, sogenannte Dwellings. Sie entstehen spontan und unangekündigt im öffentlichen Raum, in Nischen und Umbruchsituationen, überraschen aber auch in kommerziellen Schaufenstern, auf Mauervorsprüngen und auf Fenstersimsen. Bewusst schafft der Künstler seine Werke auf der Straße als materielle Umsetzung einer prozessualen Idee, die ebenso viel mit Bauen wie mit Verweilen zu tun hat, und dadurch seine künstlerische Handlung zur sozialen Strategie werden lässt. Einen ganzen Tag lang widmet er sich der Schaffung seiner Miniaturlandschaft aus verschiedenfarbigem Ton, winzigen Tonziegeln, rotem Sand und Weidenstöckchen. Passanten, die ihn beobachten und mit ihm ins Gespräch kommen – häufig Kinder –, entdecken nicht vordergründig ein Kunstwerk, sondern verbringen eine gemeinsame Zeit und teilen einen Raum. Dieser zeitliche und räumliche Aspekt der Dwellings spiegelt sich wider in ihrer Zerbrechlichkeit: Bauen und Zerstören, Werden und Vergehen werden symbolisch und modellhaft abgebildet. Umso bemerkenswerter ist der Augenblick, wenn man als Passant zufällig ein Dwelling entdeckt. Es könnte ja morgen schon zerstört sein. So leben die Dwellings und mit ihnen die Little People im kollektiven Bewusstsein weiter, wenn sie vielleicht schon gar nicht mehr existieren.

»Thinking about the Dwellings people often feel nostalgia for homes they may have left behind in their past, representing their place of origin. Some people see them as a wished for future, of connecting to their emotional homeland,« beschreibt Simonds selbst die Reaktion auf die Arbeiten.

Wie die Modelllandschaften entziehen sich auch die Little People als fiktionale Bewohner der zeitlichen und räumlichen Einordnung. Sie sind eine Fantasie im öffentlichen Raum, eine erfundene Gemeinschaft von Menschen in einer Parallelwelt, von denen wir in den Dwellings jedoch nur Spuren sehen. Die Little People selbst sind nie da; die Dwellings ein potenziell bewohnter, verlassener oder zu beziehender Ort. In der individuellen Narration und kulturellen Verortung nehmen sie daher unterschiedlichste Formen an – von Märchenfiguren zu heimatlosen Wanderbevölkerungen bis zu ideellen Hausbesetzern.

»Seen any Little People? Tell them their homes are ready« – so titelte 1978 die Dayton Daily News (Ohio) in einem Artikel über Charles Simonds und machte in dieser Verschränkung von Fiktion und Nachrichten exemplarisch den fließenden Übergang zwischen Realität und Vorstellung in Simonds Werk und dessen Rezeption deutlich.

»Dwelling Munich« trägt dieses Projekt und Experiment fort und verpflanzt es in die Münchner Situation. Es ist mit Spannung zu erwarten, welche Geschichten die »Little People« hier erleben und erfinden werden.

In München wird Charles Simonds von Mai bis Juli 2017 mehrere seiner Dwelling Places hinterlassen, die er unangekündigt an verschiedenen Orten baut. Am 12. Mai hat er am Giesinger Bahnhof im Fenstersims eine hügelige Miniaturlandschaft aus rotem Ton und Sand entstehen lassen: Kleine Wege und eine Brücke führen vorbei an einer Art rituellen Stätte hoch zu einem verlassenen Haus auf einem der Gipfel. Das Interesse der Passanten an dieser seltsamen Modellwelt war offenbar so groß, dass das Dwelling bereits nach wenigen Tagen verschollen ist, nicht zerstört und nicht bereinigt oder aufgeräumt, sondern sehr sorgsam und vorsichtig entwendet. Ob dies nun Kunstdiebstahl oder einfach nur schade ist, spielt für den Künstler keine Rolle. Wenn das Dwelling nach einem Tag des Bauens und Ausarbeitens aller Details fertiggestellt wird, ist es dem Prozess von Werden und Vergehen ausgesetzt. Ein weiterer Dwelling Place wird Anfang Juni in Schwabing entstehen, noch darf niemand genau wissen, wo es überraschend auftaucht.

Neben seinen eigenen Dwellings führt Simonds mehrere Workshops mit Jugendlichen in unterschiedlichen Stadtvierteln von Giesing bis Hasenbergl durch. Gemeinsam werden kleine Miniatursiedlungen und visionäre Architekturen auf eigens für die jeweiligen Räume gebauten Plattformen geschaffen. Bereits Mitte Mai fand ein erster Workshop mit Schülerinnen und Schülern des Gisela-Gymnasiums am Habsburger Platz statt. An der TU München entwickeln die Fünftklässler des Wittelsbacher Gymnasiums zusammen mit Studierenden der Architektur gemeinsame Dwellings aus Ton und Recycling-Material. Und im Hasenbergl entsteht in der schaufensterartigen Front der Stadtbibliothek an der Blodigstraße eine kleine neue Welt durch Schülerinnen und Schüler der Willy-Brandt-Gesamtschule. Die Jugendlichen sollen ihre eigenen Vorstellungen und Visionen einbringen und Wohnstätten für ihre Little People entwerfen.

Ein Projekt von Charles Simonds und Münchner Jugendlichen in den Schaufenstern und an den Ecken und Kanten Münchens
Mai – Juli 2017

TERMINE
WORKSHOPS
Dwelling Schwabing
11. Mai 2017
Habsburger Platz
Workshop und temporäre Installation gestaltet von Schülerinnen und Schülern des Gisela-Gymnasiums

Dwelling TUM
15. Mai 2017
Lehrstuhl für Bildende Kunst, Prof. Tina Haase, an der Fakultät für Architektur der Technischen Universität München
Workshop mit Studentinnen und Studenten der TU München und Schülerinnen und Schülern des Wittelsbacher Gymnasiums

Dwelling Hasenbergl
30. Mai bis 18. Juni 2017
Münchner Stadtbibliothek Hasenbergl, Blodigstraße 4
Workshop und Installation im Schaufenster gestaltet von Schülerinnen und Schülern der Willy-Brandt-Gesamtschule

AUSSTELLUNG
Dwelling Munich
6. bis 30. Juli 2017
Kunstraum München, Holzstraße 10
Ausstellung des gesamten Projekts

Weitere Termine finden Sie online:
www.dwellingmunich.de

Ein Projekt der Reihe »Kunst im öffentlichen Raum – ein Programm des Kulturreferats der Landeshauptstadt München«

Kuratiert von Beate Engl, Luise Horn (Kunstraum München) und Stephanie Weber (Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München)
Grafik von Ibrahim Öztaş

In Zusammenarbeit mit dem Kunstraum München, der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, dem Lehrstuhl für Bildende Kunst Prof. Tina Haase an der Fakultät für Architektur der Technischen Universität München, der Münchner Stadtbibliothek Hasenbergl, dem Kulturzentrum Giesinger Bahnhof sowie der Willy-Brandt-Gesamtschule, dem Wittelsbacher Gymnasium und dem Gisela-Gymnasium.

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