Seit Mai 2017 zeigen die Städtische Galerie im Lenbachhaus und das Kunstmuseum Bonn in der Ausstellung „Mentales Gelb. Sonnenhöchststand“ jeweils Teile der Sammlung KiCo von Doris Keller-Riemer und Hans-Gerd Riemer. Die Sammeltätigkeit des Ehepaares, die in den frühen 1990er-Jahre begann, war von Anfang an auf öffentliche Museen ausgerichtet und damit immer auf Nachhaltigkeit und Langfristigkeit angelegt. Schon seit 1995 besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Bonn, der wenig später die Kooperation mit dem Lenbachhaus folgte. 2009 wurde die KiCo Stiftung gegründet. Nach und nach wird seitdem die bislang über 1000 Werke umfassende Sammlung der Stiftung übergeben und damit dauerhaft für die beiden Museen gesichert. Der Schwerpunkt der Sammlung lag zu Beginn auf monochromer Farbmalerei, hat sich jedoch im Lauf von zwei Jahrzehnten auf ein weites Spektrum von Gegenwartskunst bis hin zu raumgreifenden Installationen ausgedehnt. Entscheidungen über zukünftige Ankäufe treffen die Sammler im Dialog mit den Direktoren und Kuratoren der Häuser in Bonn und München.

Ein Auszug aus dem Gespräch zwischen den Sammlern Doris Keller-Riemer, Hans-Gerd Riemer und dem ehemaligen Direktor des Lenbachhauses und Vorsitzenden der KiCo Stiftung Helmut Friedel gibt spannende Einblicke in die Entstehung der Sammlung sowie die Partnerschaft mit den beiden Museen und wurde im Rahmen der Ausstellung im Katalog publiziert:

Helmut Friedel: Allem voran möchte ich sagen, dass die Sammlungen sowohl des Kunstmuseums Bonn wie die des Lenbachhauses in München durch Ihre Sammeltätigkeit einen markanten und signifikanten Zuwachs an Gegenwartskunst bekommen haben. So interessiert uns neben der Frage nach den Inhalten der Sammlung vorweg die nach den Sammlern, die dahinterstehen. Warum bleiben sie hinter dem Kürzel KiCo als Personen unbenannt?

Hans-Gerd Riemer: Für uns standen und stehen die ausgewählten Arbeiten im Mittelpunkt. Die Auswahl jeder einzelnen Arbeit hat zwar mit uns zu tun, mit unseren Vorlieben, unserer spezifischen Sicht auf einzelne Positionen der Gegenwartskunst. Wir selbst sind danach aber irrelevant. Wir wollen nicht über die Sammlung in die Öffentlichkeit treten. Das bildet sich über das Kürzel KiCo ab, das zwar mit uns zu tun hat, aber Außenstehenden keine Entschlüsselung bietet. Mit den beiden Ausstellungen läßt sich die Anonymität zwar nur bedingt wahren, sie soll ja nicht zur Attitüde werden. Es bleibt aber dabei, dass nicht wir als Personen, sondern die Sammlung im Mittelpunkt stehen soll.

HF: Welche Ideen standen am Anfang der Sammlung und wie haben sich diese während Ihrer langjährigen Tätigkeit in diesem Feld gewandelt?

Doris Keller-Riemer: Wir kommen beide aus der Nähe von Aachen und Peter Ludwig war natürlich eine prägende Gestalt in unserer Jugendzeit. Ludwig hat damals seine Exponate, vor allem amerikanische Kunst, im Alten Kurhaus in Aachen ausgestellt. Was die Begegnung mit internationaler Gegenwartskunst angeht, waren wir zu dieser Zeit verwöhnt. Wir haben lange gedacht, was wohl in den Metropolen zu sehen ist, wenn schon im kleinen Aachen so aufregende Werke versammelt waren. Nach und nach wurde uns klar, dass Ludwig einer der wichtigsten Sammler für zeitgenössische Kunst in Europa war. Das hat schon ganz früh unser Interesse für Gegenwartskunst geweckt und den Blick für Qualität geschärft.

HF: Wie kam es zu Ihrer Sammlungstätigkeit?

HGR: Den Beginn des Sammelns können wir als den Moment definieren, in dem wir die erste Arbeit erworben haben, die zu groß war, als dass wir sie in unser damaliges Haus hätten hängen können. Bei dieser Arbeit war gleich klar, dass wir sie nur dann erwerben, wenn sie nicht einfach ins Depot wandert, sondern öffentlich zugänglich wird. Das war 1995, also vor mehr als 20 Jahren. Diese erste Arbeit haben wir noch vor dem Erwerb dem Kunstmuseum Bonn angeboten, das unserem Angebot zustimmte. Diese Absprache mit dem Kunstmuseum Bonn würde ich als den eigentlichen Beginn unserer Sammlungstätigkeit bezeichnen.

HF: Und was war das für ein Werk?

HGR: Bei der ersten Arbeit handelte es sich um ein Bild von Jerry Zeniuk. Schon bei diesem Ankauf war klar, dass es nicht bei dem einen Bild bleiben sollte, sondern dass wir einen Zeniuk-Raum im Kunstmuseum Bonn entstehen lassen wollten. Im Folgejahr haben wir zwei weitere Bilder von Zeniuk erworben, die auch recht bald im Kunstmuseum Bonn gezeigt wurden.

HF: Von welchen Motiven war ihre Sammlertätigkeit geleitet? Und wie haben Sie sich beide, die Sie sich so lange kennen, darauf geeinigt, welchen Weg Sie mit Ihrer Sammlung einschlagen möchten?

DKR: Eine weitere weit zurückliegende Inspiration kommt aus einer gemeinsamen Studienfahrt nach England kurz vor dem Abitur – wir beide waren auf dem Gymnasium in einer Klasse. In der Tate in London haben wir den späten Turner gesehen und waren beide sehr begeistert von der Farbigkeit. Einfach Licht und Farbe, wie sie sich in den späten Turners ausdrücken!

HF: Und das war ein Ausgangspunkt für Ihre Sammeltätigkeit? Denn es gab ja vor Zeniuk schon einzelne Erwerbungen. Haben Sie nicht schon vorher Antonio Calderara erworben?

HGR: Nicht vorher, aber schon kurz darauf. Auch bei Calderara hat uns das in den Bildern eingefangene Licht und der Übergang zur Abstraktion interessiert. Und in der Tat ist es so, dass wir vor der größeren Arbeit von Zeniuk schon zwei oder drei kleinere Arbeiten von Zeniuk erworben haben. Die waren damals für unsere Wohnräume vorgesehen. Über dieses Zusammenleben mit den Bildern haben wir erst deren gesamtes Potential erkannt und uns gesagt, dass diese Bilder viel mehr sein können, als nur ein privater Genuss. So gesehen, war auch das ein Ausgangspunkt. Aber wie meine Frau schon sagte, das Spätwerk von Turner, in dem das pure Licht so ein elementares Thema ist und die Gegenständlichkeit verschwindet, das war es, was uns damals so bewegt hatte. Insofern waren Licht und Farbe in der Natur und deren Übersetzung in die Malerei die Themen, die uns von Anfang bei unserer Sammlungstätigkeit beschäftigt haben.

HF: Aufgrund der geografischen Nähe überrascht es nicht, dass Sie das Kunstmuseum Bonn als „Museumspartner“ gefunden haben. Aber wie kamen Sie nach München und an das Lenbachhaus?

HGR: Auch hier war im Grunde wieder Zeniuk der Auslöser. Es gab im Lenbachhaus Anfang 1999 eine größere Zeniuk-Ausstellung und in dieser Ausstellung waren wir als Leihgeber vertreten. Über diese Ausleihe sind wir mit Ihnen in Kontakt gekommen, Herr Friedel. Und wie so oft im Leben hängt eben vieles davon ab, ob die Chemie stimmt oder nicht. Zwischen uns entstanden sehr bald spannende, sich wechselseitig verstärkende Impulse. Einen solchen Austausch gab es damals mit Bonn nur sehr spärlich. Dies lässt sich damit begründen, dass das Kunstmuseum Bonn intensiv mit dem Großsammler Hans Grothe zusammenarbeitete, in dessen Sammlung viele markante Positionen der Gegenwartskunst vertreten waren. Zu Grothes Sammlung zählten Spitzenwerke von Gerhard Richter, Sigmar Polke, Anselm Kiefer, Andreas Gursky oder Thomas Demand. Es waren also bestimmte Positionen schon besetzt und die Begleitung unserer Sammlung, die ja noch am Anfang stand, war da bestimmt noch nicht so interessant. Das Kunstmuseum hat zwar gerne Arbeiten von uns übernommen, aber in der Anfangsphase fehlte uns ein wenig die wechselseitige Inspiration. Das haben wir dann mit München erlebt. Ich bin mir sicher, dass sich das auch in der Sammlung abbildet, in der Art, wie sie sich seitdem entwickelt hat.

HF: Sie haben bereits erwähnt, dass Sie von Anfang an nicht so sehr daran interessiert waren, Einzelwerke zu kaufen, sondern vielmehr daran, künstlerische Positionen durch mehrere Arbeiten zu erschließen und ein Zusammenspiel mehrerer Aussagen eines Künstlers zu bewirken. Wie wurden Sie auf diesen Gedanken gebracht? Es ging ja oft darum, Ausgangswerke, Hauptwerke und spätere Bilder eines Künstlers zusammenzubringen.

DKR: Für mich hat das etwas mit einer ganzheitlichen Erfahrung zu tun. Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Phasen des Werks eines Künstlers wird meiner Meinung nach dessen Œuvre, das sich im Laufe der Zeit ja auch entwickelt, viel eher gerecht. Deswegen finden wir es wichtig, die Vielfalt eines Werkes kennenzulernen und eine längere, auch intensivere Auseinandersetzung zu ermöglichen. Nicht nur für uns selbst, sondern auch für diejenigen, die durch das Museum gehen und dort den Werken begegnen.

HF: Ich glaube, Ihr Anspruch als Sammler, nicht nur einzelne Belegstücke der Kunstgeschichte zu besitzen, sondern komplexere Zusammenhänge im Werk aufzuzeigen, wird auch durch den Wunsch motiviert, einzelne künstlerische Persönlichkeiten im Speziellen zu würdigen.

HGR: Ja, aber ich glaube auch, dass wir das sinnliche Erlebnis der Kunst aufnehmen wollen. Kunst bietet Zugänge über einen kognitiven oder über einen sinnlichen Weg an. Und zumindest bei mir ist es so, dass mich Kunstwerke viel mehr ansprechen, wenn sie auch eine starke sinnliche Ausstrahlung haben. Es ist schön, wenn man etwas zusätzlich erklären kann, aber zunächst einmal stelle ich mir die Fragen: Was macht die Arbeit mit mir? Wie reagiere ich auf die Arbeit? In diesem Sinne begreife ich auch unsere Sammlung. Das Zusammentragen ausgewählter Werke und deren gemeinsame Präsentation kann dann die Wirkung einer einzelnen Arbeit noch deutlich verstärken.

HF: Was wird genau durch diese Kombination mehrerer Werke ermöglicht? Welche Veränderungen bewirkt das? Wird man vielleicht dazu angehalten, die eigene Perspektive auf das jeweilige Werk neu auszurichten?

DKR: Durch diese intensive Beschäftigung mit verschiedenen Aspekten eines Œuvre entsteht manchmal ein persönlicher Zugang zu Künstlern. Das ist mit Sicherheit nicht unwichtig. Man wird aber auch dazu herausgefordert, sich mit dem Werk tiefer auseinanderzusetzen. Wobei das ja auch schon bei einer einzelnen Arbeit passieren kann. Wir haben lange Zeit mit einem monochrom blauen Bild von Rolf Rose gelebt und haben intensiv erfahren, wie sich dieses Bild im Licht verändert. Aber nicht nur das Bild verändert sich, sondern mit ihm auch die eigene Stimmung. Durch das unterschiedliche Licht, das im Laufe eines Tages in den Raum fällt, blüht der blaue Farbkörper immer wieder anders auf und man kann fast sagen, dass das Bild, obwohl es „einfach“ nur „flach“ an der Wand hing, doch ein großes Volumen bekam. Das ist eine ganz spannende Erfahrung, die man mit dieser Art von Kunst, auf die wir uns zunächst fokussiert haben, machen kann.

HF: Aber ich entnehme dem, was Sie gesagt haben, doch auch, dass neben der sinnlichen Erfahrung der Kunstwerke auch die Begegnung mit den Künstlern selbst einen wichtigen Aspekt darstellt. Indem Sie mehrere Werke von einer Künstlerin oder einem Künstler zusammengetragen haben, ist es unvermeidlich, sich auch persönlich mit den Künstlern auseinanderzusetzen. Es gibt doch oft einen Zusammenhang zwischen Werk und Persönlichkeit, den man vielleicht nicht nur aus einer werkimmanenten Betrachtung ableiten kann. Waren diese Begegnungen für Sie ergänzende oder zentrale Aspekte Ihres Kunstsammelns?

HGR: Ich denke, dass man zwischen dem Werk und der Künstlerpersönlichkeit unterscheiden sollte. Es ist menschlich sehr bereichernd, mit Künstlern zusammenzukommen und bei Atelierbesuchen Einblicke in das Werk zu erhalten – das sind sicher sehr spannende, manchmal sogar bewegende Erfahrungen. Solche Erlebnisse ergänzen vielleicht auch die eigene Wahrnehmung der Kunst. Und trotzdem glaube ich, dass die Kunst sehr stark für sich spricht. Also die Persönlichkeit des Künstlers dominiert meines Erachtens nicht die Wahrnehmung, aber sie schwingt mit. Auch unabhängig davon, ob man den Künstler kennt oder nicht, ist die Aussage des Kunstwerkes meiner Meinung nach bedeutend genug und steht für sich.

 

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